Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

So könnte ein Dorf im Neolithikum ausgesehen haben. Ursprünglich ist wohl die gesamte Siedlungs-fläche ein Waldgebiet gewesen. (Foto: LWL-Museum für Archäologie/U. Schott-Vaupel)

Wie jedem Praktikanten des LWL-Museums für Archäologie in Herne kommt nun auch mir die Aufgabe zu, einen Artikel über mein Lieblingsstück in der Dauerausstellung zu schreiben. Mir war sofort klar, dass es sich dabei um ein Stück aus der Zeit des Neolithikums handeln muss. Diese Zeit des Umbruchs interessiert mich in der Archäologie wohl am meisten. Zugegeben, vor meinem Praktikum habe ich – als Geschichtsstudentin – nicht viel über die Zeit vor der Schrift nachgedacht. Doch dann wurde mir, direkt an meinem ersten Tag im Museum, der Katalog zur Landesaustellung „Revolution Jungsteinzeit“ in die Hand gedrückt und ich war gefesselt.

Vor ca. 12000 Jahren begann die sogenannte „Revolution Jungsteinzeit“. Der Mensch begann, seine Lebensmittel selbst zu produzieren, statt nur zu sammeln und zu jagen, was die Natur zu bieten hatte. Mit dieser Revolution gingen Veränderungen im technischen, wirtschaftlichen, sozialen und auch ideologischen Bereich einher. Selbstverständlich war die Revolution Jungsteinzeit kein Prozess, der über Nacht verlief. Die Veränderungen waren regional unterschiedlich und insgesamt vollzog sich die Sesshaftwerdung über Jahrtausende. Zuerst begannen die Menschen im Vorderen Orient ihre Lebensweise zu verändern. In Europa brauchten die Menschen dafür ca. fünftausend Jahre länger.

Besonders angetan war ich davon, wie ähnlich die Menschen der Jungsteinzeit uns heute noch sind. Auch sie verloren bereits den Bezug zur Natur. Natürlich ist das in einem ganz anderen Sinne gemeint, als man heutzutage von fehlendem Bezug zur Umwelt spricht. Die Menschen waren schließlich immer noch von der Natur und ihren Gewalten abhängig und konnten bei schlechten Ernteerträgen nicht einfach in den nächsten Lebensmittelladen gehen. Trotzdem veränderten die Neolithiker ihre Position zur Umwelt. Diese wurde plötzlich nicht mehr als gebend empfunden, sondern als störend, wenn nicht sogar zerstörend.

Zu dieser Zeit begann der Mensch aktiv in die Natur einzugreifen. Dies sieht man deutlich an den Beilen. Sie beweisen, dass der Mensch nun  Werkzeuge für den Umgang mit Holz im Speziellen herstellte – sich also nicht auf das Jagen und Sammeln, sondern auf die Gestaltung seiner Umwelt konzentrierte.

Hier sieht man eine Nahaufnahme meiner Lieblingsstücke. (Foto: LWL-Museum für Archäologie/U. Schott-Vaupel)

Ein Beil besteht aus einer Klinge und einem Holm, an dem diese befestigt wird. Da Holz sich nur selten über die Jahrtausende erhält, werden heutzutage nur noch die Klingen aus Stein gefunden. Der Unterschied zwischen einem Beil und einer Axt ist an der Durchbohrung festzumachen. Bei einer Axt wurde der Schaft in dem Loch festgemacht; ein Beil braucht diese Vorrichtung nicht. Die Form der Steine ähnelt sich, da sowohl Beile als auch Äxte zum Durchtrennen von Holz genutzt wurden. Die meisten der Beile weisen einen D-förmigen Querschnitt auf.

Beile konnte man natürlich für unterschiedliche Arbeiten benutzen, z.B. als spanabhebende Werkzeuge in Fertigungsverfahren und generell bei Holzbearbeitungen. Dazu gehören vor allem die Rodung von Land und der Haus- und Brunnenbau. Genauso gut konnten Beile aber auch als Waffen oder bei Opferungen von Tieren und Hinrichtungen benutzt werden. Das Beil war damit auch ein Kultobjekt.

Diese Vitrine zeigt Beile auf einem Schleifstein. (Foto: LWL-Museum für Archäologie/U. Schott-Vaupel)

Es gab verschiedene Materialien, aus denen Beile hergestellt werden konnten. So nutzte man zum Beispiel Geweih, Silex (Feuerstein) oder auch Stein. Die Beile, die ich mir in der Dauerausstellung ausgesucht habe, bestehen aus Stein. Um die glatte Form zu erhalten, muss man das Rohstück zunächst durch Picken, also das Aufeinanderschlagen von zwei Steinen, in Form bringen. Danach schleift man den Stein mithilfe eines Schleifsteins aus Sandstein, wobei Sand als Schleifmittel dient.

Wie schon gesagt bleibt von der Schäftung aus Holz kein Überrest erhalten, aber man geht in der Forschung davon aus, dass die Schäftungen aus einfachen Weiden- oder auch Erlenruten gefertigt wurden, da Geweihäxte mit dieser Schäftungsart geborgen werden konnten. Bei einigen der Steinbeile kann man erkennen, dass die Unterseite flach, die Oberseite aber gewölbt ist. Dies kann auf eine Verwendung als Dechsel mit quer zur Schäftung verlaufender Schneide hinweisen. Es ist aber auch eine direkte Schäftung aus Knieholmen bzw. Astgabeln möglich. Dabei wird der längere, dünnere Astabschnitt als Griff verwendet. Eine indirekte Schäftungsmöglichkeit war das Zwischenfutter, das zum Beispiel aus Hirschgeweih bestand. Es diente als Puffer, um die Schlagenergie auf eine größere Fläche zu verteilen und so zu verhindern, dass der Holm gespalten wurde.

Silex- und Steinbeile wurden bereits seit dem Mesolithikum verwendet. Während des Neolithikums gab es von diesen Beilen eine große Variationsbreite. Die Zuordnung zu einem gesonderten Typ gestaltet sich allerdings oft schwierig, da die Beile durch Nachschärfungen und Umarbeiten ihre Form verlieren konnten. Beile aus Knochen haben sich aus dem Neolithikum nur selten erhalten, aber das kann ein Überlieferungsproblem sein.

Blick auf die Vitrinen mit Beilen in der Dauerausstellung in Herne. (Foto: LWL-Museum für Archäologie Herne/U. Schott-Vaupel)

Der große Unterscheid der Beile aus dem Neolithikum zu den Werkzeugen des Paläo- und Mesolithikums ist, dass diese Beile glatt geschliffen sind. Die glatte Oberfläche hat keine spezielle Funktion. Sie sieht einfach schöner aus. Es muss also jemand genug Zeit gehabt haben, sich ganz allein auf die Perfektionierung des Schleifens zu konzentrieren. Da die präzise Schleifung der Steine durchaus mehr als einige Tage Zeit in Anspruch nehmen konnte, wurde der Schleifer von den anderen Gruppenmitgliedern mitversorgt und musste sich nicht eigenständig um Nahrung kümmern. Vor der Sesshaftwerdung wurden alle Tätigkeiten von der gesamten Gruppe ausgeführt, dann aber brauchte man nicht mehr alle Personen der Gemeinschaft – die nebenbei bemerkt mehr als doppelt so groß war wie noch zu Zeiten des Mesolithikums – für die Nahrungsproduktion. Im Neolithikum entstanden damit die ersten Berufe. Es wird aufgrund der Herkunft der Steine zudem vermutet, dass mit den Beilen gehandelt wurde. Die Beile zeigen also nicht nur, wie die Menschen begannen, seine Umwelt zu gestalten, sondern auch wie die Gruppe sich zu einer komplexeren Gesellschaft wandelte.

Die Beile aus dem Museum stammen von unterschiedlichen Fundorten. Sie wurden zumeist auf ehemaligen Linearbandkeramischen Siedlungsplätzen gefunden, so zum Beispiel in Borgentreich-Bühne und Borgentreich-Großeneder. Auch in Warburg-Daseburg wurden Reste einer Siedlung entdeckt. Die Beile wurden also an Orten entdeckt, die von Zivilisation einer komplexeren Gesellschaft zeugen. Die Beile aber machten den Eingriff in die Natur, der die Siedlungen begründete, erst möglich. Ohne die Fähigkeit, auf diese Art in die Umwelt einzugreifen und sie nach eigenen Vorstellungen zu formen, hätten die Menschen keine Pflanzen anbauen können – es hätte ohne Beile also keine neolithische Revolution gegeben.

 

Autorin: Uta Schott-Vaupel, Praktikantin