Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Abb. 1: Bronzestatuette eines springenden Einhorns (Nachbildung), Polymer/ Bronze (Original: Gelbguss/Bronze), 2017 (Original: vor 1589), Hannover (Original Augsburg) © LWL-Archäologie für Westfalen (Foto: Stefan Brentführer).

Das Einhorn - Ein Mythos oder doch die Realität?

In meinem Schülerpraktikum im LWL-Museum für Archäologie Herne hatte ich oft die Möglichkeit durch die Dauerausstellung zu gehen und mir fiel schnell auf, dass ich dabei immer zum Bereich der Balver Höhle ging. Dort ist mir sofort ein besonderes Objekt ins Auge gefallen, das „Einhorn-Horn“.


Über das Einhorn

Das Einhorn ist seit der Antike ein sehr bekanntes Fabelwesen und ist auch heute noch weltweit präsent. Vor einigen Jahren holte die Popkultur das Einhorn wieder ans Licht. Heute ist es gar nicht mehr wegzudenken in den Supermärkten, man findet es beim Spielzeug bis hin zur Schokolade. Heutzutage weiß man zwar, dass es Einhörner nicht gab oder gibt. Doch vor ein paar Jahrhunderten stellten sich Gelehrte die Frage, ob dieses schöne, wilde und unbesiegbare Tier nicht doch existieren würde.

Das Horn des Einhorns sollte der Legende nach heilende Kräfte haben, wenn man aus diesem trinkt. Es wurde gesagt, dass es gegen Krankheiten wie die Pest hilfreich wäre. Deswegen taten viele Adlige, Alchemisten und Apotheker alles, um in den Besitz dieser Naturalien zu gelangen. Dadurch ist auch zu erklären, dass manche Apotheken heute noch „Einhorn-Apotheke“ heißen - der legendären Heilkräfte des Einhorns sei Dank.

Die Frage, warum diese prachtvollen Tiere „ausgestorben“ seien, wurde lange Zeit und oft mit der biblischen Sintflut-Geschichte beantwortet. Die Legende besagt, dass für die Einhörner – zu groß und zu wild –  kein Platz auf Noahs Arche war. So sollen sie bei der Sintflut umgekommen sein.

Das Einhorn taucht selbst  auch in der Bibel auf. Als nämlich 72 jüdische Gelehrte im 3. Jahrhundert v. Chr. den wichtigen Auftrag erhielten, die Heilige Schrift zu übersetzen, entschlossen sie sich dazu, das hebräische Wort für „wildes Tier“ (re´em) mit dem griechischen Begriff für „Einhorn“ (Monokeros) zu übersetzen. Sogar Jesus selbst soll bei seinem Todeskampf am Kreuz den Psalm „Hilf mir aus dem Rachen des Löwen, und errette mich von den Einhörnern!“ zitiert haben.

Abb. 2: Eines der früheren kostbaren „Einhorn“-Becher mit den angeblich heilenden Kräften, tatsächlich aus Elfenbein (Elefant) und vergoldetem Silber, um 1650, unbekannter Fundort © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Foto: Joachim Hiltmann).

Die Entdeckung und die Erforschung des „Einhorns“

Das Horn in der Dauerausstellung des LWL-Museums für Archäologie Herne ist in Wirklichkeit ein Stoßzahn eines Mammuts. Doch früher war dies den Menschen noch nicht klar.

Als der Archäologe und Anatom Ole Worm (1588–1654) den Schädel eines Meeressäugers mit einem Horn an der Stirn fand, welches dem von Einhörnern sehr ähnelte, und das Meeressäugerhorn 1638 auch noch mit einem zoologischen Gutachten bestätigt wurde, spielte das Einhorn kurze Zeit später keine Rolle mehr. Für viele Verkäufer und Händler, die „Einhorn-Funde“ besaßen, war dies ein großer Rückschlag, denn der Wert des Horns sank schlagartig.

Abb. 3: Eine Nachbildung des „Quedlinburger Einhorns“ © Museum am Schölerberg, Osnabrück.

Doch als im Jahre 1663 in der Nähe von Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) „ein fast unversehrtes Skelett eines ungeheuren Tieres“, wie es in der frühesten Erwähnung heißt, zutage kam, wurden die Menschen wieder hellhörig. Über diesen Fund berichtete und forschte der Politiker und Naturwissenschaftler Otto von Guericke (1602–1686) am ausführlichsten. Von Guericke ist im Übrigen als der Erfinder der Luftpumpe bekannt geworden. Auf einem Berg nahe Quedlinburg namens Sveckenberg fand man den Berichten nach das Gerippe eines Einhorns. „Das Einhorn von Quedlinburg“ kam nach der Rekonstruktion in den Besitz der Äbtissin des Klosters von Quedlinburg und gilt seitdem als verschollen.

Allerdings lieferte nicht Otto von Guericke der Öffentlichkeit eine Vorstellung davon, wie das „Quedlinburg-Einhorn“ ausgesehen haben könnte, sondern vor allem der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Leibniz wurde 1685 von Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg (1629–1698), mit dem Schreiben einer Welfengeschichte beauftragt.

Abb. 4: „Protogaea“, Brief von Gottfried Wilhelm Leibniz , 1. H. 18. Jh. © Bayerische Staatsbibliothek München, Signatur 4 Phys.sp. 151.

Leibniz sprengte jedoch den Rahmen der vornehmlich politisch verwertbaren Dynastiegeschichte, er veröffentlichte nämlich einen Brief mit dem Namen „Protogaea“ („Die Urerde“). In diesem Brief schrieb er über das Einhorn und ließ dort eine wenig präzise Skelettwiedergabe abdrucken. Leibniz sagte ausdrücklich, dass von Guericke der Informant für seine „Protogaea“ sei. Allerdings konnte der Historiker Fritz Krafft überzeugend darlegen, dass Leibniz womöglich noch aus einer zweiten Quelle schöpfte. Demnach wäre der wahre Urheber der Zeichnung womöglich Johann Meyer (vor 1638–1665), Quedlinburgs Astronom, Kämmerer und Gerichtsschöffe.

Leibniz war einerseits den Erkenntnissen der Geologie zugeneigt, andererseits glaubte er sehr an die biblische Schöpfung. Daher formulierte er die Theorie, dass Einhörner bei der biblischen Sintflut umgekommen sein müssen. Leibniz bestand fest auf diese Theorie und meinte: „Von dieser abzuweichen sündhaft ist“.

Im 18. Jahrhundert wurde es jedoch immer schwieriger, das Einhorn im zoologischen System unterzubringen. Neue Forschungen brachten gänzlich überraschende Erkenntnisse. So konnte bestätigt werden, dass die meisten vermeintlichen „Einhornknochen“ keine solche waren. Letztere waren größtenteils Mammutknochen. Es war nun klar, dass das Einhorn von von Guericke und Leibniz aus Knochen bestand, die nicht nur von einem Lebewesen stammten. Allerdings gaben die beiden Rekonstruktionen von Leibniz und von von Guerike den nötigen Anstoß für weitere Forschungen, so dass heutige Paläontolog*innen und Archäolog*innen ziemlich genau bestimmen können, von welchen Tieren die gigantischen Knochen tatsächlich stammen. So stellte sich heraus, dass der Torso und die Vorderläufe des „Quedlinburgers Einhorns“ aus Überresten zweier Mammuts zusammengesetzt wurden. Der Schädel hingegen hatte eine verblüffende Ähnlichkeit zu einem Wollhaarnashornschädel. Und als Horn fungierte eben das Fragment eines Mammutstoßzahns.


Über das "Einhorn-Horn" im LWL-Museum für Archäologie Herne

Abb. 5: Der Mammutstoßzahn im LWL-Museum für Archäologie Herne am Eingang der nachgestellten Balver Höhle © LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum, Herne (Foto: Cornelia Moors).

Das vermeintliche Horn eines Einhorns am Eingang der nachgestellten Balver Höhle hat mich in der Dauerausstellung des LWL-Museums für Archäologie Herne ganz besonders fasziniert. Das Horn bzw. der Mammutstoßzahn in der Vitrine ist 13,6 cm lang, hat einen Durchmesser von 3,4 bis 3,6 cm und wiegt 115,5 g. Der Fund wurde bei einer Ausgrabung 1939 von Bernhard Bahnschulte oder 1959 von Klaus Günther gemacht und ausgegraben. Das Exponat ist leicht gebogen. Viele dunkle Punkte sind auf dem kompletten Stoßzahn verteilt; sie sind mal größer und mal kleiner. An der breitesten Stelle ist ein Stück abgebrochen.


Der Fundort
 

  • Abb. 6: Standort der Balver Höhle (nach Günther 1964).

  • Abb. 7: Der Grundriss der Balver Höhle (nach Günther 1964).

Mit dem Mammutstoßzahn wurden in der Balver Höhle viele andere Tierknochen gefunden. Die Höhle im Hönnetal bei Balve, ca. 40 km südöstlich von Dortmund, liegt nur 7 m über dem Wasserspiegel. Der Eingang der Höhle ist maximal 18 m breit und 11 m hoch. Die Höhle erstreckt sich 54 m in den Berg hinein. So weit ist sie erst nach den Ausgrabungen im 20. Jahrhundert begehbar.

Vor ein paar Jahrhunderten entdeckten die Menschen, dass die Erde in der Höhle durch die Knochen ein gutes Düngemittel war. So wurde letztere oft auf den umgebenden Äckern verteilt. Daher findet man heute noch Tierknochen in der Umgebung.

Die Höhle wird übrigens in den Sommermonaten noch als Veranstaltungsort für Konzerte oder andere Events genutzt.  


Emily Kristler, Schülerpraktikantin

 

Literaturnachweis:

Mühlenbrock, Josef und Esch, Tobias 2018. Irrtümer & Fälschungen der Archäologie. Begleitband zur Sonderausstellung, Mainz am Rhein: Nünnerich-Asmus Verlag & Media.

Günther, Klaus 1964. Die altsteinzeitlichen Funde der Balver Höhle, Bodenaltertümer Westfalens 8, Münster/Westfalen: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung.

 

Abbildungverzeichnis:

Abb. 1: Bronzestatuette eines springenden Einhorns (Nachbildung), Polymer/ Bronze (Original: Gelbguss/Bronze), 2017 (Original: vor 1589), Hannover (Original Augsburg) © LWL-Archäologie für Westfalen (Foto: Stefan Brentführer). Aus: Mühlenbrock & Esch 2018, 178.

Abb. 2: Eines der früheren kostbaren „Einhorn“-Becher mit den angeblich heilenden Kräften, tatsächlich aus Elfenbein (Elefant) und vergoldetem Silber, um 1650, unbekannter Fundort © Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg (Foto: Joachim Hiltmann). Aus: Mühlenbrock & Esch 2018, 177.

Abb. 3: Eine Nachbildung des „Quedlinburger Einhorns“ © Museum am Schölerberg, Osnabrück. Aus: Mühlenbrock & Esch 2018, 182.

Abb. 4: „Protogaea“,  Brief von Gottfried Wilhelm Leibniz , 1. H. 18. Jh. © Bayerische Staatsbibliothek München, Signatur 4 Phys.sp. 151. Aus: Mühlenbrock & Esch 2018, 179.

Abb. 5: Der Mammutstoßzahn im LWL-Museum für Archäologie Herne am Eingang der nachgestellten Balver Höhle © LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum, Herne (Foto: Cornelia Moors).

Abb. 6: Standort der Balver Höhle. Aus: Günther 1964, 11 Abb. 1.

Abb. 7: Der Grundriss der Balver Höhle. Aus: Günther 1964, 16 Abb. 3.