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Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Abb. 1: Aschheim-Bajuwarenring. Bügelfibeln aus dem Doppelgrab 166 (rechts)/ 167 (links). Foto: AschheiMuseum/Pütz

Ein Bügelfibelpaar aus einem ganz besonderem Grab

Mein Lieblingsexponat

In der Sonderausstellung zum Thema Pest fiel mir gleich am Anfang ein Exponatpaar (Abb. 1) auf, welches ich genauer unter die Lupe nehmen wollte. Wenn man einen Rundgang durch die Ausstellung macht, erreicht man nach einer Einführung über den Pesterreger Yersinia pestis ein rekonstruiertes Grab mit verschiedenen Beigaben. Bei einem dieser Exponate handelt es sich um ein gut erhaltenes Bügelfibelpaar. Diese Fibeln werden auch „Dachfußfibeln“ vom nordischen Typ genannt. Wir befinden uns am Anfang des Rundgangs und zwar im Bereich der Justinianischen Pest im frühen Mittelalter. Aber was genau ist eine Bügelfibel, warum wird dieses Exponat in der Sonderausstellung gezeigt und was verbindet es mit der Pest?
 

Die Bügelfibeln – pragmatisch und schön

Auf den ersten Blick nicht gleich erkennbar, diente eine Fibel dazu, Kleidungsstücke zusammenzuhalten. Sie besaß aber immer zugleich auch die Funktion als Zier- bzw. Schmuckelement. Zeitlich gesehen waren die Bügelfibeln vom 5. bis frühen 7. Jahrhundert in Mode. Die Schauseite der Schließe besteht aus zwei flacheren Zierflächen, die mit einem Bügel verbunden sind, daher der Name „Bügelfibel“. Fibeln bestehen dabei meist aus Bronze, aber auch Fundstücke aus Eisen, Silber und Gold sind zu finden. Die Bügelfibel bot sich besonders für die Falten eines schweren Stoffes an. Unter ihnen gibt es verschiedene Ausführungen. Im Laufe des 5. Jahrhunderts verlagerte sich die Bügelfibel vom Brust- in den Unterkörperbereich (Abb. 2). Gleichzeitig werden die vorher schmächtigen Bügelfibeln schwerer und breiter. Mit Beginn des 6. Jahrhunderts findet eine sprunghafte Zunahme der Bügelfibeln statt. Meistens trug man Fibeln paarweise, dabei waren sie manchmal mit einer Kette verbunden. Getragen wurden sie nicht nur von Frauen; auch Männer trugen Fibeln. Als Beispiel sind hier die sogenannten „Soldatenfibeln“ zu nennen, die, wie der Name schon vermuten lässt, von Soldaten getragen wurden.

  • Abb. 2: Doppelgrab 166/167 (Gutsmiedl 2005, ergänzt von Paulina Arns.)

  • Abb. 3: Doppelgrab des Gräberfeldes Aschheim-Bajuwarenring (Foto: Firma ARDI)

Das Doppelgrab 166/167

Bei einer Ausgrabung in Aschheim-Bajuwarenring im Jahre 1998 fand man das Doppelgrab 166/167 (Abb. 3), in dem zwei Frauen unterschiedlichen Alters beigesetzt waren. Schon bei der Ausgrabung fiel das Grab durch seine außergewöhnlichen Beigaben auf, darunter auch die gußgleichen Bügelfibeln. Den Frauen war jeweils eine große Bügelfibel mitgegeben worden, die beide zwischen den Oberschenkeln lagen. Eine bestattete Frau schätzt man auf 40–59 Jahre und auf eine Körpergröße von 161 cm. Die Bestattete in Grab 167 starb als Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren. Interessant ist, dass die Bügelfibeln, die überwiegend paarweise getragen wurden, auf beide Bestattungen aufgeteilt gewesen waren. Dies kann als Indiz für eine verwandtschaftliche Verbundenheit der beiden Frauen, aber auch als Ausdruck für den gemeinsamen Todeszeitpunkt gesehen werden. Aber warum befindet sich genau dieses Exponat in der Sonderausstellung zum Thema Pest?
Bei einer weiteren Untersuchung fanden Anthropologen in den Zähnen der beiden Frauen den Pesterreger Yersinia pestis. Beide Frauen waren nachweislich fast zeitgleich an der Pest verstorben. Dabei vermutet man, dass die Bevölkerung von Aschheim-Bajuwarenring von mehr als einer Pestwelle getroffen worden ist. Einem internationalen Forscherteam aus München, Mainz und Arizona gelang es erstmals unter Beteiligung der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München, Pest-DNA aus Skeletten zu isolieren und zu typisieren.
 

Das Bügelfibelpaar aus Aschheim-Bajuwarenring

Die Bestattung der Frauen datiert in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit waren die Bügelfibeln jedoch bereits mehrere Jahrzente alt. Die silberne Fibel (Abb. 4/5) aus Grab 166 weist eine Länge von 12,8 cm auf. Sie besitzt eine rechteckige Kopfplatte und eine rautenförmige Fußplatte, deren Seiten nach innen einschwingen. Die beiden Hälften bilden dabei einen Winkel, wie bei einem Satteldach. Fibeln dieser Art werden daher auch als „Dachfußfibeln“ bezeichnet.

Abb. 4. Bügelfibel aus Aschheim-Bajuwarenring im LWL-Museum für Archäologie Herne (Foto: Paulina Arns)

Rechteckige Kopfplatten deuten dabei meistens auf einen skandinavischen Einfluss hin. Die Fibel ist mit Niellodekor verziert. Bei der Niello-Technik wird eine geschmolzene Mixtur aus Silber, Kupfer, Blei und Schwefel hergestellt, welche in die Vertiefungen des Silbergegenstands gerieben und über Feuer eingeschmolzen wird. Während die Schauseite feuervergoldet ist, sind es die Rahmenleisten und der Mittelgrat der Vorderseite nicht, sodass eine zweifarbige Optik entsteht. Insgesamt 14 Knöpfe und Ornamente an der Schauseite verzieren die Kopfplatte. Bügel und Fuß sind flächig mit Kerbschnittdekor überzogen. Durch einen breiten Steg in der Mitte des Bügels getrennt, findet sich je eine Wellenranke in den Musterfeldern links und rechts davon. Dies sei nach Haseloff eine für jütländische Bügelfibeln charakteristische Verzierungsart der Bügel. Die Fußplatte dieses Exemplars ist mit einem Tierkopf an jeder Seite versehen, rote Granateinlagen geben die Augen wieder. Auf der Fußplatte der Bügelfibel sind geometrische Motive und zwei menschliche Masken dargestellt. Bügelfibeln mit geteilter Fußplatte, wie das Fibelpaar aus Aschheim, wurden bis auf wenige Ausnahmen sonst nur in England und Skandinavien gefunden (Abb. 6).

Abb. 5: Aschheim-Bajuwarenring. Bügelfibeln aus dem Doppelgrab 166 (rechts)/ 167 (links). M. 2:3 (Gutsmiedl 2005)

Fibel-Forschung

Schon während meines Studiums fand ich Forschung über Fibeln interessant. Wer sich einmal mit dem Thema beschäftigt, dem wird klar, wie umfangreich und komplex es doch sein kann. Fibeln sind ein wichtiger Bestandteil der Archäologie. Durch die Vielfalt und die ständige modische Entwicklung können wir sie zur Lösung von Datierungsfragen hinzuziehen.

Abb. 6: Verbreitung der Bügelfibeln mit geteilter Fußplatte (Gutsmiedl 2005, Kartengrundlage Haseloff 1981)

Fibeln sind überwiegend als Toten- bzw. Grabausstattung überliefert, sie kommen aber auch in Hort- und Schatz- sowie in Opferfunden vor. Bei Untersuchungen frühmittelalterlicher Fibeln hat man meist versucht, sie mit bestimmten Tracht- oder Beigabensitten in Verbindung zu bringen. Dabei konnten leider selten eindeutige oder überzeugende Ergebnisse erzielt werden. Uns liegen zwar viele typologisch-chronologisch orientierte Studien vor, aber Untersuchungen zur Zusammenstellung und Tragweise von Fibeln sind deutlich seltener. Auffällig ist, dass die beiden Bügelfibeln aus Aschheim-Bajuwarenring bis auf kleine Details in der Nachbearbeitung gleich sind. Paarig hergestellte Bügelfibeln kennt man in Skandinavien allerdings nicht. Bis dato soll es nur zwei vergleichbare Funde aus Ungarn und Bulgarien geben. Man vermutet, dass die Fibeln in Skandinavien hergestellt wurden und über den Rhein in den fränkischen Raum gelangten.

Paulina Arns, studentische Praktikantin
 

Literaturverzeichnis

Gutsmiedl, Doris: Die justinianische Pest nördlich der Alpen? Zum Doppelgrab 166/167 aus dem frühmittelalterlichen Reihengräberfeld von Aschheim-Bajuwarenring. In: Päffgen, B. et al. (Hrsg.): Cum grano salis. Beiträge zur europäischen Vor- und Frühgeschichte für Volker Bierbauer zum 65. Geburtstag, Friedberg 2005, S.199-208.

Haseloff, Günther: Die germanische Tierornamentik der Völkerwanderungszeit. Studien zu Salin's Stil I, 1981.

Leenen, Stefan/ Berner, Alex/ Maus, Sandra/ Mölders, Doreen (Hrsg.), Pest. Eine Spurensuche. LWL-Museum für Archäologie, 20. September 2019 – 10. Mai 2020, Darmstadt 2019.

Martin, Max: Schmuck und Tracht des Mittelalters. In: Martin, Max/ Prammer, Johannes (Hrsg.), Frühe Baiern im Straubinger Land, Straubing 1995, S. 40-71.

Möllenberg, Solveig: Tradition und Transfer in spätgermanischer Zeit. Süddeutsches, englisches und skandinavisches Fundgut des 6. Jahrhunderts, 2011.

Siegmund, Frank: Alemannen und Franken. Archäologische Studie zu Ethnien und ihren Siedlungsräumen in der Merowingerzeit. Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 23, 2000.

Zeller, Gudula: Zum Wandel der Frauentracht vom 6. zum 7. Jahrhundert in Austrasien. In: Kossack, Georg et al. (Hrsg.): Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie. Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag, München 1974, S. 381-385.

https://www.archaeobiocenter.uni-muenchen.de/aktuelles/archiv/pest/index.html (Letzter Zugriff am 13.08.2020)

https://www.aschheim.de/de/gemeinde-leben/aschheim-im-ueberblick/geschichtliches/fundstuecke-des-monats (Letzter Zugriff am 17.08.2020)

https://www.silbersuite.de/markenmeistertechniken/techniken/157-techniken-niello.html (Letzter Zugriff am 24.08.2020)

http://www.runenprojekt.uni-kiel.de/abfragen/steckbrief2.asp?findno=394 (Letzter Zugriff am 28.07.20)

 

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: AschheiMuseum/Pütz (aus: Leenen et al. 2019, S. 345 Abb. 212b.)

Abb. 2: Gutsmiedl 2005, S. 199 Abb. 1, ergänzt von Paulina Arns.

Abb. 3: Firma ARDI (aus: Leenen et al. 2019, S. 90 Abb. 3.)

Abb. 4: LWL-Museum für Archäologie/ Foto: Paulina Arns.

Abb. 5: Gutsmiedl 2005, S. 201 Abb. 3.

Abb. 6: Gutsmiedl 2005, S. 207 Abb. 9 (Kartengrundlage Haseloff 1981, Abb. 92).