Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Die Geheimnisse der Damen von Ilse

Als ich zu Beginn meines Praktikums gefragt wurde, einen Blogbeitrag über mein Lieblingsobjekt der Dauerausstellung zu schreiben, war ich mir sicher, dass ich über ein römisches Fundstück berichten möchte. Dann bekam ich die Aufgabe, mich mit den Funden aus dem Gräberfeld von Petershagen–Ilse zu beschäftigen, um die Entnahme zur Restaurierung und zum wissenschaftlichen Zeichnen vorzubereiten Einige Tage später war ich von den Damen und ihren Geheimnissen so fasziniert, dass ich mich entschied, ihnen meinen Blogbeitrag zu widmen.

Gipsblock in der Ausstellung, Foto: LWL-Museum für Archäologie, C. Moors

Grabungsgeschichte

Auf das erste Grab des Gräberfelds von Petershagen-Ilse stieß man bereits 1926 bei Umbauarbeiten. Allerdings sollte es noch bis 1998 dauern, bis weitere Gräber entdeckt wurden, die den Fund, anders als zunächst vermutet, überhaupt erst von einem Einzelfund zu einem Gräberfeld machten. Viele der Gräber wurden aufgrund der Fragilität der Objekte in Gipsblöcken geborgen und sind auch heute noch so im LWL-Museum für Archäologie in Herne ausgestellt, um dem Besucher diese Art der archäologischen Fundbergung zu zeigen (Abb. 1).

Besonders spannend an den freigelegten Gräbern ist, dass sich hier bis auf zwei oder drei Ausnahmen nur die letzten Ruhestätten von Frauen finden lassen. Diese Frauen bekamen von den Ausgräbern Namen, die alle auf –a(h) endeten: Christa, Daniela, Martina, Andrea, Alina, Regina, Hannah, Laura, Claudia, Frieda, Diana, Ophelia, Klara, Sarah, Mira, Mattea, Lena. Alle Frauengräber waren mit Grabbeigaben ausgestattet, für das eisenzeitliche Ostwestfalen etwas völlig Fremdes.

Abb. 2: Gefäße der Nienburger Kultur, Foto: LWL-Museum für Archäologie, C. Moors

Die Grabbeigaben

Die Beigaben, die in den Gräbern der Damen von Ilse gefunden wurden waren größtenteils Schmuckstücke aus Bronze. In einigen Gräbern wurde allerdings auch Keramik gefunden, die teilweise der einheimischen Nienburger Kultur zugerechnet werden kann (Abb. 2). Die Damen von Ilse haben also nicht komplett abgeschottet gelebt, sondern anscheinend auch Kontakt zur einheimischen Bevölkerung gehabt.

Abb. 3: Ring mit Textilresten, Foto: LWL-Museum für Archäologie, C. Moors
Abb. 4: Rekonstruktion der Tracht, nach Bérenger 2001

Die bronzenen Grabbeigaben hingegen waren Bestandteile der Tracht. Die Fußringe wurden den Mädchen in einem gewissen Alter angelegt und konnten dann im Erwachsenenalter nicht mehr abgenommen werden. Ursprünglich waren sowohl diese Fußringe als auch die Armringe mit Textil überzogen, an einigen Ringen lassen sich auch noch Reste des Textils erkennen (Abb. 3). Wie die Rekonstruktion der Tracht zeigt (Abb. 4), wurden die Schleifenring und Spiralen von den Damen an einem Kopftuch befestigt und so an ihren Schläfen getragen.

Enthüllung der Geheimnisse

Doch nicht nur die vorhandenen Grabbeigaben, auch die Bestattungsart war für das eisenzeitliche Ostwestfalen völlig untypisch. Im Gegensatz zur üblichen Brandbestattung waren Diana, Laura und die anderen Damen körperbestattet gefunden worden. Um diese untypischen Sitten aufzuklären, wurden mit Hilfe der Strontium-Isotopenanalyse (Abb. 5) Zähne von 5 Frauen (Abb. 6) untersucht und mit den Werten aus einer Analyse von einem zeitgleichen, benachbarten Urnenfriedhof der einheimischen Bevölkerung verglichen. Das Ergebnis der Analyse zeigte, dass einige der Damen nicht gebürtig aus Petershagen stammten, sondern dorthin gewandert sein mussten (Abb. 7 Vergleich). Anhand der Strontiumsignatur mutmaßten die Forscher, dass die Damen ursprünglich wohl aus Südwestdeutschland, dem Elsass oder der Schweiz stammten, eine genauere Eingrenzung ist allerdings nicht möglich. Mit diesem Ergebnis war die endgültige Erklärung für die untypischen Grabbeigaben und Bestattungssitten gefunden. Anstatt sich den lokalen Sitten anzupassen, hielten die Damen an ihrer ursprünglichen Tracht und ihren Sitten fest.

  • Abb. 5: Schematische Darstellung der Strontium-Isotopenanalyse, nach Tatort Forscherlabor 2011

  • Abb. 6: Reste der Schädelkalotte aus Grab 4, Foto: LWL-Museum für Archäologie, C. Moors

  • Abb. 7: Vergleich der Strontium-Isotopenanalyse, nach Fundgeschichten 2010

Und noch ein Geheimnis konnten die Forscher den Damen von Ilse mit Hilfe der Strontium-Isotopenanalyse entlocken: bei ihnen handelte es sich um zwei unterschiedliche Generationen. Während drei der fünf Frauen (Andrea (Grab 4), Sarah (Grab 16) und Ophelia (Grab 14)) nicht-lokale Strontiumwerte aufwiesen, entsprachen die Werte von Alina (Grab 5) und Claudia (Grab 11) denen der einheimischen Bevölkerung. Es ist also davon auszugehen, dass Andrea, Sarah und Ophelia nach Petershagen eingewandert waren und mit Alina und Claudia ihre Kinder dort bekamen und aufzogen. Ungeklärt bleiben allerdings immer noch die Gründe, die zu einer Abwanderung aus der Heimat geführt hatten.

Doch wer genau waren die Frauen von Ilse? Daniel Bérenger stellt die Vermutung auf, dass es sich bei den Damen von Ilse um die Ehefrauen von Fernhändlern handelt, die sich an einer handelsmäßig günstigen Stelle niedergelassen hatten. Diese These ist für ihn gleichzeitig auch die Erklärung, warum sich in Petershagen nur die Gräber von Damen haben finden lassen. Während die Frauen zu Hause blieben und sich um die Kinder kümmerten, waren die Männer als Fernhändler vorwiegend auf Reisen. Es ist wahrscheinlich, dass die meisten der Männer auf diesen nicht gerade ungefährlichen Reisen ums Leben kamen und dann am Sterbeort beigesetzt wurden, sofern dies überhaupt möglich war.

Faszination Gräberfeld

Die Damen von Ilse hatten mich bereits nach kurzer Zeit in ihren Bann gezogen. So viele ungelöste Geheimnisse, die diese Damen mit sich trugen und auch zum Teil immer noch mit sich tragen, ist selten: Wer waren die Damen? Warum wichen ihre Tracht und ihre Sitten so deutlich von denen der einheimischen Bevölkerung ab? Warum wurden nur die Gräber von Frauen gefunden? Woher kamen die Damen und welche Beweggründe hatten sie für die Abwanderung aus ihrer Heimat? Warum ließen sich die Damen ausgerechnet in Petershagen nieder? All diese Fragen, von denen vor allem die Fragen nach der Herkunft der Damen und den Gründen für die Abwanderung auch nach intensiven Analysen immer noch nicht zu klären sind, machen das Gräberfeld von Ilse zu einem besonders spannenden Forschungsobjekt.

  • Abb. 8: Zeichnung der Spirale aus Grab 13, Zeichnung: LWL-Archäologie für Westfalen

  • Abb. 9: Doppelspiralen aus Grab 6, Foto: LWL-Museum für Archäologie, C. Moors

  • Abb. 10: Schleifenring mit Glasperle aus Grab 11, Foto: LWL-Museum für Archäologie, M. Klaas

  • Abb. 11: Zeichnung des Schleifenringes mit Glasperleaus Grab 11, Zeichnung: LWL-Archäologie für Westfalen

Neben all diesen mehr oder weniger geklärten Fragen, fasziniert mich auch die auffällig filigrane Verarbeitung der verschiedenen Schmuckstücke wie etwa die Spiralen von Diana (Grab 13) (Abb. 8) oder die Doppelspiralen von Regina (Grab 6) (Abb. 9). Dass diese Art der Schmuckherstellung schon zu diesem frühen Zeitpunkt in einer Qualität möglich war, die die Schmuckstücke mehrere Jahrtausende überdauern ließ, finde ich außerordentlich bemerkenswert. Ein besonders schönes Schmuckstück, und damit mein ausgesuchtes Lieblingsobjekt der Dauerausstellung, ist ein Schleifenring mit Glasperle aus dem Grab Claudias (Grab 11) (Abb. 10, 11).


Exkurs

Strontium-Isotopenanalyse

Je nach der Region, in der sie leben, lagern Menschen (und auch Tiere) das chemische Element Strontium in unterschiedlichen Verhältnissen in Knochen und Zähnen ein. Während sich der Zahnschmelz eines Menschen nach dem 4. Lebensjahr nicht mehr verändert, bilden sich Knochen hingegen ein Leben lang neu. An den Strontium-Isotopenverhältnissen der Zähne lässt sich also ausmachen, wo ein Mensch in seiner frühen Kindheit gelebt hat, an seinen Knochen lässt sich erkennen, wo er die letzten fünf bis zehn seines Lebens verbracht hat.

 

Melanie Klaas, Praktikantin