09.09.2021

Stonehenge - ein logistisches Meisterwerk

Der innere Steinkreis (Bild: LWL/Michael Rind)

„Ein Denkmal wie Stonehenge würde man heute in drei Tagen bauen, vor 5.000 Jahren brauchte man dafür viele Jahre“, erklärt Dr. Kerstin Schierhold, Kuratorin der Sonderausstellung „Stonehenge“, die ab dem 23. September 2021 im LWL-Museum für Archäologie in Herne zu sehen ist. Maschinen gab es in der Jungsteinzeit keine, und auch Rechnen und Vermessen waren keine Selbstverständlichkeit. Trotzdem war „Stonehenge“ nicht allein: In Westfalen baute man schon 1.000 Jahre früher als in England mit großen Steinen.

C.S.: 83 Steine sind heute noch von dem ursprünglichen Monument übrig. Wie kamen sie in die Salisbury-Ebene, wo Stonhenge bis heute steht?
K.S.:
Die Steine wurden von weit hergebracht. Dabei hat man zwei verschiedene Gesteinsarten verwendet: Das eine sind die „Sarsen“, das andere die „Bluestones“. Die Sarsen sind sehr große Steine. Sie können ein Gewicht von bis zu 40 Tonnen erreichen und kommen aus einer Entfernung von ungefähr 25 bis 30 Kilometern. Das ist eine enorme Leistung, wenn man das schwere Gewicht und die einfachen Mittel bedenkt, mit denen damals gearbeitet wurde. Die „Bluestones“ stammen aus den Preseli-Bergen in Wales, das sind noch einmal etwa 240 Kilometer Entfernung.
 

Woher wissen wir 5.000 Jahre später, woher die Steine kommen?
K.S.: Wir kennen die Plätze, von wo die Steine kommen. Archäolog:innen konnten die Steinbrüche mittels geochemischer Analysen aufspüren.  

Josef Mühlenbrock und Julian Richards versuchen bei einem Besuch in England einen schweren Stein zu bewegen. (Bild: LWL/K.Schierhold)

Kann man den Transportweg heute noch rekonstruieren?
K.S.: Ja, über das Gelände. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man Steine von A nach B bringen kann. Dazu gibt es sogar Experimente. Stonehenge regt natürlich dazu an, so etwas auszuprobieren. Die selbsternannten „Stonehengineers“, von Stonehenge-Ingenieur:in oder- Entwickler:in, überlegen sich andauernd neue Möglichkeiten, wie die tonnenschweren Steine transportiert worden sein könnten. Mal geht es einen Abhang herauf, mal herunter, mal muss man Wasser überqueren.

Es ist aber völlig unklar, ob ein Spezialisten-Team diese Steine aus den Steinbrüchen geholt hat oder einzelne Gruppen, die sich lokal auskannten und unterschiedliche Transportmöglichkeiten verwendet haben. Die herkömmliche Methode ist auf Rollen: Man nimmt Rundhölzer, einfache Stämme, geglättet, mit möglichst wenig Ästen, wo der Stein einfach hinüberrollen kann. Aber es gibt auch Versuche mit Schienen oder Hebeln. Die Hebel setzt man unter die Steine, hebt sie an und bewegt sie ähnlich wie ein Ruder. Vieles ist denkbar, so bleibt auch der Transport ein großes Rätsel.

Die großen Sloopsteene in Westfalen (Bild: LWL/L. Klinke)

Auch in Westfalen gibt es solche Monumente, die die Landschaft dauerhaft markieren und Erinnerungsorte schaffen. Ist man dort beim Bau und Transport ähnlich vorgegangen wie die Engländer?
K.S.: In Westfalen wurden Megalithgräber schon lange vor Stonehenge aus großen Steinen errichtet. Ihr Bau war auch in Westfalen mit großem Arbeitsaufwand verbunden. Wir können auch in Süd- und Ostwestfalen in einigen Fällen durch geologische Untersuchungen des Baumaterials Herkunft und Transportwege rekonstruieren, die meist zwischen ein bis drei Kilometer betragen. Es gibt aber auch Gräber, deren Baumaterial aus elf und 16 Kilometer Entfernung stammt. Ob beim Bau Hilfsmittel wie Rindergespanne eingesetzt wurden, wissen wir nicht sicher, aber es lässt sich vermuten, weil auf manchen Steinen auch stilisierte Rinder zu sehen sind. Die Steine wurden vermutlich aber auch auf Holzschlitten befestigt und über Rollen gezogen.

Die Anordnung der großen Steine als Trag- und Decksteine zu gewaltigen Toren, ihre Form als Hufeisen und in Steinkreisen wirkt sehr durchdacht. Über welche Fähigkeiten und Kenntnisse mussten die Menschen damals verfügen?
K.S.: Wir können nicht sicher sein, wie Stonehenge gebaut wurde. Aber wir wissen: Die Leute müssen mathematische und vermessungstechnische Fähigkeiten gehabt haben. Klar, musste man zählen können. Man hat einfach eine gewisse Anzahl an Steinen gebraucht. Da steckt ein bestimmter Plan dahinter.

Einen Kreis in einer Ebene einzurichten ist nicht schwer. Alles, was man braucht, sind ein Pflock und ein Seil, aber die nächste Frage ist schon: Wurden die Abstände zwischen den Steinen vorher genau errechnet oder hat man sie einfach auf gut Glück aufgestellt? Diese Frage ist bis heute offen. Forscher:innen haben viel diskutiert über das sogenannte megalithische Yard. Das sollte eine Standard-Maßeinheit sein, allerdings ist sie unserer heutigen Vorstellungswelt entlehnt, wo wir alles genau abmessen. Fraglich ist, ob die Menschen der Jungsteinzeit das auch so gehandhabt haben.

Der Platz, an dem Stonehenge erbaut worden ist, fällt leicht am Hang ab. Die Erbauer:innen haben aber darauf geachtet, dass alle Steine gleich hoch sind. Statt die Steine abzuschlagen, was viel Arbeit gewesen wäre, haben sie die Fundamentgruben angepasst. Sie müssen dabei eine Art Messgerät für Höhenunterschiede gehabt haben. Mit bloßem Augen hätte man das nicht abschätzen können.

Neben dem technischen Aspekt steht aber auch die Motivation, die wir bis heute nicht eindeutig durchschauen: Alle Steine sind astronomisch ausgerichtet. Stonehenge ist wie ein Observatorium, eine Sternwarte. Auch da ist sehr viel Wissen eingeflossen.

Wie lange hat der Bau gedauert?
K.S.: Die ersten Steine sind ca. 2500 v. Chr. angekommen. Bei den „Bluestones“ ist man sich nicht ganz sicher, ob sie nicht vielleicht schon früher da waren. Der letzte große Umbau hat ungefähr 2200 v.Chr. stattgefunden. Da wurden die „Bluestones“ noch einmal umgestellt. In der letzten Phase während der Bronzezeit, ungefähr 1800 bis 1600 v.Chr., wurden die Steine nur noch verziert.

Wieso steht das Monument bis heute?
K.S.: Stonehenge hält dank einer Kombination von Zapfen-, Nut- und-Feder-Verbindungen, die die Trag- und Decksteine miteinander verzahnen. Das ist eigentlich eine Technik aus der Holz-Bearbeitung. Sie ist in Stonehenge im äußeren Sarsen-Kreis und bei den großen Trilithen, die in einer Hufeisen-Formation im Inneren stehen, angewendet worden. In der Ausstellung haben wir den inneren Steinkreis 1:1 rekonstruiert, so dass Besucher:innen die Steine in ihrer wahren Dimension erleben, mit einer originalgetreuen Oberfläche, die jedes Detail wiedergibt, auch die Bauart.

Wieso hat man sich damals die ganze Arbeit gemacht?
K.S.: Das ist heute noch ein Rätsel. In der frühen Phase war Stonehenge ein Ort für Bestattungen. Später war der Steinkreis ein Ort der Zusammenkunft und des gemeinsamen Feierns, insbesondere zur Wintersonnenwende. Da wollte man sich vergewissern: Wird tatsächlich ein neues Jahr beginnen, wenn das alte Jahr zu Ende geht? Erst als die Sonne in demselben Steinkreis wieder aufging, wo sie tags zuvor untergegangen war, konnte man sich sicher sein – so denken wir heute, das war vielleicht die Vorstellung damals.

Zur Interviewpartnerin
Dr. Kerstin Schierhold ist Archäologin. Sie leitete die archäologischen Ausgrabungen an zwei jungsteinzeitlichen Galeriegräbern in Erwitte Schmerlecke (Kreis Soest) sowie Prospektionen in deren Umfeld. Von 2015 bis 2018 war sie Leiterin des Forschungsprojekts „Megalithik in Westfalen“ der LWL-Altertumskommission für Westfalen. Seit 2018 arbeitet sie als Kuratorin der Sonderausstellung „Stonehenge“ im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Herne.

Zur Homepage der Sonderausstellung Stonehenge

 

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