Die Anatomieleiche Foto: LWL J. Prellert

Mein Lieblingsobjekt – Die Anatomieleiche

Mit dem Berufsziel der forensischen Anthropologie haben für mich alle Skelette der Ausstellung einen besonderen Stellenwert. Die Hauptaufgabe eines forensischen Anthropologen ist die Identifikation von Menschen anhand biologischer Merkmale, wobei gerade Knochen und Zähne eine wichtige Rolle spielen. Gleichwohl hat es mir eines der Skelette ganz besonders angetan: die Anatomieleiche aus dem 18. Jahrhundert.

Abgetrennte Schädeldecke im linken Brustbereich Foto: LWL J. Prellert

Gefunden wurde sie beim Clemenshospital in Münster, wo 50 Skelette von fremden, armen und nicht katholischen Männern begraben lagen. Die abgetrennte Schädeldecke, die im linken Brustbereich abgelegt wurde, lässt darauf schließen, dass medizinische Untersuchungen an der Leiche durchgeführt worden sind. Ob für Lehrzwecke oder um einen Kriminalfall aufzuklären, ist unklar. Doch warum lässt gerade dieses Objekt mein Herz höher schlagen?

Schädel, Langknochen (Arme) und Beckengürtel. Im Vordergrund ist deutlich die abgetrennte Schädeldecke zu erkennen Foto: LWL J. Prellert

Zunächst einmal aus einem forensisch anthropologischen Blickwinkel betrachtet, ist dieses Skelett eine wahre Schönheit, da es in einem sehr guten Zustand ist. Vieles, was man sich als forensischer Anthropologe von einem Skelett erhofft, ist vorhanden: Schädel, Becken und Langknochen. Von der abgetrennten Schädeldecke abgesehen, ist das Skelett unbeschadet. Ein geübter Blick und man weiß: Das Skelett gehörte zu einem Mann, der zwischen 35 und 55 Jahren alt und europäischer Herkunft war.

Blick in das Innere des Schädels Foto: LWL J. Prellert

Allerdings ist das nicht der einzige Grund, warum dieses Skelett mich besonders anspricht. Während andere Skelette in der Ausstellung nur etwas über das Leben der Leute damals erzählen (Was haben sie gegessen, unter welchen Bedingungen haben sie gelebt, welche Krankheiten hatten sie?), zeigt uns die Anatomieleiche, dass uns historische Ereignisse heute noch beeinflussen.

 

Bis man angefangen hat, menschliche anstatt nur tierische Leichen auf ihre Struktur zu untersuchen, waren auch die Kenntnisse über die Vorgänge innerhalb des menschlichen Körpers mangelhaft. Erst mit der Sektion von Menschen wurden diese Informationen zugänglich. Heutzutage ist es die Pflicht eines jeden Medizinstudenten, einen Menschen zu sezieren. Anatomieleichen, wie die in der Ausstellung, haben den heutigen Stand der Medizin sowie der forensischen Anthropologie überhaupt erst möglich gemacht.

 

Text: J. Prellert

Publikationsdatum: 04.02.2016

Themen: Dauerausstellung, Mitarbeiter und Praktikanten, Wissenswertes