Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Willkommen im ersten wissenschaftlichen Bahnhofsklo und zur Sonderausstellung „Scheiße sagt man nicht!“ im LWL-Freilichtmuseum Detmold. Foto: LWL/Mielentz/BOK+Gärtner

In der Sch**** buddeln

Kloaken als Archive der Kulturgeschichte

Bereit zur Blogübernahme: Janina Raub arbeitet momentan als wissenschaftliche Volontärin im LWL-Freilichtmuseum Detmold und hat u.a. die Ausstellung „Scheiße sagt man nicht!“ mit kuratiert. In ihrem Blog gibt sie Einblicke in alle erdenklichen Themen rund ums Klo.

 

Wenn ich Besucher durch die Ausstellung „Scheiße sagt man nicht!“ im LWL-Freilichtmuseum Detmold führe, beginne ich meist mit unseren ältesten Exponaten: archäologische Funde aus Höxter. In den dicht bebauten Städten des Mittelalters war die Entsorgung von Fäkalien und Abwässern ein großes Problem. In vielen Höfen wurden hinter den Häusern große Abortgruben (Kloaken) angelegt und mit Holz oder Mauerwerk ausgekleidet. Darüber errichtete man hölzerne Aborthäuschen. Die Gruben mussten regelmäßig entleert und gereinigt werden, füllten sich aber allmählich mit Abfällen und Sedimenten. Am Ende ihrer Nutzung, die mehrere Jahrhunderte dauern konnte, wurden die meisten Kloaken zugeschüttet oder mit Bauschutt verfüllt.

Wenn heute Archäologen auf eine Kloake stoßen, ist die Freude meist groß, denn diese sind wahre Archive der Kulturgeschichte. Kloaken wurden neben ihrer Nutzung als „stilles Örtchen“ auch zur Hausmüllentsorgung genutzt: Unbrauchbarer Hausrat aus Keramik oder Glas, Speiseabfälle und manchmal auch kleinere Tierkadaver wurden dort entsorgt. Bei der Nutzung der Aborte fielen aber auch immer wieder persönliche Gegenstände der Menschen in die Kloake, was durchaus ein bitterer Schlag für die Besitzer sein konnte. So auch bei zwei ausgestellten Schmuckstücken, die aus der Zeit um 1600 stammen. Ein Fingerring und eine Art Brosche aus Gold mit jeweils einem Smaragd und farbigem Email verziert. Solche Fundstücke sind in der Regel jedoch eher selten. Weitere Objekte aus Höxter sind Keramiken und Gläser. Die ältesten aus dem 13. Jahrhundert.

Schmuck aus dem 17. Jahrhundert. Ein Fundstück bei der Ausgrabung 2005 des frühneuzeitlichen Latrinenschachts des Heistermann von Ziehlbergeschen Adelshofes in Höxter. Foto: LWL/König
Trink- und Schenkgeschirr des Spätmittelalters aus regionalen Töpfereien rund um Höxter sind typische Funde bei Grabungen, in den in der Altstadt bisher festgestellten 47 Abortschächten. Foto: LWL/König

Besonders interessant ist der Fund einer Trippe, eines mittelalterlichen Schuhs, der über die feinen Schuhe gezogen wurde, um nicht in dem Morast und den Exkrementen auf den Straßen zu versinken. Noch heute berichten Archäologen von einem teils unangenehmen Geruch bei Ausgrabungen. Wie muss es dann erst in den Städten gestunken haben? Doch zum Glück sind Archäologen und Historiker keine Dokumentare einer Geruchsgeschichte und auch in der Ausstellung wird, trotz vieler Besuchervorschläge und Anregungen, auf Duftmarken verzichtet. Die dargestellte Sachkultur des Mittelalters und der frühen Neuzeit ist jedoch nur ein Teil der Erkenntnisse aus Kloakeninhalten. Weitere wissenschaftliche Disziplinen, wie die Archäobotanik und Archäozoologie können aus dem Vollen schöpfen. Spannend sind auch die Aufschlüsse über das damalige menschliche Essverhalten. Selbst Gewürze können heute, einige Jahrhunderte später, noch festgestellt werden.

Wer mehr über die archäologischen Funde aus Höxter erfahren möchte, dem empfehle ich den Beitrag von Andreas König in der aktuellen Begleitpublikation zur Sonderausstellung des LWL-Freilichtmuseum Detmold „Orte der Erleichterung. Zur Geschichte von Abort und Wasserklosett“.

Zum Schluss erzähle ich Ihnen noch kurz eine Anekdote, die Sie ebenfalls in der Ausstellung finden können. Sie stammt aus der Frankfurter Peterschronik von 1184. Demnach sei König Heinrich, der spätere Kaiser Heinrich VI., am 26. Juli 1184 mit zahlreich
erschienenen Fürsten und Herren in einem Saal der erzbischöflichen Burg zu Erfurt versammelt gewesen. Unter der Last der Landeshäupter seien die schwachen und angefaulten Balken des Sitzungssaales zusammengebrochen und das Schicksal wollte es, dass sich unter diesem Saal eine seit vielen Jahren nicht mehr geleerte Kloake befand. In ihr fanden angeblich drei Fürsten, fünf Grafen, viele Edle und mehr als hundert Ritter einen jämmerlichen Tod, während sich Heinrich gerade noch durch einen Sprung durchs Fenster retten konnte.

Weitere Geschichten können Sie noch bis zum 30. Oktober in der Sonderausstellung „Scheiße sagt man nicht!“ im Paderborner Dorf und an einigen Geländestationen im LWL-Freilichtmuseum Detmold entdecken.

 

Janina Raub

Publikationsdatum: 05.08.2016

Themen: Gastblogger, Wissenswertes