Faszination Glas. Römische Glasscherben aus Haltern

18.03.2026 Torben Mohr

Abb. 1: Römische Glasscherben aus Haltern im LWL-MAK Herne, Foto: LWL-MAK Herne, C. Moors.

Mein Lieblingsexponat

Mein Lieblingsexponat aus der Dauerausstellung des LWL-Museums für Archäologie und Kultur sind die Glasscherben aus der Römerabteilung. Da mich die Herstellung von Glas, Glasbläserei und die vielfältige Nutzung von Glas schon immer fasziniert, stachen mir die bunten Glasscherben sofort ins Auge. Besonders interessant finde ich, dass Glas, trotz seiner Zerbrechlichkeit, in so vielen Bereichen eingesetzt wurde bzw. wird. Beeindruckt haben mich vor allem die verschiedenen Farben, Muster und Formen der Scherben, obwohl alle am selben Ort gefunden worden sind. Und dieser Ort ist gar nicht weit entfernt: Haltern! Als ich das Glas zum ersten Mal gesehen habe, schossen mir direkt ganz viele Fragen in den Kopf. Für was haben die Römer Glas wohl benutzt? Was waren diese spezifischen Glasscherben einmal? Wie wurde Glas im alten Rom hergestellt? Da wusste ich: ich habe mein Lieblingsexponat gefunden.

Abb. 2: Römisches Balsamarium aus Haltern, Foto: LWL-MAK Herne, C. Moors.

Beschreibung

Die römischen Glasscherben wurden in Haltern, im Kreis Recklinghausen, gefunden und datieren in das 1. Jahrzehnt n. Chr.  Sie gehörten zum dortigen Militärlager, wo Glaswaren zu den Luxusgütern zählten.

Bis auf ein blaues Salbfläschchen, sind nur kleine Glasscherben in vielen unterschiedlichen Farben und Mustern erhalten und im Museum ausgestellt.

Fangen wir zuerst einmal mit dem Glasfläschchen an. Hierbei handelt es sich um ein sogenanntes Unguentarium oder Balsamarium, also ein Salbgefäß. Es ist ca. 4,5 cm breit, durchgehend blau, hat einen runden Bauch und einen schmalen Hals. Leider ist der Zustand nicht einwandfrei, da jedoch nur ein paar wenige Stücke rausgebrochen sind, hat sich die Funktion als Salbfläschchen gut herausfinden lassen. Außerdem sind weitere Glasscherben gefunden worden, die Balsamarien zugeordnet werden konnten. Diese Scherben sind nicht nur blau, sondern jeweils auch durchsichtig, gelb, orange und grün.

Abb. 3: Millefioriglasscherben aus Haltern, Foto: LWL-MAK Herne, C. Moors.

Eine weitere Scherbe zählt zu den sogenannten „Rippenschalen“, die zu einem der häufigsten Glastypen des Römischen Reiches gehörten. Die Scherbe ist bräunlich-gelb schimmernd und deutet die typische Rippenschalenform an.

Nun kommen wir zu den Glasscherben, die als Millefioriglas identifiziert wurden. Millefiori bezeichnet eine Form der Glasware, bei der undurchsichtige Gefäße entstehen, die sowohl innen als auch außen dieselben Muster haben. Die Scherben haben unterschiedliche Muster sowie Farben. So zum Beispiel eine blaue Scherbe mit weißen Fäden durchzogen, gelbe Scherben mit weißem augenähnlichem Muster, zwei Scherben mit einem schwarz, blau und weiß karierten Muster und verschiedenfarbige Scherben mit Blumenmuster.

Des Weiteren gibt es eine Glasscherbengruppe, die durchsichtig ist und von einem feinen Rauten- oder Dreiecksmuster durchzogen ist.

Die letzte Scherbengruppe besteht aus bunten Scherben, die weiße, rote, grüne, blaue und gelbe Streifen haben.

Das Glashandwerk

Seit der Bronzezeit ist Glas als Werkstoff bekannt. Allerdings war es in vorgeschichtlicher Zeit ein eher seltener Werkstoff und wurde vor allem für Perlen, Schmuckstücke und ähnliches genutzt. Erst ab der hellenistischen Zeit wurden erste größere, offene Gefäße in bunten Farben angefertigt. Ab der späten Republik und frühen Kaiserzeit wurde Glas dann im gesamten Römischen Reich zum Allgemeingut, zwar erst als Luxusware, später aber auch als erschwingliche Massenware durch die Glasbläserei. Glas besteht aus einer Mischung aus Quarz, Natron oder Soda und Kalk und ist ab 800°C formbar. Die natürliche Farbe von Glas ist Blaugrün und verfärbt sich erst durch Zugabe von Mineralien. So wird es zum Beispiel durch Zugabe von Mangan rotviolett oder durch Kobalt dunkelblau. Erst ab der 2. Hälfte des 1. Jhd. n. Chr. wurde farbloses Glas möglich, es war aber sehr selten. Zu den beliebtesten und häufigsten Farben des frühen 1. Jhd. n. Chr., aus der auch meine ausgewählten Scherben stammen, zählen Smaragdgrün, Kobaltblau, Bernsteinbraun oder Blau-, Lila-, und Grüntönungen.

In der Antike war Köln ein wichtiger Ort des Glashandwerkes und war bedeutend in der Glasproduktion, da es offene Handelswege, gute Handelsbeziehungen, das nötige Know-how und günstig erreichbare Rohstoffvorkommen sowie den Bedarf an Glaswaren besaß. Kölns Glas war der wichtigste Exportartikel Niedergermaniens und fand überregionale Beachtung. Durch Glasfunde aus römischen Gräbern des Rheinlandes, zum Beispiel Becher, Schalen oder Parfümbehälter wird deutlich, wie wichtig das Glashandwerk in Köln war.

Eine der häufigsten Glastypen waren die bereits erwähnten „Rippenschalen“ und die Vierkantflaschen, die einen quadratischen oder rechteckigen Körper hatten. Diese und andere klassische Formen von Glastypen aus dem Mittelmeerraum wurden im gesamten Römischen Reich kopiert, aber auch kreativ umgestaltet. Obwohl Glas irgendwann Massenware wurde, blieb reich verziertes Glas über die ganze Zeit der Römer hinweg ein Luxusgut.

Abb. 4: Römische Rippenschale, Foto: Glass ribbed bowl, 17.03.2026, The Metropolitan Museum of Art, New York, https://collectionapi.metmuseum.org/api/collection/v1/iiif/257877/545590/main-image
Abb. 5: Römische Vierkantflasche, Foto: Square glass bottle, The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) license. https://media.britishmuseum.org/media/Repository/Documents/2023_6/12_12/41883a83_912e_422b_859f_b01f00d16c48/mid_BCB60013.jpg

Glasverwendung

Die Römer nutzten ihr Glas ähnlich wie wir es heute immer noch tun. Zum Beispiel verwendeten sie es als Verpackung für Flüssigkeiten und empfindliche Stoffe, als Speise- und Trinkgeschirr, als Teller und Obstschalen, als Fensterglas, für Spielzeug sowie als Behälter für Parfüm, Salböle oder Kosmetika. Kerzenhalter oder Kerzenständer konnten ebenfalls aus Glas sein. Um Lebensmittel zu konservieren, haben die römischen Menschen auch Glasbehältnisse benutzt. So überliefert uns Columella ein Zitat von C. Matius, in dem er beschreibt, wie man Schwarzkohl in einer Brühe in einem Glas einlegt.

Balsamarien aus Glas, also die Behältnisse, in denen Parfüm, Schminke, Tinkturen, Öle und Salben aufbewahrt wurden, waren auch beliebte Grabbeigaben der Römer. Aus Köln ist zum Beispiel ein einzigartiger gläserner Parfümbehälter erhalten, der wie Pantoffeln bzw. Sandalen geformt ist.

 

Kleiner Exkurs: Ess- und Trinkkulturen bei den Römern

Zum Abschluss machen wir noch einmal einen kleinen Exkurs zu den Ess- und Trinkgewohnheiten der Römer, weil Glas dort vielfältig zum Einsatz kam. Wir wissen so viel darüber, weil uns sowohl schriftliche als auch archäologische Quellen davon erzählen. Schriftliche Quellen sind beispielsweise der Autor Columella mit seinem Werk De re rustica oder Marcus Gravius Apicius mit seiner Rezeptesammlung Res coquinaria. Zu den archäologischen Quellen gehören Wandgemälde, Fußbodenmosaike, Reliefdarstellungen, Grabsteine aber auch original erhaltenes Essen, z. B. aus Pompeji, wo die Ascheschichten des Vulkanausbruches das Essen konserviert haben. Man muss am Anfang aber einmal dazu sagen, dass diese römische Küche, dieser dargestellte Luxus, nur für die Reichen und die Oberschicht galt, nicht für die ärmere Bevölkerung.

Die römische Esskultur hat sich ständig weiterentwickelt, wie heutzutage auch noch, wenn wir zum Beispiel an irgendwelche Foodtrends aus dem Internet denken.

So, aber was haben die Römer denn jetzt gegessen?

Brot und Getreidebrei waren zwei der wichtigsten Nahrungsmittel zu römischer Zeit, da sie schnell und einfach zubereitet werden konnte. Dafür nahmen sie die Getreidesorten Weizen, Dinkel und Gerste, manchmal aber auch Hafer, Hirse oder Roggen.

Die Römer haben aber nicht nur Brot und Brei gegessen, sie haben auch auf verschiedene andere Lebensmittel zurückgegriffen. Beliebt war zum Beispiel Gemüse, Obst, Nüsse, Fleisch, Fisch oder Meerestiere. Zu den beliebtesten Gemüsesorten zählten Möhren, Kohl, Lauch, Zwiebeln, Knoblauch, Schnittlauch, Artischocken, Gurken, Linsen, Erbsen und Bohnen. An Obst aß man Äpfel, Birne, Süßkirsche, Pflaumen oder Feigen.

Auch Fleisch liebten die Römer, vor allem Schwein, deren Innereien als Delikatessen galten. Außerdem waren Gänse, Hühner, Fasane, Pfauen, Tauben und Wachteln beliebt. Fische und Meerestiere wurden auch gegessen, wie etwa Sardinen, Krebse, Krustentiere, Austern, Muscheln, Stör, Thunfisch, Hecht, Forelle oder Barsch.

Um ihr Essen zu würzen, hatten die Römer eine Universalzutat, die sie für fast alles verwendeten, nämlich das sogenannte garum. Dies bestand aus Sardinen, Eingeweiden von Fischen und Salz, die zusammen für mehrere Wochen in die Sonne gestellt wurden. Dadurch entstand eine Flüssigkeit, welche dann zum Würzen benutzt wurde. Aber nicht nur damit schmeckte die römische Bevölkerung ihr Essen ab, sie kannten auch andere Kräuter und Gewürze, z.B. Koriander, Dill, Pfeffer, Salz, Honig, Essig, Olivenöl, Senf, Petersilie oder Minze.

Nun haben Römer aber natürlich nicht nur gegessen, sondern sie mussten auch Getränke zu sich nehmen. So haben sie zum Frühstück meistens Wasser, zum Mittag Wasser, verdünnten Saft oder Wein und zum Abendessen, der sog. cena, hauptsächlich Wein getrunken. Wein galt als Grundnahrungsmittel, der tägliche Konsum wird auf eine Menge von 0,8 bis 1 L pro männlicher und 0,5 L pro weibliche Person in Rom der Kaiserzeit geschätzt. In der Zeit vor den Römischen Kaisern, also der Römischen Republik, war es Frauen nicht erlaubt Wein zu trinken, es gab sogar Bestrafungen für die Missachtung. Wein haben die Römer aber nicht, wie wir heute, pur getrunken. Sie verdünnten den Wein immer mit Wasser. Außerdem wurde Wein auch oft gepanscht mit Salz, zerstoßenem Marmor, Schwefel, Ton, Kalk oder Harz, um den Geschmack und die Haltbarkeit zu steigern.

Neben den verdünnten Wein, kannten und tranken die Bürger Roms aber auch Honigwein, gewürzten Wein und Obstwein. Der Honigwein, die Römer nannten in mulsum, war ein Wein mit Honig gemischt, der dadurch leichter und milder war und deshalb oft als Aperitif getrunken wurde. Die gewürzten Weine sollen den heutigen Likören im Geschmack ähneln. Sie wurden mit Kräutern, Hölzern, Ölen, Rosen, Minze, Fenchel, Dill, Anis oder Myrrhe gemixt. Obstweine gab es als Gemisch mit Apfel, Birne, Datteln oder Feigen.

Leider gibt es keine eindeutigen Angaben über die gängigen Mischverhältnisse, wobei aber vermutet wird, dass die Mischung vom Alkoholgehalt des Weines sowie von den Trinkgründen abhing. Wer betrunken werden wollte, der hat weniger Wasser hinzugefügt, wer nur seinen Durst stillen wollte, der fügte mehr hinzu.

Zwar sind die römischen Scherben eher klein und unscheinbar, aber ich finde, da sie so bunt und ausgefallen sind, fallen sie beim Rundgang in der Dauerausstellung sofort auf. Sie haben mich schon beim ersten Anblick fasziniert und werden auch in Zukunft viele weitere Besucher beeindrucken.

Spannend finde ich auch, dass die Römer viele Lebensmittel kannten und auch benutzten, die in unserer Küche heute immer noch Verwendung finden. Und auch bei den römischen Ess- und Trinkgewohnheiten kam Glas vielseitig zum Einsatz. Diese Parallelen zur heutigen Gesellschaft finde ich sehr interessant und haben mich dazu motiviert, diesen Blogbeitrag zu schreiben.

 

Torben Mohr, Praktikant

 

Literaturverzeichnis:

Gerlach, Gudrun: Essen und Trinken in römischer Zeit, Köln 1992 (Führer und Schriften des Archäologischen Parks Xanten, 9).

Horn, Heinz Günter (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen, Stuttgart 1987.

Pausch, Matthias: Konsum. Einblicke in einen Wirtschaftsraum am Raetischen Limes, Ruffenhofen 2016 (Schriften aus dem LIMESEUM Ruffenhofen, 2).

Rottloff, Andrea: Geformt mit göttlichem Atem. Römisches Glas, Mainz 2015.

Trier, Marcus; Naumann-Steckner, Friederike (Hrsg.): Zerbrechlicher Luxus. Köln – ein Zentrum antiker Glaskunst, Köln 2016.

Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Die Ess- und Trinkkultur der Römer in Rom und Italien, in: Archäologie in Deutschland (2001), S. 9-17.

https://www.kirke.hu-berlin.de/petron/getraenke.html (letzter Zugriff am 05.03.2026).

 

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Foto: LWL-MAK Herne, C. Moors.

Abb. 2: Foto: LWL-MAK Herne, C. Moors.

Abb. 3: Foto: LWL-MAK Herne, C. Moors.

Abb.4: Glass ribbed bowl, 17.03.2026, The Metropolitan Museum of Art, New York. collectionapi.metmuseum.org/api/collection/v1/iiif/257877/545590/main-image﷒m image

Abb.5: Square glass bottle, The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) license. https://media.britishmuseum.org/media/Repository/Documents/2023_6/12_12/41883a83_912e_422b_859f_b01f00d16c48/mid_BCB60013.jpg