Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Abb. 1: Die mittelalterliche Kirche St. Bonifatius zu Freckenhorst (Foto: H. Helmlechner)

Tupperware für die Ewigkeit

Für mich als Archäologiestudentin mit anthropologischen Fokus ist natürlich der Tote in der Vor- und Frühgeschichte und im Mittelalter, aber auch der Umgang mit den Toten und dem Tod in früherer Zeit besonders spannend.

Daher habe ich mich entschieden, Ihnen, werte*r Leser*in, nun zwei meiner liebsten Ausstellungsstücke aus der Dauerausstellung des LWL-Museums für Archäologie Herne näher zu bringen und Sie auf einem kleinen Exkurs in die faszinierende Welt der Särge zu begleiten.

Abb. 2: Die zwei Särge aus Freckenhorst in der Ausstellung (Foto: LWL-Museum für Archäologie / Stefan Brentführer)

Die Freckenhorster Schneewittchensärge

Hierbei handelt es sich um ein Paar von Särgen (Abb. 2), die sich zwischen dem Kubus über die Sachsenkriege und der Rekonstruktion einer frühmittelalterlichen Kirche befinden.

Die beiden hervorragend erhaltenen Särge wurden 1901 bei der Ausschachtung einer Jauchegrube (Grube mit flüssigem Dünger aus tierischen Fäkalien) und 1951 im Zuge einer Grabung an der Stiftskirche zu Freckenhorst im Kreis Warendorf freigelegt. Die Ausgrabungen und Untersuchungen am Friedhof an und um die dortige St. Petri Kapelle (Abb. 1) wurden zwischen 1859 und 2003 durchgeführt. Sie weisen einen großen und stark belegten Friedhof des 9. und 10. Jahrhunderts nach. Die Bestattungen sind in Ost-West-Lage arrangiert, was dem christlichen Ritus der Zeit ebenso wie fehlende Grabbeigaben entspricht.
Unsere Särge datieren wohl ins 9. Jahrhundert n. Chr. und sind somit älter als die im 10. Jahrhundert errichtete St. Petri Kapelle. Es handelt sich hierbei um einen Kinder- und einen Erwachsenensarg. Anders als heutzutage oder im späten Mittelalter, als Särge aus mehreren Brettern gezimmert wurden, sind für die Herstellung dieser letzten Ruhestätten Baumstämme ausgehöhlt worden, ähnlich wie bei Booten aus der Jungsteinzeit, den sog. Einbäumen. Die Funde sind besonders deshalb so außergewöhnlich, da sich Holz sehr selten im Boden erhält und uns meistens nur Eisennägel, Beschläge und die Form des Grabes Aufschluss über das ehemalige Vorhandensein eines Sarges geben können.

Bürokratie des Todes

Sargbestattungen waren im Mittelalter zudem durchaus keine Norm. Zwar war die Feuerbestattung aufgrund der Vorstellung der leiblichen Auferstehung am Tag des Jüngsten Gerichts streng untersagt und die Erhaltung des Körpers gewünscht, doch nicht jeder konnte sich einen Sarg leisten. Besonders in Krisenzeiten, z.B. im Krieg oder während einer Pestepidemie (siehe Sonderausstellung Pest), war es schlicht nicht möglich, den Bedarf an Särgen zu decken.
Stattdessen wurde der Tote häufig per Sarg zum Grab transportiert, diesem – jedoch lediglich in Tücher und Leinen gewickelt – übergeben.
Dieser Brauch war teilweise noch bis in die Neuzeit gang und gäbe, wie uns eine Verordnung aus dem Jahre 1732 vor Augen führt. Hier wird dem/der Leser*in erklärt, wem welche Art und Qualität von Sarg zustünde. Eichenholz, welches relativ langsam verrottet, war nämlich nur den Reicheren vorbehalten. Der/die gemeine Bürger*in musste mit einem platzsparenden Modell aus schnell rottendem Tannenholz vorliebnehmen. Sargbestattungen wurden nämlich erst im 18. Jahrhundert verpflichtend, verlängerten jedoch die Belegungsdauer eines Grabes und forderten mehr Platz ein, was der nun wachsenden Bevölkerung einiges an Bürokratie abverlangte.
Tote, welche ihren Hinterbliebenen nicht ausreichend tot erschienen, erfuhren seit dem Frühmittelalter gelegentlich eine Sonderbehandlung. So wurden sie nachträglich enthauptet, mit Steinen beschwert oder auf den Bauch gedreht. Alles in der Hoffnung, dass der/die Tote sich nicht aus seinem Grab befreien kann.
Man fürchtete sich vor den sog. Wiedergängern; Untote, die aus ihren Gräbern stiegen und die Lebenden heimsuchten.
Die zunehmende Anzahl an sonst sehr seltenen Bauchlagebestattungen scheint mit den Pestepidemien zu korrelieren. Dies lässt vermuten, dass die vermehrte Konfrontation der Überlebenden mit den Verwesungserscheinungen menschlicher Leichen gepaart mit dem Unwissen über diese natürlichen Abläufe, die Angst vor den vermeintlichen Untoten schürte.

Böses Erwachen

Nicht unüblich sind Fälle von Totgeglaubten, die nach langer Krankheit oder dergleichen aus dem Zustand des Komas erwachen – ein überraschender und freudiger Moment zugleich. Einige wenige erfuhren jedoch das Unglück, in einem Sarg 2 Meter unter der Erde zu erwachen, was die Freude wesentlich gedämpft haben dürfte. Mit der flächendeckenden Einführung des Sarges und den Fortschritten in der Medizin mehrte sich im 19. Jahrhundert die Berichterstattung über sog. Scheintote, also Personen die nach dem Feststellen des Todes wiedererwachten. Zuvor erstickten Scheintote für gewöhnlich unbemerkt durch die Graberde. Somit mehrte sich nun die Angst lebendig begraben zu werden (Taphephobie), was zu allerlei kreativen Ideen führte. So wurden die Leichen ab 1830 in den größeren Städten in Leichenhallen aufgebahrt, bis deutliche Verwesungsspuren auftraten (ein äußerst geruchsintensives Erlebnis; oft konnten auch die Berge von herbeigeschafftem Lavendel jenen olfaktorischen ,,Danse Macabre“ nicht übertünchen). Laut schriftlicher Überlieferung stellte man mit dem Stich ins Herz den Tod sicher oder meldete ein Patent auf einen ,,Sicherheitssarg“ an, in welchem der frisch Erwachte mithilfe eines Sprachrohrs oder eines an der Oberfläche befindlichen Glöckchens nach Hilfe verlangen sollte. Allerdings ist ein solcher Sicherheitssarg in einem archäologischen Kontext geborgen worden. Über den tatsächlichen Nutzen oder den Bau eines solchen Sarges ist daher nichts überliefert.

Abb. 3: Mortsafe auf einem schottischen Friedhof (Foto: K. Traynor).

Der Friedhof: Ein unsicheres Pflaster

Die Fortschritte in der Medizin riefen allerdings seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert immer wieder Leichenräuber auf den Plan, welche ihren Unterhalt mit dem Verkauf möglichst frischer Leichen an Mediziner zwecks Forschung und Lehre an Universitäten verdienten. Besonders Schottland mit dem Edinburgh Medical College als damaliges Zentrum der Forschung und Lehre im Bereich der Anatomie hatte ein Problem mit den sog. „body snatchern“ oder ,,ressurection men“, wie sich die Studierenden damals euphemistisch bezeichneten. Die Geschichte der Herren William Burke und William Hare, welche vom Leichenraub zu Mord umgestiegen sind, wurde mehrfach verfilmt und ist noch heute, rund 200 Jahre später, Teil der schottischen Erzähltradition. Eine bestimmte Form des Mordes durch Erstickung des Opfers ging sogar als ,,burking“ in die Geschichte ein – welch ein zweifelhaftes Vermächtnis für William Burke. Aber zurück zum Thema:

Das ,,body snatching“ führte besonders in der Oberschicht zum Erwerb der 1816 erfundenen ,,Mortsafes“ (Abb. 3), also sargförmigen Eisenkonstruktionen, welche die Särge solange vor Räubern schützen sollten, bis die Körper für anatomische Zwecke unbrauchbar wurden.
 

Kremation und Kreativität

Heutzutage sind ein Großteil der in Deutschland durchgeführten Beisetzungen Feuerbestattungen. 1960 lag der Anteil der Feuerbestattungen noch bei 10%, wohingegen heute der Trend mit 70% deutlich zur Feuerbestattung tendiert. Jedoch gibt es in anderen Ländern noch genug – durchaus kreative – Sarggestaltungen.

Abb. 4: Hennensarg von Kudjoe Affutu 2008 (Foto: R. Tschumi).

Ein besonders faszinierendes Beispiel bietet hier das westafrikanische Land Ghana. Dort wird der Tote oft in einem bunten Sarg in der Form eines Gegenstandes oder Tieres (Abb. 4) beigesetzt. Meistens hat die gewählte Form einen wichtigen Bezug zum Leben des/der Verstorbenen und kann von einem Boot bis zu einem Schuh alles darstellen. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.
 

Carla Gläßer, studentische Praktikantin

 

Literaturverzeichnis

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https://www.donaukurier.de/lokales/ingolstadt/Die-Furcht-lebendig-begraben-zu-werden;art599,4353652, 26.08.2020, 11:49 Uhr.


Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:St._Bonifatius_Freckenhorst_02.jpg,
H. Helmlechner 24.05.2018.

Abb. 2: LWL Museum für Archäologie Herne, Westfälisches Landesmuseum/ Foto: Stefan Brentführer

Abb. 3: https://de.wikipedia.org/wiki/Mortsafe#/media/Datei:Mortsafe_in_Colinton_Kirkyard.jpg,
Kim Traynor 2009 - Eigenes Werk, 28.08.2020, 14:38

Abb. 4: https://de.wikipedia.org/wiki/Sargkunst_in_Ghana#/media/Datei:Hennensarg_von_Kudjo_Affutu_2008.jpg,
Hennensarg von Kudjoe Affutu 2008, Foto: Regula Tschumi , 28.08.2020, 14:31