Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Eingang des LWL-Museums für Archäologie Herne (Foto: G. Biedermann)

Geschichten vom Europaplatz

Wie Karl Talnop weiland (zu Lebzeiten) sagte, lebt ein Museum nicht nur durch den Atem vergangener Zeiten, es ermöglicht auch die Konversation mit Gegenwart und Zukunft. Ist es somit nicht, und gerade zu diesen schwierigen Zeiten, zunehmend eine Pflicht unserer postmodernen Gesellschaft, sich mit dem Innenleben eines Museums zu beschäftigen? Wenn diese nämlich die Macht besitzen, im übertragenen Sinne mit unserer Zukunft zu kommunizieren, müssen Sie als engagierte BürgER wissen, was hinter den Wänden eines Museums vor sich geht. Daher geben wir Ihnen nun einen kleinen Einblick in unseren Alltag, in dem wir versuchen, Ihnen die Vergangenheit und somit auch Ihre Zukunft etwas näher zu bringen. Schließlich haben wir genau das als den Sinn unseres Lebens auserkoren.

Als anständiger BesuchER unseres Etablissements gehen Sie, wenn Sie durch den Eingang am Europaplatz kommen, geradewegs die Treppe hinunter oder zum Fahrstuhl. Vor dem Fahrstuhl ist jedoch auf der rechten Seite eine Tür (deren Zutritt für Unbefugte verboten ist). Hinter dieser Tür verbergen sich die tiefsten Geheimnisse unseres Museums, die wir nun für Sie lüften werden (alle Angaben ohne Gewähr). Diese Tür ist nämlich nichts weniger als der Zugang zu den Einrichtungen des Museums, in denen die fleißigen Angestellten tagtäglich arbeiten, um Ihnen und Ihren Familien die bestmögliche Erfahrung zu bieten, die uns mit den uns verfügbaren Mitteln möglich ist. Beginnen wir diese kleine Führung in der Bibliothek:

Es ist still, die Leute tragen Anzugwesten aus Tweed und Fliegen. Sie sind in sehr große Bücher vertieft. Diese tragen wahnsinnig spannende Titel wie „Studien über die Angelruten der keltischen Fischer aus dem 3. Jahrhundert – Band 19/37“ oder „Einflüsse der japanischen Besetzung im 20. Jahrhundert auf die mandschurische Töpferei“. In einer Ecke des Raumes unterhalten sich drei Leute leise über die aktuellen Ergebnisse ihrer letzten Studienreise nach Ägypten. Selbstverständlich hat jedeR von ihnen bereits mehrere akademische Preise gewonnen, um den Standard der wissenschaftlichen Arbeit für Sie auf dem höchsten Niveau zu halten. Dem aufmerksamen BeobachtER werden hier einige in Fachkreisen sehr bekannte Gesichter aufgefallen sein, dEN einen oder anderen kennt man aus Vorträgen oder dem Rundfunk. Computer sind in diesem Raum natürlich nicht vorhanden, man verlässt sich hier noch auf klassische, gebundene Nachschlagewerke.

Gehen wir nun einen Raum weiter, fällt uns sofort der Atmosphärenwechsel auf. Man spürt wieder, dass man sich im 21. Jh. befindet. Es ist sehr viel lauter. Hier befinden wir uns in der Marketingabteilung. Man kann Telefone klingeln hören, verteilt an den Wänden sieht man in unterschiedlichen Farben beschriftete Whiteboards. Die Angestellten tragen seriöse, aber legere Kleidung. Ein Angestellter kommt zu uns und erklärt uns aufgeregt, inwiefern unser Museum am Regionalmarketing der Metropole Ruhr beteiligt ist und wie es das Stadtbild in den nächsten zehn Jahren beeinflussen wird.

Nachdem wir auch dieses Büro verlassen, kommen wir nun in das Büro der Museumspädagogik, wo diejenigen sitzen, mit denen Sie am häufigsten in Kontakt treten: die MuseumspädagogEN. Diese freundlichen Angestellten zeigen Ihnen normalerweise unsere Ausstellungen, wenn sie aber keine Führungen haben, beraten sie sich im Sitzkreis darüber, wie sie Ihnen und Ihren Kindern die Ausstellungsinhalte vermitteln können. Dabei werden die unterschiedlichsten Methoden vorgeschlagen. Einige bauen Dinge aus Legosteinen, andere zitieren aus den Werken Piagets und Montessoris, während wieder andere neue Wege durch die Ausstellungen planen. In einer Ecke werden den ganzen Tag lang Bastelvorlagen ausgedruckt, auf denen einige Mammuts und Neandertaler zu einer Collage zusammengefügt werden sollen, die die Schulkinder dann in unterschiedlichen Farben ausmalen können.

Der nächste Raum ist die Ausstellungsgestaltung, die mehr an ein Atelier erinnert als an ein Büro. Hier sieht man mehrere Leute mit avantgardistischen Frisuren und ungewöhnlicher Kleidung, die jeweils mit einem Mate-Tee in der Hand über tiefgehende gesellschaftliche Themen philosophieren, indem sie den Bezug zwischen ihrer Arbeit und den aktuellen Missständen in der Gesellschaft herstellen. An der Wand können wir Teile ihrer Arbeit bereits erkennen: Vergleiche zwischen verschiedenen Schriftarten, jung, hipp und dynamisch wirkende Ausstellungsgrundrisse, aber vor allem Collagen und Skulpturen aus Plastikmüll, Polaroid-Bildern und alten Kassetten, die wie unförmige Farbkleckse aussehen. Man klärt uns darüber auf, dass sie für die wachsenden Disparitäten zwischen Arm und Reich unter dem Motiv der Plastikflasche als Symbol für unsere postfordistische Konsumgesellschaft stehen sollen. Einer der nebenstehenden Angestellten behauptet hingegen, dass sie eigentlich ein provokanter Kommentar zur aktuellen politischen Lage im Nahen Osten seien. Es beginnt ein längerer, sehr künstlerisch-philosophischer Diskurs, der noch mehrere Tage andauern wird.

Geht man nun eine Etage höher, kommt man zu den Schreibsälen der wissenschaftlichen MitarbeitER, in denen die Ausstellungskataloge und –texte verfasst werden, durch die wir Ihnen die relevanten Informationen darbieten. Auch hier herrscht Stille – abgesehen von den Geräuschen der Schreibmaschinen, denn auch hier verlässt man sich noch auf die analogen Methoden. Im Hintergrund stehen die Regale des Schriftenarchivs, in dem sämtliche Werke seit Museumsgründung stehen. An der Wand hängt eine Weltkarte, auf der alle Institutionen eingezeichnet sind, von denen wir Leihgaben erhalten haben. Durch unser bekanntes internationales Netzwerk haben unsere wissenschaftlichen MitarbeitER die Möglichkeit, aus den entferntesten Teilen dieser Welt Funde für die entsprechenden Ausstellungen auszuleihen, wodurch wir wiederum auf einer internationalen Ebene für unseren hohen Standard große Bekanntheit erlangt haben.

Auf dieser Etage befinden sich außerdem die Büros der stellvertretenden Museumsleitung, des Sekretariats und der Museumsleitung. Hier werden an langen Schreibtischen vor großen Panoramafenstern mit der Aussicht auf die Skyline der Stadt Herne die wichtigsten Entscheidungen getroffen: es geht um Geld, Macht und Politik. Nicht selten hört man aus dem Munde der AnzugträgER Worte wie „Kaufen!“, „Verkaufen!“ oder „Bringen Sie mir keine Probleme, bringen Sie mir Lösungen!“. Täglich gehen hier Leute ein und aus, die Unterschriften brauchen, Anträge stellen oder denen gekündigt wird. Das Leben im Museumsbusiness ist hart: wer nicht frisst, wird gefressen.

Wir hoffen sehr, dass Ihnen der kleine Einblick in unseren Alltag gefallen hat. Wir werden Ihnen selbstverständlich die eine oder andere weitere Geschichte aus unserem Alltag erzählen, aber grundsätzlich funktioniert ein Museum so wie oben beschrieben (Angaben ohne Gewähr), da wird uns auch jedes andere Museum zustimmen.

 

Matthew Becker, ehemaliger Schülerpraktikant



Kommentar von Dr. Susanne Jülich, stellv. Leiterin des LWL-Museums für Archäologie:

Liebe Leser*innen,

Matthew, der Autor dieses Blogartikels, war drei Monate Praktikant in unserem Museum. In diesem Zeitraum hat er viele Einblicke in unseren Alltag gewonnen. Doch haben wir offensichtlich versäumt, ihn zu fragen, WIE er seine Erlebnisse wahrgenommen und verarbeitet hat.

Kurz:

GLAUBEN SIE IHM KEIN WORT!