Wie – und warum – H. P. Lovecraft in das Archäologiemuseum gelangte

Zugegeben: Nicht er selbst, sondern seine Werke. Und selbst von denen nur manche. Aber immerhin.
Seit dem 03.01.2019 werden bis inklusive April jeden ersten Donnerstag des Monats ausgewählte phantastische Geschichten aus dem Oevre des Meisters kosmischen Horrors live und in Farbe inmitten unserer Dauerausstellung gelesen. Die Resonanz ist ganz ausgezeichnet: Alle Veranstaltungen sind bereits ausverkauft! Das ist ganz wunderbar und zeigt, dass dieses Format gerne angenommen wird. Doch von vorne: Wie gelangten kosmische Horrorgeschichten in unser Archäologiemuseum, das auf den ersten Blick doch den Fakten und nicht der Fiction verpflichtet ist?

Am Anfang stand die Idee eines Lovecraft-Fans, der gleichzeitig Mitarbeiter dieses Museums ist. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden („Wer ist das?“), doch fragte man „Warum?“ und „Warum ausgerechnet jetzt?“ Die aufkommenden Fragen waren nicht schwer zu beantworten. Den Zeitpunkt gibt uns ein Jubiläum vor. Im Jahr 2019 feiert die Publikation der Kurzgeschichte „Dagon“ ihren 100. Geburtstag. Man mag sich fragen: „Dagon? Nie gehört. Fehlt da ein „r“?“ Nein, da fehlt nichts, es geht um den mesopotamisch-syrischen Gott Dagān bzw. dessen phantastische Ausgestaltung durch Lovecraft. Der Schriftsteller veröffentlichte sein (Früh-)Werk im Jahr 1919 in der Postille The Vagrant, und die besondere Relevanz dieser Geschichte liegt darin begründet, dass sich in ihr wesentliche Elemente einer Geschichte wiederfinden, die einige Jahre später den Ruf Lovecrafts als Schöpfer phantastischen Horrors begründete – „Der Ruf des Cthulhu“.

Uns ging es aber nicht allein darum, mit Cthulhu, der Erdnussbutter der Popkultur (alles schmeckt besser mit), ein möglichst großes Publikum anzusprechen. Vielmehr entschieden wir uns für Lovecraft, weil ein zentrales Element vieler seiner Geschichten die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit angesichts eines überzeitlichen Horrors darstellt, der sich seine Protagonisten mit quasiwissenschaftlichen Interesse nähern. Die aus archäologischen Quellen folgenden Schlüsse führen letztlich in den Wahnsinn oder den Tod. Beispiele? Beispiele: Der mit absurd-unglaubwürdigen vorzeitlichen Inschriften und Zeichnungen versehene Monolith aus „Dagon“ ist eine archäologische Hinterlassenschaft, an der der Wahnsinn in Gestalt des schrecklichen Wesens kulminiert, das ihn widerlich besudelt und die „Wahrheit“ der unglaublichen Hieroglyphen bezeugt. Der Protagonist wird diese Bilder nicht mehr los und findet Heilung nur im (Frei-)Tod.
„Der Tempel“ handelt von einem versunkenen Atlantis, dessen Kultur offenbar in voller Blüte gestanden haben muss, als der Nil noch unbeobachtet von menschlichen Augen in das Mittelmeer floss. Dies bringt den deutschen U-Boot-Kaleu – preußisch vernunftfixiert und zutiefst wissenschaftsgläubig – um den Verstand und schließlich auch um sein Leben. Es muss aber nicht immer Archäologie sein: In „das Grauen im Museum“, einer Kollaboration Lovecrafts mit Hazel Heald, ist das Museum selbst Schauplatz des Geschehens, weshalb es nur zu sehr auf der Hand lag, sich dieser Geschichte anzunehmen. Die Liste ließe sich erweitern, aber wir wollen ja auch nicht zuviel verraten. Die Geschichten Lovecrafts waren für uns also eine wunderbare Gelegenheit, phantastischen Horror am passenden Ort in der passenden Atmosphäre zu lesen – denn wo funktioniert archäologischer Schrecken besser, als in unserem Archäologiemuseum? Richtig, weiß ich auch nicht.
Zusätzlich abgesichert haben wir uns durch die Kooperation mit dem Festa-Verlag, der uns seine Lovecraft-Ausgaben als Textgrundlagen zur Verfügung stellte. Die verkaufen wir übrigens derzeit auch an der Museumskasse! Sehr gefreut haben wir uns über die baldige Kontaktaufnahme durch die Deutsche Lovecraft-Gesellschaft, die ein tolles Podcast mit uns und über unsere Idee erstellt haben – das war ein großer Spaß!

Die erste Lesung ist mittlerweile Geschichte und hat ausgezeichnetes Feedback erhalten – vielen Dank! Mögen die Sterne weiterhin günstig stehen!

Alexander Berner