Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Abb. 1: Fürstengrab bei Beckum © LWL-Archäologie (Foto: W. Winkelmann).

Das Schwert des Fürsten

Unter den Grabbeigaben des Sensationsfundes, des „Fürsten von Beckum“, findet sich eine besondere Waffe, ein sogenanntes Ringschwert. Auf den ersten Blick bemerkt der Betrachter ihn kaum, den angehängten Ring am Schwertknauf; oder besser gesagt die zwei Ringe, da einer, mit dem Knauf verschweißt, als Halterung für den eingehängten zweiten Ring fungiert. Doch Schwerter, die dieses eigenartige Merkmal aufweisen, sind rar, und somit scheint diesen Ringen eine bestimmte Bedeutung zuzufallen. Was verrät dieses Schwert uns über seinen Träger? Weist es ihn als besonders ausgezeichneten Kämpfer aus, oder war er womöglich Mitglied einer verschworenen Gemeinschaft, die dieses Symbol trug?

Zuerst wollen wir herausfinden, welche Gruppe von Kriegern dieses Accessoire an ihren Schwertern trug, denn die Waffe in unserem Museum ist bei weitem nicht die Einzige ihrer Art.

Beim „Fürsten von Beckum“, dessen Grabbeigaben in der Dauerausstellung des LWL-Museums für Archäologie Herne zu sehen sind, handelt es sich um einen reich bestatteten, circa 1,90 m großen Mann, der zwischen 590 und 610 n.Chr., im Alter von 45 bis 55 Jahren, verstorben ist. Einige Aspekte seiner Bestattungsweise sprechen dafür, dass er kein Christ war. Sein Grab war nach Norden ausgerichtet, wie bei den zu dieser Zeit heidnischen Sachsen üblich. Ebenso enthalten die reichen Grabbeigaben, bestehend aus Waffen und Alltagsgegenständen, keine christliche Symbolik. Allerdings stammt er aus einer Zeit, in der das Christentum hier noch eine neue Religion war und die die Menschen ihre früheren Kulte und Praktiken in gewissen Umfang beibehielten. Neuere Forschungen sehen an unserem „Fürsten“ auch fränkische Einflüsse. Eine Isotopenanalyse des Zahnschmelzes zeigte zudem, dass er aus dem umliegenden, damals fränkischen Gebiet stammte. Daher lassen die Grabbeigaben keinen eindeutigen Schluss auf seine Herkunft zu. Aktuell wird der Befund aber als Grab eines fränkischen, vornehmen Kriegers interpretiert.

Gefunden wurde er in einem hölzernen Sarg, der in einer Grabkammer auf Holzbohlen stand. Diese Grabkammer wurde mit Kalkstein abgedeckt und ausgekleidet. Ausführlich wurde der Grabbefund bereits in einem anderen Blogartikel vorgestellt.

Abb. 2: Das Ringschwert aus dem "Fürstengrab" von Beckum © Altertumskommission für Westfalen (Foto: U. Lehmann)

Das Ringschwert wurde aus damasziertem, also mehrfach gefaltenem und verschweißtem Stahl gefertigt und ist damit von recht hoher Qualität. Der pyramidenförmige Knauf ist mit verschlungenen Verzierungen versehen und besteht, wie das Ringpaar, aus vergoldetem Silber. Dieses wurde nachträglich so am Knauf befestigt, dass der eingehängte Ring nicht beweglich ist.
 

Die Ringschwerter

Die Sitte, ein Schwert mit einem angehängten Ring zu versehen, fand sich sowohl bei christlichen, als auch bei heidnischen Bestatteten. Allen Funden solcher Schwerter ist gemein, dass sie, auch wenn es Unterschiede gibt, insgesamt von hoher Qualität sind. Die Bestattungen, bei denen Ringschwerter gefunden wurden, fallen allerdings unterschiedlich reich aus. Insgesamt waren die Ringschwertträger recht wohlhabend, aber es gibt unter ihnen sowohl reich bestattete Fürsten, die definitiv über großen Landbesitz und Reichtum verfügten, als auch Krieger, deren Grabbeigaben weniger üppig ausfielen und sie als eher niederrangige Adlige ausweisen. Der „Fürst von Beckum“ ist, was den Reichtum seiner Bestattung betrifft, eher im Mittelfeld unter den Ringschwertträgern zu verorten.

  • Abb. 3: Fundorte von Ringschwertern (Graphik: Heiko Steuer; aus: Steuer 1987, 209).

  • Abb. 4: Das Ringpaar am Schwertknauf des Schwertes aus Beckum © LWL-Museum für Archäologie Herne (Foto: Cornelia Moors).

Alle archäologischen Funde von Ringschwertern beschränken sich auf die Zeit von circa 500 bis circa 700 n.Chr. Diese Waffen wurden also offenbar in einem relativ engen zeitlichen Rahmen gefertigt und genutzt. Auch zwischen den Fundorten gibt es Unterschiede in der Datierung. So gab es in England und auf dem europäischen Festland - in Nordfrankreich, Norditalien und Westdeutschland - bis ins frühe 7. Jahrhundert Funde. In Schweden lassen sich bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts Ringschwerter nachweisen. Die jüngsten Schwerter datieren aus dem späten 7. bis frühen 8. Jahrhundert aus Finnland. Die Sitte, die Ringschwerter zu gebrauchen, endete also im 7. Jahrhundert zuerst in England und verschwand von dort aus in ganz Europa um das Jahr 700 n. Chr. relativ schnell.

Zeitlich und örtlich unterscheiden sich die Schwerter in ihrer Gestaltung:
Die ältesten Schwerter (von 500 bis in die 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts), zum Großteil aus England, weisen ein am Knauf fest angefügtes Ringstück auf, in das ein loser Ring eingehängt ist.
Die zweite Gruppe tritt gleichzeitig auf. Diese Schwerter, zu denen auch das Beckumer Exemplar gehört, weisen häufiger vergoldete Ringe auf, die nicht beweglich sind. Schwerpunktmäßig wurden sie in Frankreich, Schweden und Italien gefunden.
Die Ringe der dritten Gruppe sind miteinander verschmolzen oder zusammengegossen und stammen schwerpunktmäßig aus England und Schweden.
Die vierte Gruppe bilden die jüngsten Schwerter, bei denen die Ringe direkt mit dem Knauf gegossen wurden. Sie finden sich bis ins frühe 8. Jahrhundert ausschließlich in Finnland und Dänemark.

Insgesamt wurden bisher nur circa 80 Ringschwerter gefunden. Im Vergleich zur Zahl an Schwertern, die insgesamt aus der Zeit von circa 500 bis ungefähr 700 n. Chr. stammen, waren relativ wenige der Waffen mit solchen Ringen versehen, so dass sie eine spezielle Gruppe von Kriegern oder Truppeneinheiten zu kennzeichnen scheinen.

Weiter ist der Zeitpunkt interessant, zu dem das Ringpaar am Schwert angebracht wurde. Bei den älteren Waffen wurden die Ringe nachträglich am Knauf angebracht, wobei auf die Verzierungen am Knauf keine Rücksicht genommen wurde. Diese Schwerter haben meist einen pyramidenförmigen Knauf, wie auch das unseres „Fürsten“. Außerdem gibt es Exemplare, bei denen Nietspuren erkennen lassen, dass ein Ring an ihnen angebracht war, oder es werden sollte. Wie oben bereits erwähnt, war die Spannweite des Reichtums der Bestatteten recht groß. Waren die Klingen alle von recht hoher Qualität, so sind die Knäufe aus Materialien von unterschiedlichem Wert und reichen von vergoldeter Bronze über vergoldetes Silber bis zu solchen aus Gold.

Die Ringe scheinen eine hohe Symbolkraft besessen zu haben. Ihre meist nachträglich erfolgte Anbringung am Schwertknauf spricht dafür, dass es sich um eine Auszeichnung oder ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Schwertbruderschaft gehandelt habe. Die späteren Schwerter, bei denen Knauf und Ringe aus einem Guss sind, wurden demnach vermutlich als Auszeichnung im Ganzen vergeben. Die Schwertträger lassen sich einer Gruppe Adliger hohen Ranges zuordnen, die jedoch keine Könige oder überregionale Herrscher waren. Somit stellen die Ringe eine Auszeichnung oder ein Zeichen der Verbundenheit der dem König oder vergleichbarem Würdenträger unterstellten Adligen dar, die in der Hierarchie praktisch „in zweiter Reihe“ standen. Sie sind damit auch charakteristisch für die Rangordnung des Frühmittelalters, in der Ämter nach dem persönlichen Verdienst vergeben wurden, und waren ein Zeichen für das Leisten von Gefolgschaft. Schwerter, bei denen erkennbar ist, dass Ringe wieder abgenommen wurden, sprechen dafür, dass die für einen besonderen Verdienst als Auszeichnung vergeben wurden und, beispielsweise bei Weitergabe der Waffe an die nächste Generation, wieder abgenommen wurden. Mit der zunehmenden Christianisierung und der Einführung des Geburtsadels, in dem Ränge, Besitz und Würde nicht mehr verdient werden mussten, verschwanden auch die Ringschwerter.

Aber nicht nur am Schwertknauf entfalteten die Ringe eine besondere Bedeutung. Sie finden sich auch an anderen Gegenständen, wie Schilden oder Trinkbechern. Eine besondere Form ist die Darstellung von Ringschwertern auf Pressblechen an Helmen, manchmal auch von Trägern solcher Schwerter. Auch diese Helme waren von hoher Qualität und wurden nur von Begüterten getragen. Die Ringe erscheinen hier als mystisches Element, drängen sich aber nicht in den Vordergrund und rufen vermutlich bei Eingeweihten entsprechende Anerkennung hervor.

Abb. 5: Verschiedene Gegenstände, die mit symbolträchtigen Ringen versehen wurden (Zeichnungen: W. Nestler; aus: Steuer 1987, 224).

Für gut 200 Jahre kennzeichneten die Ringe besondere Krieger, Schwertbruderschaften, oder dienten als Auszeichnungen für Treue gegenüber dem Herrscher. Der „Fürst von Beckum“ trägt seinen Namen demnach nicht „nur“ wegen seiner, den Rang betonenden, Grabbeigaben, sondern besitzt mit dem Ringschwert eine Auszeichnung, die ihn als Mitglied einer Gruppe königstreuer, oder ehrenvoller Krieger ausweist, die im Frühmittelalter Ringe mit mystischer Bedeutung als Kennzeichen nutzten.

Übrigens: Das Ringschwert lässt sich bald nicht nur in der Vitrine bewundern, sondern auch in einer neuen AR-Animation, die den „Fürsten von Beckum“ als „Geist der Vergangenheit“ im Museum erscheinen lässt.

 

Niklas Jantzen, studentischer Praktikant

 

Literaturverzeichnis:

Bersch, Andrea: Fenster Europa. Das „Fürstengrab“ von Beckum in Westfalen.

Zum Stand der Erforschung eines Altfundkomplexes, in: Berichte zur Archäologie in Rheinhessen und Umgebung 7 (2014), S. 89-104.

Lehmann, Ulrich: Wurmbunte Klingen. Studien zu Konstruktion, Herstellung und Wertigkeit der frühmittelalterlichen Spatha in Westfalen (Münster 2016).

Sächsisches Fürstengrab bei Beckum: https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/langDatensatz.php?urlID=522&url_tabelle=tab_medien (letzter Zugriff 06.03.2020, 14:00).

Steuer, Heiko: Helm und Ringschwert. Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germanischer Krieger, in: Häßler, Hans-Jürgen (Hg.): Studien zur Sachsenforschung 6 (Oldenburg 1987), S. 189-236.
 

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Sächsisches Fürstengrab bei Beckum © LWL-Archäologie Foto: W. Winkelmann). https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/input_felder/anzeigen.php?verzeichnis=med&dateiname=bh-062-10.jpg&bild_id=522 (letzter Zugriff 06.03.2020, 14:00).

Abb. 2: Das Ringschwert aus dem "Fürstengrab" von Beckum © Altertumskommission für Westfalen (Foto: U. Lehmann). Aus: Lehmann, Ulrich: Wurmbunte Klingen. Studien zu Konstruktion, Herstellung und Wertigkeit der frühmittelalterlichen Spatha in Westfalen (Münster 2016), S. 444.

Abb. 3: Fundorte von Ringschwertern (Graphik: Heiko Steuer). Aus: Steuer, Heiko: Helm und Ringschwert. Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germanischer Krieger, in: Häßler, Hans-Jürgen (Hg.): Studien zur Sachsenforschung 6 (Oldenburg 1987), S. 209.

Abb. 4: Das Ringpaar am Schwertknauf des Schwertes aus Beckum © LWL-Museum für Archäologie Herne (Foto: Cornelia Moors).

Abb. 5: Verschiedene Gegenstände, die mit symbolträchtigen Ringen versehen wurden (Zeichnungen: W. Nestler). Aus: Steuer, Heiko: Helm und Ringschwert. Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germanischer Krieger, in: Häßler, Hans-Jürgen (Hg.): Studien zur Sachsenforschung 6 (Oldenburg 1987), S. 224.