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Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Abb. 1. Urne aus Costedt. Foto: LWL-Museum für Archäologie/A. Ranft.

Eine Nacht ohne Mond - Der Hirsch von Costedt

Auf meinem „Praktikanten-Spaziergang“ durch die Dauerausstellung treibt es mich immer wieder in die Römerabteilung. Nachdem mich Augustus von Prima Porta in seinem prächtigen Brustpanzer begrüßt hat, schweift mein Blick nach links ab. „Grab eines Mannes. Sonnen- und Mondsymbole und ein Hirsch sind dargestellt.“ lese ich da. Aha, Moment mal – Urne mit Hirschdarstellung? Ich seh‘ da keinen Hirsch! Höchstens ein Lama, das sich an einen trockenen Zweig lehnt und keck über die Schulter zurückschaut. Oder sind es Sternzeichen? Ja genau, zwei Sternzeichen, die man vom Nachthimmel direkt auf die Urne verbannt hat. Passt ja auch ganz gut zu Sonne und Mond. Ein Geweih kann ich jedenfalls so gar nicht erkennen… Ein guter Grund, Nachforschungen anzustellen. Spannend! Projekt „Lieblingsexponat“: auf geht‘s!
 

Das römische Gräberfeld von Costedt wurde 1932 entdeckt und liegt ca. 160 km von Herne entfernt, im Kreis Minden-Lübbecke. Die „Urne mit Hirschdarstellung“ (Abb. 1) ist 17,4 cm hoch und hat einen Randdurchmesser von 22,9 cm. Sie stammt aus Grab 19, einem Brandschüttungsgrab, bei dem der Leichenbrand nach der Verbrennung zunächst ausgelesen und später in einer Urne oder einem einfachen Knochennest bzw. Knochenlager gemeinsam mit den übrigen Beigabenresten in einer Grube niedergelegt wurde. Aufgrund der Beigaben, zwei Zierbuckeln aus Bronze, zwei Glasperlen und einem verbrannten römischen Rundschild mit bronzenem Buckel, wird die Bestattung in die jüngere römische Kaiserzeit, etwa 200 n. Chr., datiert. Die Urne enthielt 825 g Leichenbrand von einem etwa 50-jährigen Mann und war mit einem zweiten Gefäß verschlossen.

Na gut, genug zum Fundkontext! Das Besondere an der Urne sind ja schließlich die namensgebenden Verzierungen (Abb. 2). Sie füllen den unteren Teil des Gefäßes fast vollständig aus und bestehen aus einem Ritzdekor, flach eingedrückten Linien, die auf beiden Seiten von Punktreihen begleitet werden. Die Verzierungen bilden insgesamt vier Bildfelder, von denen aber nur eins dem Betrachter zugewandt ist. Dieses ist durch ein Tannenzweig-Muster wiederum in vier kleinere, fast rechteckige Felder unterteilt. Oben links befindet sich ein Halbkreis (Mondsichel?), darunter ein geschlossener Kreis (Sonne oder Vollmond?). In dem rechten oberen Feld sind beide Zeichen kombiniert. Im rechten unteren Feld befindet sich eine figürliche Darstellung: ein vierbeiniges Tier, das als ein nach rechts gewandter Hirsch gedeutet wird. Der Bauch, die vier Beine und der Kopf bestehen aus einfachen Linien mit Punktbegleitung. Rechts von ihm soll sein stilisiertes Geweih kenntlich gemacht sein, das aber nicht mit dem Kopf verbunden ist, sondern frei in der Luft schwebt.
 

Abb. 2. Urne aus Costedt, Bildfeld mit Sonne-, Mond- und „Hirsch“-Darstellung. Foto: LWL-Museum für Archäologie/A. Ranft.

Figürliche Darstellungen auf westgermanischen Urnen zwischen Rhein und Weser sind in den ersten Jahrhunderten n. Chr. sehr selten. Der figürliche Ritzdekor auf der Urne von Costedt lässt sich am ehesten mit einem terrinenartigen Tongefäß aus Bremen-Mahndorf (Abb. 3) vergleichen. Der mittlere Teil dieser Terrine zeigt einen eingeritzten Tierfries mit immerhin einem hirschartigen Tier und gefiederte Baumgebilde, die dem Tannenzweig-Muster auf der Urne von Costedt sehr ähnlich sehen. Genau wie die Urne aus Costedt ist das Tongefäß mit den eingeritzten Tierbildern aus Mahndorf eine singuläre Erscheinung und wird als keramisches Importstück angesprochen.

Deutungsansätze für den „Hirsch“ auf der Urne von Costedt werden in der germanischen Mythologie gesucht, sollten aber mit Vorsicht behandelt werden. Als Ausgangsbasis muss zunächst die Edda dienen, zwei in altisländischer Sprache verfasste Werke, die skandinavische Götter- und Heldensagen behandeln. Da deren älteste erhaltene Handschriften aber erst der zweiten Hälfte des 13. Jh. n. Chr. entstammen, bleibt es höchst fraglich inwieweit diese Vorlage mögliche Glaubensvorstellungen um die Zeitenwende wiederspiegelt. Jedenfalls wird der Hirsch hier im Zusammenhang mit dem Weltenbaum Yggdrasil erwähnt. Der Hirsch äst in der Krone des Weltenbaumes, während von seinem Geweih Wasser in einen Kessel tropft. Aus diesem Kessel entspringen alle Flüsse. Übernimmt der Hirsch hier die Funktion eines Fruchtbarkeitsspenders? Die kreuzartige, freischwebende Struktur rechts neben dem „Hirsch“ ließe sich im weitesten Sinne als Weltenbaum deuten, macht aber keine handfeste Zuordnung zu den mythologischen Vorstellungen aus der Edda möglich.

Abb. 3. Umzeichnung des Tongefäßes mit eingeritzten Tierbildern aus Mahndorf. Zeichnung: Grohne 1953, 103.

Abbildungen von nach unten geöffneten Halbkreisen und geschlossenen Kreisen treten in Kombination hingegen gar nicht selten auf. Zumindest der nach unten geöffnete Halbkreis war in Form von Anhängern (sog. Lunulae) oder als Verzierung in ganz Europa verbreitet und ist auch im germanischen Raum nachgewiesen. Schriftliche und bildliche Quellen dokumentieren ihre Nutzung als glücksbringende Schmuckobjekte. Allein der Name „Lunula“ von „Luna“ (lateinisch für Mond oder die personifizierte Mondgöttin) macht eine Ausdeutung als Mondsichel glaubhaft. Spärliche schriftliche Überlieferungen zur Bedeutung des Mondes bei den rechtsrheinisch lebenden Volksstämmen in der Germania Magna finden sich in Caesars Commentarii de bello Gallico (Caes. Gall. I, 50). Hier erzählt er, dass sich das suebische Heer des Ariovist nur dann eine siegreiche Schlacht versprach, wenn der zunehmende Mond am Himmel stand.

Sind die Verzierungen auf der Urne von Costedt also eine Ansammlung von Glückssymbolen, die dem Bestatteten Kraft und Fruchtbarkeit/Reichtum im Jenseits bescheren sollen?

Oder sind hier tatsächlich verschiedene Mondphasen abgebildet, die wie ein Kalender gelesen werden können?

Warum nicht! Schließlich lehrt der Zeit-Kubus in der Dauerausstellung, dass die ersten Bauern bereits um 5500 v. Chr. nach den Mondphasen leben. Der Mond kann den Germanen also nicht fremd gewesen sein. Sollten es wirklich Mondphasen sein, könnte das Feld mit dem Halbkreis den abnehmenden Mond, das Feld mit Kreis und Halbkreis den zunehmenden Mond, das Feld mit dem Kreis den Vollmond und das Feld mit der „Hirsch“-Verzierung die Mondphase des Neumonds darstellen. Bei Neumond ist der Mond am Nachthimmel nämlich nicht zu erkennen. Dann steht er zwischen Erde und Sonne, sodass von der Erde nur die Schattenseite des Mondes zu sehen ist, die von der Sonne nicht angestrahlt werden kann. Und wenn der Mond nicht „leuchtet“, kann er die Sterne mit seinem silbernen Licht nicht überblenden. Zu diesem Zeitpunkt herrschen besonders gute astronomische Beobachtungsbedingungen. Der „Hirsch“ könnte also auch eine Kombination aus zwei Sternenbildern sein, die als Platzhalter oder Stellvertreter für die Mondscheibe fungieren.

Ich für meinen Teil finde den Nachthimmel furchtbar aufregend. Der Mond gehört zu meinen Lieblings-Himmelskörpern und fasziniert mich mit seiner zerklüfteten Kraterlandschaft immer wieder aufs Neue. Also warum sollte man seine Lieblings-Sternenbilder nicht mit ins Grab nehmen, um sie bis in alle Ewigkeit bewundern zu können? Heutzutage lässt die Lichtverschmutzung viele Sterne und Galaxien verblassen und ruiniert die Daten der Forscher. Vor knapp 2000 Jahren sah der Nachthimmel bestimmt noch ganz anders aus. Vielleicht barg er 200 n. Chr. andere Wunder als heute.

Ich finde, dass das eine schöne Vorstellung ist. Wegen des Fehlens passender Parallelen entzieht sich das Bildmotiv auf der Urne von Costedt jedoch einer überzeugenden Interpretation. Die Costedter Urne ist ein einzigartiges Stück und wird uns auch in Zukunft weiterrätseln lassen.
 

Catharina Gerets, studentische Praktikantin
 

 

Literaturverzeichnis:

T. Capelle, Wildes Westfalen - Tierische Fotos und Funde -, Begleitbuch zur Sonderausstellung „Wildes Westfalen. Tierische Fotos und Funde“ im LWL-Museum für Archäologie – Westfälisches Landesmuseum Herne (Herne 2015).

E. Grohne, Mahndorf. Frühgeschichte des Bremischen Raumes (Bremen-Horn 1953).

K. Kröll/T. Küntzel, Urne mit Hirschdarstellung. In: F. Siegmund, Das Gräberfeld der jüngeren Kaiserzeit von Costedt, Bodenaltertümer Westfalens, Band 32 (Mainz 1996) 70-78.

F. Siegmund, Das Gräberfeld der jüngeren Kaiserzeit von Costedt, Bodenaltertümer Westfalens, Band 32 (Mainz 1996).
 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1. Foto: LWL-Museum für Archäologie, Herne/Andreas Ranft.

Abb. 2. Foto: LWL-Museum für Archäologie, Herne/Andreas Ranft

Abb. 3. Zeichnung: E. Grohne, Mahndorf. Frühgeschichte des Bremischen Raumes, Walter Dorn Verlag (Bremen-Horn 1953), S. 103.