Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Lara Helsberg erdenkt sich einen fiktiven Dialog (Foto: Marcus Coesfeld).

Alles tutti, Kotti?

Die Frage an einen alten Bekannten

Würde ich diese Frage an Kotti richten, könnte die Antwort lauten: „Och du, ich habe etwas Fieber und mein Kopf dröhnt. Am schlimmsten sind aber meine Nackenschmerzen. Mein Nacken fühlt sich echt ziemlich steif an.“

Wäre Kotti nicht schon seit rund 60.000 Jahren tot, könnte ich darauf wohl den Vorschlag machen, mit diesen Symptomen einen Arzt zu konsultieren. Dieser hätte mit Sicherheit die Hirnhautentzündung festgestellt, an der Kotti mit hoher Wahrscheinlichkeit verstarb. 
Einige von Euch fragen sich jetzt wahrscheinlich, wer oder was genau Kotti eigentlich ist.

Natürlich entsprang dieser Name nicht meinem kreativen Kopf und Kotti ist garantiert auch keines meiner Hirngespinste. Kotti gab es tatsächlich, wie schon erwähnt, vor mehr als 60.000 Jahren.

Bevor ich Euch Kotti genauer vorstelle, möchte ich vorab erklären, wie ich eigentlich zu Kotti gekommen bin. Kennengelernt habe ich Kotti rein zufällig, in der Bibliothek. Bei meiner Recherche für ein Referat stieß ich auf Artikel, die Funde und Fundstellen des Münsteraner Umlandes behandeln. Der Artikel zu einem Neandertaler-Fund in Warendorf zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Da ich für mein Referat aber ein anderes Thema bearbeiten musste, scannte ich den Artikel ein, um ihn an einem späteren Zeitpunkt zu lesen.

Wer kennt das nicht? Natürlich, habe ich diesen interessanten Artikel vergessen.

Der Standort von "Kotti" in der Dauerausstellung (Foto. Lara Helsberg).

Lange habe ich nicht über diesen Neandertaler-Fund nachgedacht. Erst als ich zu Beginn meines Praktikums den Auftrag erhielt, einen Beitrag über mein Lieblingsobjekt in der Dauerausstellung zu schreiben, schlenderte ich durch eben diese. Dabei fiel mir meine alte Bekanntschaft auf. Eilig schritt ich auf sie zu und konnte es kaum fassen. Natürlich musste ich sofort an den Artikel denken, den ich vor einigen Monaten noch extra eingescannt hatte, und ärgerte mich dementsprechend, ihn nicht gelesen zu haben. Auf der anderen Seite freute ich mich, dass ich das, was mich damals so interessierte, nun mit eigenen Augen ansehen konnte. Sofort stand fest: Ich muss mein Versäumnis wieder gut machen und einen Beitrag dazu schreiben.

Jetzt möchte ich Euch nicht noch länger auf die Folter spannen und zum eigentlichen Inhalt dieses Beitrags kommen. Den aufmerksamen Lesern unter Euch müsste bereits aufgefallen sein, dass es sich bei Kotti um einen Neandertaler handelt (oder wie er in der Fachwelt genannt wird: homo neanderthalensis).

Das Original im Evolutionskubus in der Dauerausstellung (Foto: Lara Helsberg).

Zeitlich sind Neandertaler in die Steinzeit zu verorten, genauer genommen ins so genannte Paläolithikum, die Altsteinzeit. Diese Menschenart lebte schon vor etwa 300.000 Jahren, bis sie schlussendlich vor etwa 30.000 Jahren ausstarb. Auch Kottis Lebzeiten fallen in diese Periode. Vermutlich hat Kotti vor 115.000 bis 30.000 Jahren gelebt, während einer Warmphase der letzten Eiszeit.

Viele nehmen an, dass der Neandertaler ein direkter Vorfahre des heutigen Menschen ist, allerdings stimmt dies nicht ganz. Der moderne Mensch (homo sapiens) und der Neandertaler haben bloß denselben Vorfahren, den homo erectus. Man könnte somit behaupten, die Art homo neanderthalensis sei eine evolutionäre Sackgasse. Wer jetzt aber denkt, der Neandertaler sei komplett ausgestorben, irrt auch. Da sich moderne Menschen und Neandertaler begegnet sind, hatten sie nicht nur die Möglichkeit sich kennen-, sondern auch lieben zu lernen. Der moderne Mensch existiert nämlich bereits seit etwa 40.000 Jahren in Europa. Aus diesen Liebschaften resultiert, dass heutige Menschen ca. ein bis zwei Prozent Neandertaler-Gene in sich tragen. Der Neandertaler lebt also in uns weiter, zumindest zu einem kleinen Teil.

Der erste  namenhafte Fund eines Neandertalers ist 1856 durch italienische Steinbrucharbeiter im Neandertal bei Mettmann gemacht worden. Die gefundenen Überreste wurden erst an Johann Carl Fuhlrott und später an Hermann Schaaffhausen gegeben. Beiden war klar, dass es sich um eine frühe Menschenform handeln muss. Wer jetzt eins und eins zusammenzählen kann, wird erkennen, warum der homo neanderthalensis so heißt, wie er heißt.

Lara stellt Nachforschungen im Forscherlabor an (Foto: Marcus Coesfeld).

Kotti hingegen wurde erst 1995 von Josef Gora am Kottruper See in Warendorf neben vereinzelten Tierknochen und Steingeräten gefunden. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch nicht klar ersichtlich, dass es sich um einen Neandertaler handelt, da kein komplettes Skelett gefunden wurde, sondern lediglich ein Schädelfragment. Dieses Schädelfragment wies jedoch Ähnlichkeiten zum Neandertaler-Fund in Düsseldorf auf. Indikatoren dafür waren die starke Krümmung des Schädeldaches sowie das Eindrucksmuster der Hirnhautarterien. Erst die anthropologische Untersuchung und die DNA-Analyse haben den Verdacht bestätigt. Kotti ist ein Neandertaler. Vermutlich war Kotti zum Zeitpunkt des Todes etwa 20 bis 30 Jahre alt. Was für uns heute ziemlich jung klingt, war zur damaligen Zeit kein ungewöhnliches Sterbealter, zumindest nicht für Neandertaler. Die meisten bis jetzt bekannten Fossilien müssen in diesem Alter umgekommen sein. Einzig ein Fund in Frankreich (La Chapelle aux Saint), weist ein deutlich höheres Sterbealter auf. Dieses Individuum wird um sein 50. Lebensjahr herum verstorben sein.

Wie bereits eingangs erwähnt wurde, starb Kotti an einer Hirnhautentzündung. Somit konnte man in diesem Fall nachweisen, warum der Tod eintrat. Aber nicht alleine das macht Kotti so besonders. Kotti ist der nördlichste Fund dieser Menschenart und der einzige in Westfalen –  also ein starkes Stück für die Geschichte unserer Region.

Jetzt ist nur noch eine letzte Frage offen: Warum heißt Kotti eigentlich Kotti? Auch diese Frage lässt sich leicht beantworten. Der Name Kotti, leitet sich vom Fundplatz ab, dem Kottruper See, so sagen es zumindest einige Zeitungsartikel.

 

Lara Helsberg, Praktikantin

Publikationsdatum: 16.12.2016

Themen: Dauerausstellung, Mitarbeiter und Praktikanten, Wissenswertes