Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Abbildung 1: Knochenfund aus einer Höhle am Hang der Hochebene Sebreljska planota in Slowenien, eine Flöte? (Foto: T. Lauko)

Die älteste Flöte der Welt?

Im Rahmen meines sechswöchigen Praktikums im LWL-Museum für Archäologie Herne habe ich aus der Dauerstellung mein Lieblingsobjekt ausgewählt.
Handelt es sich bei dem Fund aus Slowenien wirklich um die älteste Flöte der Welt? Oder sind die zwei Löcher im Knochenfragment nur die Bissspuren eines Tieres? 
Diese Frage scheidet die Geister und führt zu ausgiebigen Diskussionen unter den Musikarchäologen. 
Im weiteren Verlauf des Blogeintrages werde ich der Einfachheit halber den Knochenfund erst einmal als Flöte bezeichnen und später noch einmal auf die Diskussion um die Funktion des Knochens eingehen.

Archäologie der Musik
Archäologie assoziiert man oft mit dem Ausgraben von Menschenknochen, Stadtruinen und wertvollen Schätzen. Dass sich die Archäologie allerdings mit fast allen Bereichen des menschlichen Lebens beschäftigt, wissen die wenigsten. So spielen eben auch die Kunst und die Musik eine wichtige Rolle bei der Rekonstruktion von vergangenem menschlichen Leben.
Je weiter man in der Zeit der Menschen zurückgeht, desto weniger kann man über die Existenz und Ausführung von Musik sagen. Deswegen sind musikbezogene Funde gerade für die sogenannte Musikarchäologie von besonderer Bedeutung. 
Da es keine Berichte über die Musik des prähistorischen Menschen gibt, müssen Schlüsse aus den erhalten gebliebenen Instrumenten gezogen werden. Überwiegend erhalten sind Lippenflöten, Rohrblasinstrumente, Hörner, Rasseln und Trommeln. Das Problem ist jedoch, dass man nie genau sagen kann, wie das Instrument gespielt und gehört wurde. Ebenso wissen wir nicht, zu welchen Anlässen die Instrumente überhaupt gespielt wurden und welche Bedeutung Musik im Allgemeinen hatte. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Menschen schon lange vor ihrer Sesshaftwerdung musizierten. 
Als der älteste unumstrittene Beleg für die menschliche Musikkultur galt bis 2009 ein Fund von mehreren Knochenflöten in der Geißenklösterle-Höhle in Baden-Württemberg. Es sind nur Bruchstücke der ältesten Flöte erhalten, die vor etwa 30.000 Jahren aus der Elle eines Schwans gefertigt wurde. 
2009 wurde dann in der Höhle „Hohle Fels“ bei Ulm eine 22 Zentimeter lange Flöte aus einem Flügelknochen eines Gänsegeiers gefunden, welche sogar 35.000 bis 40.000 Jahre alt ist. Diese Flöte gilt nun als der älteste Beweis dafür, dass die ersten modernen Menschen in Europa bereits eine weiterentwickelte Musikkultur besaßen.

Abbildung 2: Archäologischer Park Divje Babe, Slowenien Abbildung 2: Archäologischer Park Divje Babe, Slowenien

Fundkontext
Die Flöte, deren Abbild im LWL-Museum für Archäologie Herne ausgestellt ist, wurde 1995 während der Ausgrabungen von Ivan Turk und Janez Dirjec im heutigen archäologischen Park Divje Babe gefunden. Am steilen Hang der Hochebene Sebreljska planota befindet sich eine Höhle, die als eine der weltweit wichtigsten Fundorte der Altsteinzeit gilt. In dieser Höhle wurden Knochen von über 60 verschiedenen Tierarten gefunden, darunter vor allem von Höhlenbären. Des Weiteren fand man steinerne und knöcherne Werkzeuge sowie Reste von Feuerstellen der Eiszeitmenschen. Die Flöte lag neben den Überresten einer 50.000 bis 60.000 Jahre alten Feuerstelle und wird dementsprechend datiert.
Heute befindet sich die Flöte im Nationalmuseum Sloweniens in Ljubljana.

Fundbeschreibung
Das Instrument wurde aus dem Oberschenkelknochen eines jungen Höhlenbären gefertigt. Im Knochen sind noch zwei ganze Löcher zu erkennen, man geht allerdings davon aus, dass ursprünglich vier Löcher und ein Mundstück vorlagen. Der Knochen hat sich mittlerweile braun gefärbt. Die Flöte wurde mit steinernen und knöchernen Werkzeugen hergestellt, wie es in der Steinzeit üblich war.

Abbildung 3: Foto der Wandvitrine zur Flöte aus Slowenien in der Ausstellung (Foto: Sara Steffen)

Einordnung in die Dauerausstellung
Die Dauerausstellung im LWL-Museum für Archäologie Herne umfasst über 10.000 Funde der Menschheitsgeschichte Westfalens, vom 250.000 Jahre alten Steinwerkzeug bis zum Puppenkopf aus dem Bombenschutt des Zweiten Weltkrieges. Die Flöte gehört zur Serie „Blick in die Welt“ und ist somit Teil der Fotos und Exponate in den Schaufenstern der Außenwände, die die regionale Geschichte Westfalens in einen überregionalen Zusammenhang einbinden.

Allgemeines
Der Fund aus Slowenien wird in die Altsteinzeit datiert. Die Steinzeit ist die früheste und längste Epoche der menschlichen Kultur. Dabei gilt die Altsteinzeit, also das Paläolithikum, als der älteste und längste Abschnitt der Menschheitsgeschichte. Sie umfasst die Zeit von dem Auftreten des ersten Menschen in Afrika bis zum Ende der Eiszeit (600.000-9.600 v.Chr.).
Kunst ist seit Urzeiten eine der wichtigsten Ausdrucksweisen des Menschen. Im steinzeitlichen Kontext werden praktisch alle Bilder und Verzierungen mit unbekanntem Inhalt der Kunst zugeordnet.

Auch wenn die erste Kunstepoche Europas der Eiszeit und dem modernen Menschen zugeordnet ist und vor allem Höhlen- und Felsbilder umfasst, kann man davon ausgehen, dass auch schon der Neandertaler ein Verständnis für Kunst besaß. So wurden in Frankreich zum Beispiel durchbohrte Zähne und Elfenbeinringe im Zusammenhang mit 45.000 Jahre alten Neandertaler-Knochen gefunden. Es ist also durchaus möglich, dass die Neandertaler sich nicht nur künstlerisch, sondern auch musikalisch ausdrücken konnten und somit ein ähnlich künstlerisches Vermögen besaßen wie die modernen Menschen.

Die große Diskussion
Das große Problem des Fundes ist seine umstrittene Deutung als Flöte. Man kann nicht sicher sagen, ob es sich bei dem Knochenfragment mit den Löchern wirklich um eine handgefertigte Flöte handelt oder ob die Löcher nicht doch einfach nur durch Tierzähne entstanden sind. Zudem ist es ein Einzelfund; somit gibt es keine vergleichbaren Objekte aus dieser Zeit. Ich persönlich glaube, dass es sich bei dem Knochen um ein vom Menschen bearbeitetes Knochenstück handelt und nicht um ein Objekt mit Bissspuren eines Tieres. Dafür sind die Löcher zu rund, fast gleichgroß und zu genau in der Mitte platziert.
Wenn man generell davon ausgeht, dass es sich um eine Flöte handelt, dann hätte das eine große Bedeutung für die Archäologie. Zum einen hätte man die bisher älteste Flöte der Welt gefunden und zum anderen hätte man einen Beweis dafür, dass die Neandertaler genauso wie die ersten modernen Menschen dazu fähig waren, Musik zu machen.

 

Sara Steffen, Praktikantin



Literaturverzeichnis
 

Coles, John: Erlebte Steinzeit. Experimentelle Archäologie, Wien 1976.

Gith, Thomas: Schwirrplättchen, Knochenflöten und Keramiktrommeln (2015). ULR: https://www.deutschlandfunkkultur.de/musikarchaeologie-schwirrplaettchen-knochenfloeten-und.976.de.html?dram:article_id=327462 (abgerufen am 18.07.2019)

Herwig, Marc: Alter Knochen beherrscht die Flötentöne. Experten entdecken Blasinstrument aus Steinzeit - Schwäbische Alb Wiege der europäischen Kultur? (2009). ULR: https://uni-tuebingen.de/fileadmin/Uni_Tuebingen/Fakultaeten/MatNat/Fachbereiche/ Geowissenschaften/Arbeitsgruppen/Urgeschichte___Naturwissenschaftliche_Arch%C3%A4ologie/Medien/Floete_Geier/Frankfurter.png (abgerufen am 18.07.2019)

Hoffmann, Emil: Lexikon der Steinzeit, München 1999.

Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Das Museum, Bönen 2004.

The Neanderthal flute. Archaelogical park Divje babe. URL: http://www.divje-babe.si/en/the-neanderthal-flute/ (abgerufen am 08.08.2019)
 

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Foto von T. Lauko
http://www.divje-babe.si/wp-content/uploads/2018/02/piscal-hd-03.jpg (abgerufen am 17.07.2019)

Abbildung 2: http://www.divje-babe.si/wp-content/uploads/2018/04/o-parku-41-1030x687.jpg (abgerufen am 20.08.2019)

Abbildung 3: Foto von Sara Steffen

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