Waffe, Werkzeug oder Prestigeobjekt? Die Geschichte eines bronzezeitlichen Dolches

09.04.2026 Praktikant:in

Ein reich verzierter Bronzedolch. Foto: LWL-MAK Herne/ Cornelia Moors

Ein Blick in die Vitrine

Bei der Wahl eines Lieblingsobjekts fiel mir ein Dolch aus der mittleren Bronzezeit ins Auge, da ich mich für diese Zeit besonders interessiere. Das Exponat besteht aus einer verzierten Bronzeklinge mit etwa 19 cm Länge. Seine runde Griffplatte befestigte der Erschaffer des Dolches durch vier Nieten, die ebenfalls aus Bronze bestehen, am Griff, der jedoch nicht mehr erhalten ist. Der Dolch ist leicht geschweift, hat eine Mittelrippe und einen leicht abgesetzten, 5 Millimeter breiten Klingenrand. Auf der oberen Hälfte der Klinge befindet sich ein geschweiftes Dreieck aus 6 Linien. Auf der äußeren Linie befindet sich eine Reihe aus Punkten, während sich entlang der inneren Linie zwei Reihen bogenförmiger Einkerbungen befinden. Der Dolch ist vom Typ Sögel, welcher von Südskandinavien und Schleswig-Holstein über Niedersachsen bis in die östlichen Niederlande und Ostwestfalen-Lippe verbreitet ist und von ca. 1600–1400 v. Chr. hergestellt wurde.

Das ungewöhnliche an diesem Dolch ist, dass Forscher ihn in einem Grab zusammen mit einer Lanze fanden, statt mit einem Beil[DL1] , welches eine typische Grabbeigabe zu dieser Zeit war. Die Archäologen fanden die Waffen, die aus der Zeit um 1500 v. Chr. stammen, zusammen mit Siedlungsresten aus der Eisenzeit in Petershagen- Bierde. Der Dolch und die Speerspitze lagen in der Mitte eines hellen, rundlichen Sandflecks. Wahrscheinlich befand sich dort ein Grabhügel.

Doch war dieser Dolch lediglich ein prunkvolles Zeichen der Macht des Besitzers oder ein Werkzeug für den Alltag in der Bronzezeit?

Wofür wurden Dolche in der mittleren Bronzezeit genutzt?

Bis 2022 gingen die meisten Archäolog:innen davon aus, dass Dolche in der Bronzezeit ausschließlich als Statussymbol dienten. Im Jahr 2022 hat jedoch die Newcastle University eine Möglichkeit gefunden, um organische Reste aus kupferhaltigen Legierungen, wie z.B. Bronze zu extrahieren, einzufärben und zu analysieren. Dadurch konnten sie herausfinden, wofür die bronzezeitlichen Menschen sie nutzten. Demnach nutzten die Menschen in der Bronzezeit Dolche für die Bearbeitung von den Tierkadavern. Sie verwendeten Dolche anscheinend hauptsächlich zum Schlachten der Tiere, dem Zerlegen der Tierkadaver und dem Ablösen des Fleisches von den Knochen. Leider analysierten die Forscher nur Dolche ohne Verzierung, weshalb ich zu dem verzierten Exemplar nur raten kann. Wahrscheinlich diente er reinen Prestigezwecken, als Statussymbol oder er diente ausschließlich als Grabbeigabe.

Um zu verstehen, wie ich auf diese Idee kam, ist ein Blick in die bronzezeitliche Schmiede unabdingbar.

Abb.2 Bronzeguss heutzutage. © Kritzolina

Die Geschichte des Schmiedens während der Bronzezeit

In der Bronzezeit fanden die Menschen heraus, wie sie Legierungen herstellen konnten und begannen, die meisten ihrer Waffen und Werkzeuge aus Kupferlegierungen zu gießen. Dazu nutzten sie verschiedene Gussverfahren. Den verdeckten Herdguss nutzten die Schmiede für flache und einseitig bearbeitete Werkzeuge. Für Sicheln nutzten sie ausschließlich dieses Gussverfahren. Die verlorenen Formen, welche die Schmiede zerschlagen mussten, um an das Objekt zu kommen, nutzten sie für individuelle Werkzeuge und Waffen. Für diese nutzten Schmiede für gewöhnlich Gussformen aus Ton, Stein oder Metall. Nachdem der Schmied den Gegenstand aus der Form holte, schmiedete er ihn im erkalteten Zustand zurecht. Anschließend erhitzte er ihn erneut, verzierte ihn, wenn nötig, mithilfe von Meißeln oder Punzen (eine Art Stempel für Metall) und erhitzte den Gegenstand ein letztes Mal.

Eine andere Möglichkeit, die Werkzeuge und Waffen zu verzieren war, die Innenseite der Gussform zu verzieren. Bei den meisten Waffen ist diese Methode jedoch nicht möglich, da der Schmied sie zu stark überschmiedete, als dass die Verzierungen noch erkennbar sind. Aus diesem Grund konnten Schmiede nur grobe Verzierungen gießen, während sie die Feinheiten ziselierten, also mit Punzen ausarbeiteten. Diese Waffen waren auch viel zu wertvoll und zu fein gearbeitet um als Waffen dienen zu können. Auch der Dolch aus dem Museum gehört wahrscheinlich zu diesen unbrauchbaren Waffen.

Abb.3 Der Sonnenwagen von Trundholm. © Nationalmuseum Dänemark

Außerdem begannen die Schmiede in der Bronzezeit, Gold und Bronze zu Blechen zu verarbeiten, um größere oder prunkvolle Gegenstände zu verzieren. Die Himmelsscheibe von Nebra und der Sonnenwagen von Trundholm sind gute Beispiele für Goldblechverzierungen aus der Bronzezeit. Für die Herstellung der Bleche setzten die Schmiede auf Hämmer, die sie aus Stein, Metall oder Knochen herstellten, und dazu passenden Ambosse. Die Theorie, dass der Dolch im LWL-Museum nur ein Statussymbol war, wird von der Tatsache unterstützt, dass in der Bronzezeit ein ausgedehntes Handelsnetzwerk existierte, welches unter anderem für den Handel mit Kupfer verwendet wurde. Da Kupfer nur in bestimmten Regionen vorkommt, musste es aus Abbaugebieten wie zum Beispiel England nach Westfalen transportiert werden. Kupfer (und damit auch Bronze) war dem entsprechend natürlich teuer. Darum war ein sehr wichtiger Punkt für die damalige Zeit, dass Schmiede die Bronze jederzeit wieder einschmelzen und wiederverwenden konnten.

Trotz dieser Vielseitigkeit wird die Bronze später abgelöst. Doch wie kam es dazu?

Das Ende der Bronze als Werkstoff

Da Eisen noch nicht gegossen werden konnte und dadurch die bereits erwähnten Schmiedevorgänge nicht mit Eisen möglich waren, wurde Bronze auch in der Eisenzeit und im Mittelalter noch sehr oft verwendet. Erst im späten Mittelalter begannen die Menschen, Eisen zu gießen, weshalb Bronze auch in diesem Punkt in den Hintergrund gedrängt wurde. Da Eisen fast überall vorkam, zerbrachen die großen Handelsstraßen der Bronzezeit und wurden durch regionalen Handel ersetzt.

Dennoch stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft in der Zeit aufgebaut war, in der Bronze der wichtigste Rohstoff war.

Die Hierarchien in der Bronzezeit

In der frühen Bronzezeit bildeten sich vor allem in der Aunjetitzer Kultur gesellschaftliche Unterschiede. In der mittleren Bronzezeit verwischten diese jedoch, da eine breite Schicht offenbar wohlhabender Männer und Frauen vorhanden war, so dass es kaum gelingt, eine niedrigere Stufe archäologisch zu fassen. Es ist jedoch unklar, ob die gefundenen Gräber die gesamte Bevölkerung oder nur einen kleinen, mächtigeren Ausschnitt der Bevölkerung widerspiegeln. Da in der Spätbronezeit die Brandbestattung großen Anklang fand und die Grabbeigaben Standardisiert wurden, lässt sich nur schwierig etwas über die Hierarchien in dieser Zeit sagen. Dennoch fallen in jedem Abschnitt der Bronzezeit die Waffen in den Gräbern auf. In der frühen Bronzezeit waren es Dolche, die in der mittleren und späten Bronzezeit durch Schwerter ersetzt wurden. Diesen beigefügt finden sich weitere Waffen, wie Pfeil und Bogen, Lanzen, Speere, Äxte, Beile und Schilde. Da jedoch nicht in jedem Grab ein Schwert gefunden wurde und einige Gräber von Kindern und jungen Jugendlichen in der späten Bronzezeit ebenfalls (stumpfe) Schwerter beinhalteten, handelte es sich dabei wahrscheinlich ausschließlich um ein Statussymbol.

Praktikant Jannick Hirschberg

Quellen

Newcastle University Press Office, Research finally answers what Bronze Age daggers were used for, Newcastle University (Newcastle upon time 2022)

URL: https://www.ncl.ac.uk/press/articles/archive/2022/04/bronzeagedaggers/

Albrecht Jockenhövel: Bronzezeit– Epoche zwischen Archäologie und Schriftlichkeit, in: Albrecht Jockenhövel – et al (Hrsg.) wbg Weltgeschichte Bd. I. Grundlagen der globalen Welt. Vom Beginn bis 1200 v. Chr. (Darmstadt 2009)

R. Schwab – C.-H. Wunderlich – K. Peisker, Feine Linien in Bronze. Ein Beitrag zur Metallbearbeitungstechnik der Bronzezeit, Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte (Halle, Saale 2007)

URL: https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/geschichte/ufg/108_wbg_weltgeschichte_band_1_bronzezeit.pdf

Sögel-Wohlde-Kreis – Wikipedia abgerufen am 07.04.2026

URL: https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%B6gel-Wohlde-Kreis#:~:text=Der%20S%C3%B6gel%2DWohlde%2DKreis%20ist%20eine%20fr%C3%BChbronzezeitliche%20(etwa%201600%E2%80%931000,Landkreis%20Celle%2C%20beide%20in%20Niedersachsen%20benannt%20wurde.

Abb. 2

By Kritzolina - Own work, CC BY-SA 4.0,

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bronze_casting_in_Kunstgie%C3%9Ferei_M%C3%BCnchen_48.jpg#/media/File:Bronze_casting_in_Kunstgie%C3%9Ferei_M%C3%BCnchen_48.jpg

Abb. 3

Søren Greve – Nationalmuseum Dänemark, CC BY-SA 4.0,

https://samlinger.natmus.dk/do/asset/166561