Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Abb. 1. Gläserner Destillierkolben aus einer Alchemistenküche aus Gelsenkirchen, Schloss Horst (1550–1650). © LWL/André Burmann.

Gläserner Destillierkolben aus Gelsenkirchener Alchemistenküche

Das Zeitalter der Renaissance charakterisieren vor allem der Geist des Weiterdenkens und der neue Erfindungsgeist der Menschen. So fing man auch an, über die natürlichen Vorgänge des Alltags nachzudenken. Hinzu kam die Wissenschaft der Alchemie, bei der Menschen auf der Suche nach dem Ursprung der Materie waren. Aus einem damals logischen Denkansatz heraus ging man davon aus, dass alles Flüssige irgendwie verwandelt werden kann. So nahmen sie sich dem allseits bekannten Destillierkolben an und machten es den alten Ägyptern nach.

Abb. 2. Zeichnung eines Destillierkolbens. © Wikimedia.

Was ist ein Destillierkolben?

Destillierkolben, auch Alembiken genannt, werden seit Jahrhunderten zum Extrahieren und zur Gewinnung verschiedener Substanzen gebraucht. Angefangen hat alles im alten Ägypten, wo schon ätherische Öle mit dem Verfahren des Destillierens gewonnen werden konnten.

Das Verfahren des Destillierens funktioniert nach dem Prinzip des Verdampfens. Das heißt, wenn man eine Flüssigkeit erhitzt und sie somit kondensiert, fängt man das Kondensat auf. Gleichzeitig bleibt noch Destilliertes erhalten.

Als sich dann im Mittelalter der Zweig der Alchemie entwickelte, wurden die Destillierkolben immer wichtiger und gelangten zunehmend auch in die heimischen Alchemistenküchen.
So auch dieses Fundstück, das in einen Zeitraum von 1550 bis 1650 datiert. Es stammt aus dem
Gelsenkirchener Schloss Horst, welches schon zahlreiche adlige Herrschaftsgeschlechter besessen haben.  

Besonders an dem Exponat in der Dauerausstellung des LWL-Museums für Archäologie Herne ist, dass es aus Glas und fast vollständig erhalten ist. Üblicherweise stellte man diese Kolben aus Ton, Stein oder später auch aus Kupfer her. Glas eignete sich in den meisten Fällen nicht so sehr, da es unter den hohen Temperaturen des Destillierens meistens wieder schmolz und in sich zusammenfiel und die Folge hatte, dass alles bisher Extrahierte spätestens dann auch nicht mehr vorhanden war.

Der gläserne Destillierkolben ist aufgrund der langen, heimatnahen Geschichte und der fortwährenden Bedeutung eines meiner Lieblingsexponate der Ausstellung. Außerdem interessiert mich die Geschichte der Naturwissenschaften, welche auf die Alchemie zurückzuführen sind, genauso wie berühmte Alchemisten, wie der Franzose Nicholas Flamel und der englische Wissenschaftler Dr. John Dee.

Abb. 3: Destillierkolben aus dem 16. Jahrhundert, Teil des spektakulären Wittenberger Alchemistenfunds. Halle, Landesmuseum für Vorgeschichte © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.

Flamels Legende besagt, er hätte über längeres Probieren und Experimentieren den Stein der Weisen Wirklichkeit werden lassen und dadurch Unsterblichkeit erlangt. Dr. John Dee war ein britischer Gelehrter am Hofe von Queen Mary II., der sich Zeit seines Lebens mit mathematischen Grundsätzen und den Gesetzgebungen der Natur auseinandersetzte. Er diente auch den Seefahrern, die das British Empire erweitern oder erkunden sollten, da er ein unwahrscheinlich großes Wissen über Navigation und Orientierung auf den Meeren verfügte. Dies ist nicht nur auf seine Freude am Reisen, sondern auch auf seine unzähligen Studienreisen zurückzuführen. Dee kam letztendlich zu dem Schluss, dass alles Logische mit der Alchemie erklärbar sei und verwies in seinem Werk Monas Hieroglyphica (1564) auf Gesetze, die mit nichts weniger als der Alchemie erklärt werden können. Als Beispiel sei seine wichtigste These genannt: Die Schöpfung könne auf die drei simplen Formen von Kreis, Linie und Punkt reduziert werden. Sein Werk, an dem auch Sir Edward Kelly beteiligt gewesen ist, führte ihn letztlich zum Tode. Er soll eine neue Sprache von Engeln geflüstert bekommen haben – heute noch bekannt unter dem Begriff des Henochisch. Aufgrund dieser Annahmen wurde er der schwarzen Magie und Zauberei angeklagt. Er starb dann später an seinem Geburtsort Mortlake.

Abb. 4: Alchemistenküche. Stich: Alchemical Laboratory - Project Gutenberg eText 14218.

Über die Alchemie:

Alchemie ist weitaus mehr als nur der Irrglaube von Magiern und alten Greisen, die ein wenig Spaß am Experimentieren haben. Sie ist genauso wenig die Idee, den Stein der Weisen entstehen zu lassen. Nein, sie ist viel mehr als das!

Abb. 5: Tablett aus der Ming-Dynastie (16./17. Jh.). Die Schnitzerei zeigt Alchemisten bei der Arbeit. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst.

Die Alchemie fand ihren Ursprung schon im alten Ägypten, ihre Wissenschaft wurde jedoch in die folgenden Epochen tradiert. So wurden dort unter anderem edle Goldstücke und Erze erstellt.
Der Begriff der Alchemie entwickelte sich nicht vor dem frühen Mittelalter. Ihre Blütezeit fand jedoch in der Renaissance statt. Sie beschreibt eine Kombination aus vielen verschiedenen Bereichen der Naturwissenschaften. Die grundlegende Idee dahinter war, die Natur ein Stückchen mehr zu verstehen, aber auch herauszufinden, wie man unedle Metalle in Gold und Silber verwandelt.

Des Weiteren hatten die meisten Alchemisten die Hoffnung, die Materie durchschauen und kontrollieren zu können, und aus ihr viel wertvollere Dinge zu erzeugen. Doch obwohl sie später in Verruf geriet, nur Hexerei, Trickserei und Täuschung zu sein, steht heute fest, dass sie die Menschen in ihrem Verständnis ihrer Umgebung und den natürlichen Begebenheiten unserer Erde sehr früh weitergebracht hat. Auch sehr angesehene Wissenschaftler wie Isaac Newton und Robert Boyle schlugen sich auf die Seite der Alchemie und praktizierten diese sogar im Rahmen ihrer aktiven Forschung.

Deutschland war Teil des Umbruchs, auch hierzulande hat man experimentiert. Der Fundort des gläsernen Destillierkolbens, das Schloss Horst in Gelsenkirchen, hat auch heute noch eine wichtige kulturelle Bedeutung. Es ist ein Ort der Romantik, der Gesellschaft und der Bildung. Da wo früher über Jahrhunderte hinweg Adelsfamilien hausten und das Schloss etliche Male umgebaut wurde, beherbergt es nun das örtliche Standesamt, ein Gemeindezentrum und die Bibliothek des Stadtteils Horst.
Aus der Geschichte und Bedeutung des Schlosses kann man unter anderem schließen, dass die Adelsfamilien schon seit Jahrhunderten großes Interesse an den Wissenschaften hatten und sich dementsprechend auch dem Trend der Neuentdeckungen anschlossen. Der Bezug zur Neuzeit erscheint damit ja schon fast nicht mehr zu übersehen. Destillierkolben haben die Zeit von den alten Ägyptern über die Renaissance bis hin in unsere moderne Forschung überlebt und dabei nicht an Bedeutung verloren. Auch wenn der Gelsenkirchener Destillierkolben nicht mehr in Nutzung ist, hat er für das LWL-Museum für Archäologie Herne und seine Besucher*innen als Ausstellungsstück eine große Bedeutung.
 

Von Jil Schultes, Schülerpraktikantin
 

Quellenverzeichnis:

Principe, Lawrence M. 2004. Eine praktische Wissenschaft: Die Geschichte der Alchemie. In: Museum Kunstpalast (Hrsg.), Kunst und Alchemie. Das Geheimnis der Verwandlung, München: Hirmer Verlag GmbH, 20–35.

Von Kerssenbrock-Krosigk, Dedo; Wismer, Beat; Dupré, Sven; Hachmann, Anita 2004. Kunst und Alchemie. Eine Einführung. In: Museum Kunstpalast (Hrsg.), Kunst und Alchemie. Das Geheimnis der Verwandlung, München: Hirmer Verlag GmbH, 11–17.

gelsenkirchen.de/de/kultur/kultur-_und.../schloss_horst.aspx
hermetik-international.com/de/mediathek/historische-schriften-zur-alchemie/franz-saettler-alchemie-der-stein-der-weisen/02-wesen-und-geschichte-der-alchemie/
magieausbildung.de/biographien/john-dee/obib.de/Schriften/AlteSchriften/Europa/Enochian/Enochian.htm
monumente-online.de/de/ausgaben/2019/1/Kulturgeschichte-der-Alchemie.php#.XRmztWNCSUk    
scinexx.de/dossier/alchemie/
wikipedia.org/wiki/Alambic
wikipedia.org/wiki/Alchemie
wikipedia.org/wiki/SchlossHorst    

 

Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1: © LWL/André Burmann

Abb. 2: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Distillation_by_Retort.png

Abb. 3: Halle, Landesmuseum für Vorgeschichte © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták (https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2019/1/Kulturgeschichte-der-Alchemie.php#.Xg3plmcwd9B)

Abb. 4: Stich: Alchemical Laboratory - Project Gutenberg eText 14218 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alchemical_Laboratory_-_Project_Gutenberg_eText_14218.jpg)

Abb. 5: © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst (https://www.bz-berlin.de/kultur/alchemie-ausstellung-startet-ohne-goldmuenze-big-maple-leaf)