Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Schlämmen von Makroresten: © 2004-2017 Goethe-Universität Frankfurt am Main

Aus dem Schlamm

Die Archäobotanik kann man als Symbiose der Archäologie und der Botanik verstehen. Diese Disziplin versucht anhand von Funden pflanzlichen Ursprungs die Vegetations- aber auch Agrargeschichte der Welt zu rekonstruieren. Zusammen mit der Disziplin Archäozoologie bildet diese Wissenschaft die Spate der Archäobiologie.

Eine holzverschalte Kloake wird freigelegt. (Foto: LWL/Cichy)

Üble Gerüche, spannende Funde

Gräbt ein Archäologe mit seinem Team in einem Stadtgebiet, kann es vorkommen, dass man neben Gebäudegrundrissen auch Latrinen findet. Latrinen sind Aborte, eine Art vergangener Mülleimer, in denen Menschen so ziemlich alles entsorgt haben, auch ihre persönlichen Bedürfnisse. Was für den Einen jetzt eher abstoßend klingt, ist für Archäologen mitunter ein wahres Paradies. Um etwas über vergangene Menschen herauszufinden, bietet es sich deswegen immer an, in ihrem Müll zu graben.

Latrinen können also einen guten Aufschluss darüber geben, was Menschen zur damaligen Zeit verbraucht haben.

Wer sich jetzt aber vorstellt, wie Archäologen beispielsweise ganze Äpfel oder Brotreste von vor 500 Jahren aus einer Latrine zaubern, der hat weit gefehlt. Wenn überhaupt kommt es in seltenen Fällen vor, dass sich Produkte pflanzlichen Ursprungs komplett erhalten. In der Realität sieht man sich meistens Humus gegenüber. Dieser wird mit viel Wasser vermengt und durch ein Sieb gegeben. Mit viel Glück bleiben im Sieb dann sogenannte Makro- und Mikroreste hängen.

Steinobst mit Steinkernen von Pflaume, Schlehe, Süß- und Sauerkirsche aus einem mittelalterlichen Latrinenschacht der ehemaligen Reichsstadt Wetzlar. (Bildquelle: http://www.geo-arch-bot.de/seiten/archaeobotanik.html )

Was man so findet

Unter Makroresten versteht man Dinge wie Samen, Obstkerne oder Holzreste. Besonders diese Makroreste können in Latrinen häufig auftreten, da beispielsweise Samen, Obstkerne und kleine Knochenfragmente weder vom Körper noch vom Boden gut zersetzt werden können. Anhand dieser kleinen Produkte kann man somit herausfinden, welche Getreidesorte, welches Obst oder welche Tiere vorzugsweise am Fundort verzehrt wurden.

 Findet man Fischgräten unter den Proben, kann mitunter festgestellt werden, um was für eine Art von Fisch es sich handelte. Ist es ein Salzwasserfisch der beispielsweise in der Nordsee auftritt aber in Stuttgart in einer Latrine nachgewiesen werden kann, kann man annehmen, dass ein Kontakt jeglicher Art zwischen diesen Regionen bestand.

Findet man in einer Handwerkersiedlung im nördlichen Deutschland des 16 Jh. beispielsweise Kerne von Früchten mit einem damaligen exotischen Charakter, die ihren Ursprung im südlicheren Teil Europas finden, kann beispielsweise angenommen werden, dass die dort ansässigen Menschen wohlhabend waren und sich exotische Früchte leisten konnten oder zumindest einen Kontakt in diese Region pflegten. Sicher ist dann auf jeden Fall, dass die Menschen diese Speise zu dieser Zeit in ihre Region importierten und somit bereits kannten. Je mehr Latrinen man nun in der gleichen Stadt findet, desto besser lässt sich ein Bild ihres damaligen Konsumverhaltens rekonstruieren. Häufig kann durch den Verzehr gewisser Produkte auch angenommen werden, wie wohlhabend diese Menschen zu einer bestimmten Zeit in einem Viertel gewesen sein müssen.

Verlässt man nun die frühe Neuzeit, das Mittelalter und die Antike und wendet sich einer ferneren Zeit, dem Neolithikum zu, kann man Dank der Archäobotanik auch dort wichtige Erkenntnisse erzielen.

So hat es vielleicht mal ausgesehen... (Bild: LWL-Museum für Archäologie)

Was es uns bringt...

Im Neolithikum wurden die Menschen sesshaft, begannen Vieh zu züchten und Ackerbau zu betreiben. Dank der Archäobotanik ist heute unter anderem bekannt, welche Getreidesorten die damaligen Menschen auf ihren Feldern anbauten. Wer jetzt aber annimmt, dass die Archäobotanik bloß dass Konsum- und Essverhalten vergangener Gesellschaften rekonstruieren kann, wird überrascht sein. Die Archäobotanik kann nämlich noch mehr!

Durch die Analyse von Mikroproben, beispielsweise Pollen und Sporen, können Vegetationsverhältnisse bis in die frühste Vergangenheit rekonstruiert werden, die wiederum einen Aufschluss über das Klima ermöglichen. ArchäobotanikerInnen sind also in der Lage anhand von Pollenresten herauszufinden, welche Bäume, Gräser oder Sträucher in der letzten Eiszeit in Europa vorhanden waren. Natürlich ist auch das bloß eines von vielen Beispielen.

Es lässt sich also festhalten, dass die Archäobotanik alle Reste pflanzlichen Ursprungs untersucht und damit einen Teil zur Rekonstruktion vergangener Zeiten beiträgt. Dank dieser Wissenschaft lässt sich herausfinden, was die Menschen zu unterschiedlichen Epochen an pflanzlichen Produkten verzehrt und verwendet haben und wie die Vegetation, in der sich diese Menschen bewegten, ausgesehen haben könnte.