Gebunden im Recht - Die Geschichte einer Fußfessel

19.02.2026 Mete Yasar

Abb. 1. Fußfessel Foto: LWL-MAK Herne / Cornelia Moors

Warum habe ich mir dieses Exponat ausgesucht?

Als ich in der Dauerausstellung fast am Ende angekommen bin, habe ich etwas für mich sehr Spannendes gefunden. Eine Fußfessel. Ich wollte sofort wissen zu welchen Zwecken sie benutzt wurde und ob sie öfter oder eher seltener verwendet wurde. Ich habe mich dann auch für die Fußfessel als mein Thema für meinen Blogbeitrag entschieden.

Ein Blick in die Vitrine

Auf den Bildern bzw. in der Dauerausstellung unseres Museums ist eine mittelalterliche Fußfessel zu sehen, aus massivem Eisen geschmiedet und mit einer Kette versehen. Solche Objekte wirken heute brutal und fremd, gehörten jedoch über Jahrhunderte zum Alltag der Rechtsprechung in Europa. Die ausgestellte Fessel stammt aus dem Hoch- bis Spätmittelalter (ca. 13. Jahrhundert) und wurde im Raum Diderikeshusen/ Buren-Steinhausen bei einer Bodengrabung im Bereich der ehemaligen Wüstung Diderikeshusen gefunden. Es waren Spuren eines mittelalterlichen Siedlungsplatzes zu sehen, wo dann auch die Fußfessel lag.

Schon die rohe Verarbeitung zeigt: Komfort spielte keine Rolle. Die Fessel diente nicht nur der Sicherung, sondern auch der Abschreckung und Demütigung.

Was ist eine Fußfessel und wer wurde gefesselt?

Eine Fußfessel (auch Fesselschloss oder Eisenfessel) ist ein historisches Zwangs- und Strafinstrument, welches nur aus einem oder mehreren eisernen Ringen bestand, die um den Knöchel einer Person gelegt wurden. Häufig war die Fessel mit einer Kette versehen die entweder beide Füße miteinander verband, an einem festen Punkt (Wand, Pfosten, Bodenring) befestigt wurde oder mit weiteren Fesseln kombiniert war.

Die in unserem Museum ausgestellte Fußfessel besteht aus handgeschmiedetem Eisen, was typisch für das Mittelalter ist. Jedes Exemplar war ein Unikat, angepasst an den jeweiligen Zweck und die handwerklichen Möglichkeiten des Schmieds. Schraubmechanismen waren selten - stattdessen nutzte man Nieten, Steckbolzen oder einfache Verschlusshaken, die nur mit Werkzeug oder Gewalt zu öffnen waren.

Wichtig ist: Fußfesseln waren nicht primär Gefängnisinstrumente, sondern wurden in vielen alltäglichen Rechtssituationen eingesetzt.

Entgegen moderner Vorstellungen waren es nicht nur „Verbrecher“, die Fußfesseln trugen. Betroffen waren unter anderem abhängige Bauern (Hörige, Leibeigene), Personen in Untersuchungshaft, Schuldner, Menschen, die sich gegen ihren Grundherrn gestellt hatten oder Beteiligte an Streitigkeiten oder Familienkonflikten.

Besonders Problematisch: Grundherrn durften ihre Untergebenen oft ohne ordentliches Gerichtsverfahren fesseln. Die Fußfessel war damit ein Werkzeug sozialer Kontrolle.

Abb. 2. Fußfessel mit Fokus auf die linke Schelle Foto: LWL-MAK Herne / Cornelia Moors

Materialien, Gewicht und körperliche Folgen

Die meisten Fußfesseln bestanden aus Schmiedeeisen und gelegentlich Stahl.

Sie konnten mehrere Kilogramm wiegen. Das hatte für die Opfer gravierende Folgen, wie zum Beispiel Druckstellen und offene Wunden am Knöchel, Entzündung durch Rost und Schmutz, eingeschränkte Durchblutung oder dauerhafte Gelenkschäden.

Da Hygiene im Mittelalter kaum eine Rolle spielte, waren Infektionen häufig. Eine Fußfessel konnte also indirekt lebensgefährlich sein – selbst ohne zusätzliche Gewalt.

Abb. 3. Fußfessel mit Fokus auf die linke Schelle Foto: LWL-MAK Herne / Cornelia Moors

Fußfesseln im feudalen Machtgefüge

Im feudalen System war Recht untrennbar mit Besitz und Macht verbunden. Wer Land besaß, sprach Recht. Die Fußfessel symbolisierte genau das: „Du gehörst nicht dir selbst – du gehörst mir.“ Die Möglichkeit, jemanden körperlich zu fesseln, war ein klares Zeichen von Herrschaft. In vielen Fällen ging es weniger um Schuld als um Erziehung zum Gehorsam. Schon die Drohung mit der Fessel reichte oft aus, um Gehorsam zu erzwingen.

Abb. 4. Bild eines Prangers Foto: Foltermuseum, Freiburg im Breisgau

Öffentliche Wirkung und soziale Demütigung

Strafe im Mittelalter war selten verborgen. Fußfesseln wurden oft sichtbar getragen, bei Arbeit oder auf dem Hof und manchmal sogar im Dorfzentrum.

Das Ziel war nicht nur körperliche Einschränkung, sondern öffentliche Beschämung. Ehre war im Mittelalter ein zentraler sozialer Wert. Wer gefesselt war, galt als unzuverlässig, ehrlos oder gesellschaftlich minderwertig.

Diese Kennzeichnung konnte ein Leben lang nachwirken.

Fußfesseln wurden häufig zusammen mit anderen Geräten genutzt, zum Beispiel dem Pranger. Der Pranger war dazu gedacht war die Menschen für ca. 30 Minuten bis hin zu 24 Stunden zu fesseln und zu demütigen. Das Halseisen wurde beispielsweise auch oft mit der Fußfessel zusammen verwendet, da sie ähnliche Funktionen haben. Die Schandmasken gab es in unterschiedlichen Formen. Sie waren dazu gedacht die Menschen auf unbestimmte Zeit zu demütigen. Sie wurden auch oft mit der Fußfessel zusammen verwendet. Manchmal wurden auch mehrere Geräte gleichzeitig benutzt.

Im Gegensatz zum Pranger war die Fußfessel oft eine dauerhafte Strafe, die Tage, Wochen oder sogar Monate andauern konnte.

Abb. 5. Halseisen, 17. Jht. Foto: Märkisches Museum Berlin

Archäologische und historische Einordnung

Das solche Fußfesseln heute in Museen ausgestellt werden, ist von großer Bedeutung. Sie gelten als Sachquellen, die schriftliche Überlieferungen ergänzen. Gerade für das Mittelalter sind solche Objekte wichtig, da viele Betroffene selbst keine Stimmen in den Quellen hatten.

Die Fessel aus Kreis Soest wird auf die Zeit um 1200-1300 datiert und ist ein typisches Beispiel für regionale Rechtspraxis im nordwestdeutschen Raum.

Aus heutiger Perspektive wirken Fußfesseln grausam und unmenschlich. Dennoch zeigen sie wie Recht früher funktionierte, wie eng Gewalt und Ordnung verbunden waren und wie wenig Schutz der Einzelne hatte.

Moderne Rechtsstaaten entstanden auch als Gegenreaktion auf solche Praktiken.

Abb. 6. Eiserne Schandmaske aus Brüssel Foto: Wellcome Collection London (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)

Fazit: Mehr als nur Eisen

Die Fußfessel ist kein simples Ausstellungsstück. Sie steht für Machtmissbrauch, soziale Ungleichheit und die Körperlichkeit von Strafe

Sie erinnert daran, dass Freiheit, Menschenwürde und rechtsstaatliche Verfahren historisch erkämpft wurden – und keine Selbstverständlichkeit sind.

 

Mete Yasar, Schülerpraktikant

Quellen

  • Bergmann, R.: Zwischen Pflug und Fessel, Göttingen 1988
  • Aufruhr. Katalog Oldenburg 1985
  • Lexikon des Mittelalters, Bd. 4
  • Deutsches Historisches Museum (dhm.de) Mittelalter - Deutsches Historisches Museum
  • Schott, C.: Recht und Gericht im Mittelalter, Beck 2011
  • Bendix Trier: Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe, Jahrgang 8 Teil A