Was kann uns ein Rasiermesser über 3.000 Jahre alte Boote erzählen?

26.08.2026 Lea Schäfer

Die Bronzezeit, für Archäolog:innen eine Zeit voller Rätsel. Und genau mit diesen Rätseln hat mich diese Epoche bereits seit Anfang meines Studiums für Ur- und Frühgeschichte fasziniert. Dass ich bei meinen Runden auf der Suche nach meinem Lieblingsobjekt in der Dauerausstellung an einem Rasiermesser mit Schiffsdarstellung aus eben dieser Zeit hängenblieb, war also wenig überraschend. Besonders da ich durch mein Studium in Rostock mit Gegenständen dieser Art aus dem Ostseeraum vertraut war, hat dieses Objekt, das in dieser Form in Westfalen bisher einzigartig ist, besonderes Interesse in mir geweckt: Was für eine Geschichte verbirgt sich hinter diesem Objekt?

Abb. 1: Das Rasiermesser mit Schiffsdarstellung.

Das Objekt

Das einschneidige Rasiermesser aus Bronze lässt sich dem nordischen Typ zuordnen. Es ist 7,8 cm lang, erreicht in der Breite bis zu 2 cm und verzeichnet eine Dicke von 0,1 cm. Der Griff ist zurückgebogen und es ist beidseitig durch eine eingepunzte (also mit einem Stempel reingeschlagene) Punktereihe verziert; Die Schiffsdarstellung findet sich jedoch nur auf einer Seite.

Spannend ist: Das Messer (Abb. 1) ist dabei nicht nur Leinwand für die Abbildung eines Bootes, sondern wird mit Hilfe von waagrechten Einritzungen rechts im oberen Bereich und den Punktereihen selbst zum Teil eines Boots: Der zurückgebogene Griff stellt den Bug dar und die bereits erwähnten Waagrechten und Punktelinien vermitteln den Eindruck, man könne in das Boot hineinschauen. Dabei erinnert es heute vielleicht am ehesten an die vordere Hälfte eines Kanus.

Abb. 2: Die Urne deren Beigabe das Messer war.

Bei Ausgrabungen 1992 wurde das Messer als Beigabe einer Urnenbestattung (Abb. 2) auf dem Brandgräberfriedhof im Süden von Ibbenbüren (Kr. Steinfurt) gefunden. Der Bestattete wird auf Basis von Untersuchungen des Leichenbrandes als ein junger Mann im Alter von 20 bis 30 Jahren identifiziert. Neben dem Messer wurde außerdem eine etwa 20 cm lange Vasenkopfnadel mit Riefenverzierung gefunden, die vermutlich zur Tracht des Toten gehört hat. Das Grab wird auf um 1000 v. Chr. datiert und fällt somit in die späte Bronzezeit.

Einzigartig in Westfalen

Während Rasiermesser während der Bronzezeit in Westfalen keine Seltenheit sind (zwei andere wurden bereits in den Blogbeiträgen Das Doppelscheidige Rasiermesser und Womit haben sich die Menschen damals eigentlich rasiert? behandelt), ist das Rasiermesser mit Schiffsdarstellung einzigartig.

Wie sich vielleicht bereits durch die Zuordnung zum nordischen Typ erahnen lässt, ist diese Art von Rasiermessern, besonders mit Schiffsgravur, hauptsächlich im Nord- und Ostseeraum (dem sogenannten Nordischen Kreis) zu finden, wo Schiffsdarstellungen auch in anderen Formen eine relevante Rolle spielen: Steine, die im Grundriss eines Schiffes aufgestellt sind (Abb. 3) und häufig als Gräber fungiert haben oder auch Felsbilder (Abb. 4), die als Schiffe zu erkennen sind und den Abbildungen auf Rasiermessern ähneln.

Ein echtes Boot auf dem Messer

Ein weiteres Indiz für die lokale Verzierung des Messers ist die Art des dargestellten Bootes, dass an ein eher gewöhnliches Plankenboot erinnert, wie es zu dieser Zeit durch Funde belegt ist. Die Schlichtheit der Darstellung lässt vermuten, dass die verzierende Person sich real bestehende Boote als direktes Vorbild genommen hat, welche genutzt werden konnten um hier in der Gegend auch schwere Lasten über die Flüsse zu transportieren. Diese Boote kann man sich ähnlich wie heutige Ruderboote vorstellen. Anhand Bootsdarstellungen wie der auf dem Messer, aber auch den bereits erwähnten Steinsetzungen und Felsbildern versuchen Archäolog:innen verschiedene Bootstypen zu rekonstruieren und die verschiedenen Funktionen und Nutzungsbereiche weiter zu verstehen. Durch Darstellungen mit Besatzung versuchen Forschende sogar die Größe des Bootes und Besatzung abzuschätzen. So kann uns die Kunst der Zeit auch tieferen Einblick in den Alltag der Menschen damals ermöglichen.

Alltags- oder Kultgegenstand?

Rasiermesser – das klingt zunächst wie ein typischer Alltagsgegenstand. Doch für die Bronzezeit wird in der Forschung eine tiefere Bedeutung dieser für uns eher banalen Objekte vermutet. Während eine Nutzung einiger Messer für die Haarpflege zwar durch Untersuchungen von Rückständen an den Klingen bereits belegt ist, wird darüber spekuliert, dass die Alltagsrasur nicht der einzige Zweck dieser Messer gewesen sein könnte. Zusammen mit Pinzetten tauchen Rasiermesser immer wieder als typisches Grabinventar der Zeit in Gräbern auf, die Männern der Oberschicht zugeordnet werden; aber auch in manchen Frauengräbern sind sie zu finden. In Kindergräbern tauchen diese jedoch nicht auf.

Dadurch kommen neue Fragen für die Archäolog:innen auf: Hat es sich bei den Messern um wichtige Bestandteile eines Initiationsrituals zum Erwachsenwerden gehandelt? Haben die  Personen ihre Rasiermesser ihr Leben lang behalten? Abnutzungs- und Flickspuren an verschiedenen Funden deuten jedenfalls auf eine lebenslange Nutzung hin.

Es scheint kein Objekt zu sein, was jede Person ab einem gewissen Alter erhalten hat, denn es fällt auf, dass nur etwas weniger als zehn Prozent der Bestatteten eines Gräberfeldes diese Beigabe erhalten haben. Die Relation von Rasiermessern zu Gräbern lässt vermuten, dass es sich bei den Besitzenden um eine Art Familienoberhaupt handeln könnte oder diese Personen andere spezielle Aufgaben innerhalb einer familiengroßen Gruppe innehatten. Bei einem so bedeutsamen Gegenstand wundert es also nicht, dass das Rasiermesser in Gräbern, wie auch in dem des Toten aus Ibbenbüren, als eine der wenigen Beigaben beigelegt wird. Spannend ist jedoch, dass der Mensch der das Messer in Ibbenbüren erhalten hat, mit 20 bis 30 Jahren noch relativ jung war, vielleicht ist er also noch nicht lange im Besitz des Messers gewesen.

Abb. 5: Urne von Gevelinghausen.

Die Bedeutung von Schiffen in der Bronzezeit

Aber wieso ein Boot auf einem Kultgegenstand? Es wird vermutet, dass Schiffe in der Glaubenswelt der Bronzezeit eine besondere Rolle gespielt haben, darauf weisen auch andere Funde aus Westfalen hin. Auf der Bronzeamphore von Gevelinghausen findet man eine Darstellung der sogenannten „Vogel-Sonnen-Barke“ (Abb. 5). Diese ist ein zentrales Symbol der jüngeren Bronzezeit, die die Verbindung der Sonne zu Schiffsdarstellung aufzeigt. Auch weitere Darstellungen zeigen eine Verbindung dieser Symbole. Dies ist kein regionales Phänomen, sondern lässt sich in Mitteleuropa und Skandinavien immer wieder finden. Die Theorie: Man verfolgte den Glauben, das Boot transportiere die Sonne über den Himmel, weshalb es ein essenzieller Teil kultischer Symbolik für die Menschen damals ist. Besonders auf Rasiermessern aus Skandinavien sind unterschiedliche Darstellung der Reise der Sonne auf einem Boot, oft in Verbindung mit Schlangen, Fischen und eben auch Vögeln, wie in Gevelinghausen gängig. Auch wenn die Messer mit diesen Darstellungen aus der späten Bronzezeit (1.100 - 500 v. Chr.) stammen, wird davon ausgegangen, dass dieser Mythos sich bereits ab 1.700 v. Chr. etabliert. Neben der Reise der Sonne könnten einige Bootsdarstellungen auch den Weg ins Jenseits mit Hilfe eines Bootes darstellen.

Abb. 6: Die Position des Objekts in der Dauerausstellung des LWL-MAK.

Am Ende bleiben Rätsel

Wie so häufig kommen durch die Fragen, die sich beantworten lassen, weitere auf: Wieso taucht dieses Messer in einem Grab so weit entfernt vom eigentlichen Kernverbreitungsgebiet auf? Kam der Bestattete ursprünglich aus dem Norden oder hat er sich durch Handelsbeziehungen von den Messern dort inspirieren lassen?

Ob sich diese Fragen jemals klären lassen, ist unklar, wenn ihr euch das Messer jetzt aber noch mal genauer anschauen wollt, findet ihr es, in der Dauerausstellung in der Bronzezeit (Abb. 6) an der rechten Wand hinter den Holzplanken (auf der Höhe von 1000 v. Chr.) in die Wand eingelassen!

Lea Schäfer, studentische Praktikantin 

 

Literatur

T. Capelle, Bilderwelten der Bronzezeit, Felsbilder in Norddeutschland und Skandinavien (Mainz 2008).

J. Gaffrey, Ein Rasiermesser mit Schiffsdarstellung aus dem Gräberfeld »Auf’m Trüssel«. In: Daniel Bérenger/Christoph Grünewald (Hrsg.), Westfalen in der Bronzezeit (Münster 2008) 120–121.

A. Jockenhövel, Die Rasiermesser in Westeuropa (Westdeutschland, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien und Irland) (München 1980).

A. Jockenhövel, Die Bronzeamphore von Gevelinghausen: „Vogel-Sonnen-Barke“ in Westfalen, in: D. Bérenger/C. Grünewald (Hrsg.), Westfalen in der Bronzezeit (Münster 2008) 112–113.

J. Kniesel/S. Schaefer-Di Maida/I. Feeser, Settlement patterns in the Bronze Age. Western Baltic comparisons at different regional scales, in: D. Hofmann/F. Nikulka/R. Schumann (Hrsg.), The Baltic in the bronze age. Regional patterns, interactions and boundaries (Hamburg 2022), 189-218.

I. Newton, Die Welt der Himmelsscheibe. Entstehung, Funktion, Entdeckung (Berlin 2014).

P. Skoglund, Stone Ships: continuity and change in Scandinavian prehistory, World Archaeology, 40:3 2008, 390-406.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: LWL-Archäologie für Westfalen/S. Brentführer

Abb. 2: LWL-Archäologie für Westfalen/M. Esmyol

Abb. 3: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0f/Gnisvard_stone_circle.jpg

Abb. 4: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2048496 (Harri Blomberg)

Abb. 5: LWL-MAK/L. Schäfer

Abb. 6: LWL-MAK/L. Schäfer