Nützliche Alltagsgegenstände sind doch nicht so nützlich, wie man denkt?

27.03.2026 Stella-Marie Weser

Ausstellungsplakat | Grafik: LWL, Oktober Kommunikationsdesign GmbH

Meine Lieblingsobjekte

Meine Lieblingsobjekte sind Teil der Sonderausstellung „Mahlzeit! Wie Essen uns verbindet“. Hier handelt es sich um eine Reihe die von Katerina Kamprani erstellt wurde. Diese Reihe heißt „The Uncomfortable“ und umfasst Objekte, die im Alltag von uns Menschen genutzt werden. Darunter befinden sich Besteck, wie Gabeln und Löffel, Tassen und Gläser. Allerdings sind dies keine archäologischen oder historischen Objekte, sondern Kunstwerke. Aus diesem Grund hat diese Reihe mich besonders angeregt. Ich habe mich gefragt, was Kunstwerke ohne jeglichen historischen Kontext in ein Museum, welches sich mit der Geschichte der Menschheit auseinandersetzt, bringt.

Was ist "The Uncomfortable"?

„The Uncomfortable“, oder im Deutschen „Die Ungemütlichen“ wurde 2011 von der griechischen Architektin und Designerin Katerina Kamprani als ein „sadistisches Designprojekt“ ins Leben gerufen. Ziel war es, Alltagsgegenstände bewusst so umzugestalten, dass sie unbequem, irritierend und unbrauchbar wurden. Das Projekt sollte traditionelle Designprinzipien infrage stellen und durch die Schaffung unbrauchbarer Versionen bekannter Gegenstände, wie eine Gießkanne bei der ihr Hals so verdreht ist, dass sie sich selbst gießen würde, ein Lineal, welches nur 1cm messen kann oder auch Besteck, welches an Ketten gebunden ist, eine Reaktion hervorrufen. Das LWL-MAK in Herne sorgt für diese Art von Kunst ein Platz, an dem Kunst abschreckend und unbequem sein kann.

THE UNCOMFORTABLE RULER | Katerina Kamprani

Dazu hat unser Museum zurzeit Gegenstände ausgestellt, die aus dieser Reihe stammen. Für die Herstellung der Objekte werden unterschiedliche Materialien, wie Glas, Metall und Keramik genutzt. Da mehrere Objekte auch mit einem 3D-Drucker entstanden sind, bestehen sie aus thermoplastischen Kunststoffen, also Stoffen, die bei Wärme sich verformen lassen und beim Abkühlen fest werden. Zurzeit gibt es aber auch noch Objekte, die nur zur Visualisierung in Programmen vorhanden sind. Diese Programme zeigen 3D-Objekte an, die nicht physisch, also nicht greifbar sind.

Ausgestelltes Stück der Serie „The Uncomfortable“ von Katerina Kamprani | Malte Hömberg

Beschreibung der Objekte

Bei uns befinden sich zwei Tassen aus Porzellan, die am Henkel verbunden sind, zwei Gläser, die am Hals zusammengeschweißt wurden und Besteck aus Metall. Am meisten vertreten sind Gabeln, da sie im Alltag normalerweise am meisten genutzt werden. An einer der Gabeln wurden mehrere kleine Metallringe genutzt, um die Gabel kleinteilig zusammenzusetzen. An einer anderen wurde ein Löffel mit einem weiteren Metallring befestigt, jedoch wurde hier der Griff entnommen, welches ihn kaum funktionell macht. Bei einer weiteren wurden die Zinken abgenommen und auch mit Metallringen erneut befestigt. Dies sorgt dafür, dass die Gabel auch funktionslos ist, schließlich kann man mit dieser Gabel nichts aufspießen.  Auch Löffel sind in unserer Ausstellung zu finden. Diese wurden an dem Laffen mit einer Metallkette zusammengebunden. Die Löffel und Gabeln stellte Kamprani 2015 her, die Gläser und Tassen 2017.

THE UNCOMFORTABLE CHAMPAGNE GLASSES | Katerina Kamprani

Da sich die Sonderausstellung unseres Museums mit den Essgewohnheiten von Menschen aus unterschiedlichen Zeitaltern beschäftigt, und die Kunstwerke von Kamprani Besteck ähnlich sind, passen diese Objekte in die Ausstellung. Schließlich sagen die Haltung und auch die Art von Besteck viel über die Essgewohnheiten von Menschen aus. Diese Aspekte zeigen, wie weit Menschen in der frühen Neuzeit schon mit der Entwicklung von ihrem Eigentum waren. Die ersten Ideen für Besteck stammen aus dem Mittelalter, wurden aber erst ab dem 17. Jahrhundert in Europa für die Bequemlichkeit der Menschen angepasst.

Auch dies gehört zu den Gewohnheiten von Menschen, schließlich prägt diese Idee uns heute noch stark. Doch mit der Reihe zeigt Kamprani was hätte passieren können, wenn Menschen sich nur auf das Aussehen und weniger auf die Funktion fokussiert hätten, oder wenn sie andere Prinzipien für die Herstellung solcher Objekte genutzt hätten.

Bezug auf die Realität

„The Uncomfortable“ bringt Werke und Positionen zusammen, die sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengeben. Stattdessen öffnen sie Räume für Diskussionen über gesellschaftliche, politische und persönliche Themen, die oft im Alltag verdrängt oder nur am Rande behandelt werden. Es geht um das, was stört, was unter die Haut geht und gerade deshalb so wichtig ist. Besteck wird in „The Uncomfortable“ aus seinem gewohnten Kontext gelöst. Es erscheint verfremdet, neu angeordnet oder in ungewohnten Situationen präsentiert. Dadurch verliert es seine Selbstverständlichkeit und wird zum Träger von Bedeutung. Was passiert, wenn ein Objekt, das für Nahrung, Gemeinschaft und Routine steht, plötzlich Irritation auslöst? Welche Geschichten lassen sich daran ablesen?

THE UNCOMFORTABLE FORK | Katerina Kamprani

Die Arbeiten zeigen, dass selbst die banalsten Dinge gesellschaftliche Strukturen widerspiegeln können. Fragen von Zugang, Besitz, Ritualen oder auch Machtverhältnissen können sich in der Art und Weise zeigen, wie und womit wir essen, da schon in der frühen Neuzeit alleine am Besteck ausgemacht wurde, ob jemand reich oder arm ist. Im späten Mittelalter wurde der Löffel als ein Zeichen der Reichen angesehen, später aber als ein Zeichen für Schwäche. Besteck wird so zum Symbol für Ordnung und Norm, aber auch für Ausgrenzung und Ungleichheit.

Gerade durch diese Veränderung entsteht das „Uncomfortable“. Die vertraute Form bleibt erkennbar, doch ihre Bedeutung gerät ins Wanken. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, genauer hinzusehen. Wie sehr prägen Alltagsgegenstände unser Denken? Welche Gewohnheiten hinterfragen wir selten? Warum hinterfragen wir sie nur so selten?

„The Uncomfortable“ macht deutlich, dass Irritation nicht im Großen beginnen muss. Sie kann im Kleinen liegen, im scheinbaren Nebensächlichen. Ein Löffel, der nicht mehr nur ein Löffel ist, wird zum Ausgangspunkt für Reflexion über uns selbst, unsere Routinen und die Gesellschaft, in der wir leben.

THE UNCOMFORTABLE CUTLERY SET | Katerina Kamprani

Fazit

„The Uncomfortable“ zeigt, wie selbst Alltägliches wie Besteck zum Ausgangspunkt für Irritation und Reflexion werden kann. Die Reihe lädt dazu ein, Gewohntes zu hinterfragen und neue Perspektiven einzunehmen. Kamprani hat sich besonders von der Suche nach der Irritation inspirieren lassen, als sie diese Reihe an Objekten schuf.

 

Stella-Marie Weser, Schülerpraktikantin

Literaturverzeichnis

S. Stummerer/M. Habelsreiter „wie wir essen, Tischkultur | Geschichte, Design, Klima“ (Wien 2021)

About | theuncomfortable.com (Letzter Zugriff am 24.03.2026)

„The Uncomfortable Collection“ von Katerina Kamprani | AD Magazin (Letzter Zugriff am 24.03.2026)

The Uncomfortable: A Series of Inconvenient Household Items Designed by Katerina Kamprani — Colossal (Letzter Zugriff am 26.03.2026)

Abbildungsnachweis

Titelbild: Engagement Mugs

Abbildung 1: LWL-Museum für Archäologie, Herne/Oktober Kommunikationsdesign GmbH

Abbildung 2: The Uncomfortable Ruler

Abbildung 3: Bildnachweis: Malte Hömberg

Abbildung 4: The Uncomfortable Champagne Glasses

Abbildung 5,6: The Uncomfortable Cutlery set