Die Lanze - Waffe der Ritter

27.01.2026 Praktikant:in

In diesem Blog beschäftige ich mich mit der Entwicklung der mittelalterlichen Lanze und ihrem Einfluss auf die Rüstungen der Zeit. Dazu zeige ich Bildquellen aus zeitgenössischen Werken und erkläre anhand derer, was sich entwickelt hat und welche Auswirkungen diese auf die Rüstung oder den Schild hatte. Ich beschäftige mich jedoch nur mit der „Ritterlanze“. Das Thema habe mir ausgesucht, weil die Lanze, obwohl sie die Primärwaffe des Ritters war, nie besonders viel Aufmerksamkeit bekam und ich gerne mehr über sie erfahren wollte.

Ausschnitt des Teppichs von Bayeux, ca. 1070 nach Christus, Bayeux, © Dan Koehl

Lanze des Frühmittelalters

Die frühmittelalterliche Lanze sieht noch deutlich anders aus als wir sie heute kennen. Sie besaß, wie wir hier auf dem Teppich von Bayeux sehen können, weder einen Handschutz noch wurde sie unter dem Arm geführt. Auch war sie dünn und erinnerte noch etwas an einen Speer im Vergleich zu späteren Modellen. Dadurch, dass sie seitlich geführt wurde, nutzten die Reiter des Frühmittelalters sogenannte Mandelschilde. Auch diese sind auf dem Teppich oberhalb zu sehen. Die Mandelschilde waren groß genug, um die ganze Seite des Ritters zu decken, boten jedoch nicht so einen guten Schutz nach vorne.

Flügellanze aus Willebadessen, 8. Jh., © LWL-MAK, Michael Lagers

Lanzenbeispiel des 8. Jahrhunderts

Die unterhalb zu sehende Lanze ist eine sogenannte Flügellanze. Das Besondere an dieser Lanze sind die unterhalb der Klinge angebrachten sogenannten Knebel, die zu tiefes Eindringen in einen Körper verhindern sollten und es dem Träger erleichtern sollten, die Waffe aus dem Körper des Feindes zu ziehen. Die Flügellanze wurde auch Knebelspieß genannt und hatte einen großen Auftritt in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts im Rahmen der Sachsenkriege. Bei diesen wurde das Gebiet der Sachsen erobert und den Bewohnern das Christentum aufgezwungen. Die Flügellanze wurde sowohl von der sächsischen Kriegern als auch von den karolingischen Panzerreitern verwendet. Sie bestand aus einem hölzernen Schafft und einer eisernen Spitze mit eisernem Knebel.

Kreuzfahrerbibel von Ludwig dem Heiligen S.43, 40, 53, Paris, 13. Jh. Fotos aus der Digitalausgabe des Public Morgan-Library-Museum

Darstellungen von Lanzen in der Kreuzfahrerbibel

Bei der linken Darstellung sieht man deutlich, dass die Lanze jetzt unter dem Arm geführt wird, was es ermöglicht, die volle Kraft des Pferdes zu entfalten und den Gegner direkt zu treffen anstatt nur von der Seite. Das führte dazu, dass ein neuer Schildtyp entstand: der Dreiecksschild. Er ist der Schild, den sich die meisten Leute heutzutage als Ritterschild vorstellen. Damit man den Schild auf dem Pferd vor sich halten konnte, musste er jedoch auch verkleinert werden. Dadurch verloren die Beine des Ritters aber ihren Schutz. Dies führte dazu, dass jetzt auch die Beine des Ritters mit Kettenbeinlingen (Chausses) geschützt wurden. Es scheinen auch frühe Versionen der Beinplatten entwickelt worden zu sein, wie man an der Darstellung rechts (Goliath) sehen kann. Der Helm wurde ebenso überarbeitet: Um sich vor Lanzenstöße am Kopf zu schützen, wurde nun das ganze Gesicht mit einer Eisenplatte verdeckt, welche nur Löcher für die Atmung und einen Schlitz für die Augen besaß. Der Topfhelm war entstanden. Dieser ist auch auf der linken und mittleren Darstellung bei den Rittern im Vordergrund mit den orangen Schabracken zu sehen. Auch die Lanze selber veränderte sich. Sie wurden nun mit Fahnen geschmückt und wurde schwerer und länger. Außerdem finde ich, dass die Lanzenspitze aus der Kreuzfahrerbibel deutlich massiver wirkt als die auf dem Teppich von Bayeux. Interessant ist auch, dass kein einziger Ritter eine Art der Flügellanze nutzt. Die einzige Person mit Knebelspieß ist Goliath. Hieran kann man – glaube ich – sehen, dass dieser Typ nicht mehr aktuell war und sie von dem oben beschriebenen neuen Typ der Lanze als Reiterlanze abgelöst wurde. Vermutlich konnten die Knebel bei der nun neuen Wucht der Lanze das Eindringen nicht mehr verhindern und verloren somit ihre Funktion.

Idealbild eines Ritters von Hartmann von Aue, Heidelberg, Foto aus der Digitalausgabe des Codex Manesse der Universitätsbibliothek Heidelberg, 1300-1340 nach Christus

Die Lanze im 14. Jahrhundert

Im 14 Jahrhundert erreichte die Lanze eine neue Entwicklungsstufe. Um die Hände der Ritter zu schützen, wurde nun eine sogenannte Brechscheibe an der Lanze befestigt. Anfangs war es nur eine Scheibe aus Metall, wie bei dem Ritter oben über seiner Hand zu sehen. Mit der Zeit wurde der Handschutz jedoch immer konischer geformt. Auch diese Lanze ist meiner Meinung nach breiter als die vorherige. Es würde auch zur Rüstungsverbesserung des 14. Jahrhunderts passen. In dieser Zeit entstanden auch erste experimentelle Versionen von Körperpanzern aus verbundenen Metallplatten wie der Plattenrock oder der Lendner, welcher eine Weiterentwicklung des Plattenrocks ist. Auch der Schild veränderte sich. Er bekam an der Stelle, wo die Lanze ist, eine Einbuchtung, vielleicht um das Führen der Lanze zu vereinfachen. So eine Aussparung sieht man auch auf der Abbildung unten am Schild des Grafen Otto VI. von Weimar-Orlamünde (1297–1340).

links: Plattenrock, Distrikt Passau, 1340-1360. CC BY-NC-SA @ Bayerisches Armeemuseum. rechts: Grabstein des Grafen Otto VI., Stiftskirche Kloster Himmelkron, 1340. Nach Hefner-Alteneck & Becker 1879.
Holzschnitt eines Brustpanzers aus dem 15. Jh. Weißkunig, Maximilian I./Marx Treitzsaurwein, S. 109. © Universitätsbibliothek Heidelberg

Die Lanze im 15. Jahrhundert

Als die Rüstung im 15. Jh. ihre stärkste Form jemals erreichte wurde auch die Lanze wieder verbessert. Im Zuge dieser Verbesserung wurde die Lanze zwar durchschlagskräftiger, jedoch auch zu schwer um sie ohne Hilfe unter dem Arm zu führen. So entstand der Rüsthaken. Er war eine, an der Brustplatte befestigte, Stütze mit deren Hilfe die Lanze nun geführt wurde. Dieses Hilfsmittel blieb bis in die frühe Neuzeit Bestandteil der Rüstung. Wichtig ist noch zu sagen, dass der Schild für Ritter nun keine Relevanz mehr hatte, weil die Rüstung sie eh genug schützte. Grundsätzlich ist der Schild immer kleiner geworden umso besser die Rüstung wurde, bis er im 15. Jahrhundert militärisch ganz verschwand. Die einzige Situation in der er noch etwas überdauerte war bei Turnieren.

Holzschnitt eines Tjosts aus dem 15. Jh. Weißkunig, Maximilian I./Marx Treitzsaurwein, S. 105. © Universitätsbibliothek Heidelberg

Die Lanze als Sportgerät

Seit dem Hochmittelalter gibt es Turniere. Wenn wir uns heute jedoch Turniere vorstellen meinen wir vor allen Dingen Turniere des Spätmittelalters. Genauer meinen die meisten den Tjost. Bei diesem reiten zwei Ritter auf einer Bahn gegeneinander und versuchen entweder den anderen aus dem Sattel zu stoßen. Seit dem Spätmittelalter unterschied man dann nochmal zwischen dem Tjost mit scharfen Waffen (Rennen) und dem mit stumpfen Lanzen (Stechen). Oben zu sehen sind zwei Rennen und ein Stechen, wobei ein Rennen mit Trennwand zwischen den Pferden der Streiter bestritten wird und der Rest nicht. Die Lanze des Rennens unterschied sich wahrscheinlich nicht sonderlich von einer Kriegslanze, während die Lanze des Stechens auf jeden Fall ihre Spitze gegen ein Turnierkrönchen getauscht hatte. Solche sind bei den unteren Turnierkämpfern zu sehen. Auch waren manche Lanzen mit Sollbruchstellen ausgestattet, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Grundsätzlich kann man sagen umso weiter das Turnier fortschritt, desto mehr wurde es zu einem Sport und Spektakel, anstatt einer militärischen Übung. 

Schlusswort

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Lanze allein in 1000 Jahre eine riesige Entwicklung hinlegte und letztlich eine der effektivsten Reiterwaffen der Geschichte wurde. Ich hoffe, dass Ihnen hat mein Blog gefallen hat und Sie etwas interessantes neues lernen konnten.

 

 

Leo, Schülerpraktikant

Quellen

"Flügellanze", Wikipedia. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCgellanze (abgerufen am 28.01.2026)

"God Calls to Samuel, Destined for Defeat", ca. 1244–1254. Old Testament Miniatures with Latin, Persian, and Judeo-Persian inscriptions. Paris, France. MS M.638, fol. 20v URL: https://www.themorgan.org/collection/crusader-bible/40 (abgerufen am 28.01.2026)

"Goliath, A Father's Concern, David Entrusts Jesse's Flock to Another", ca. 1244–1254. Old Testament Miniatures with Latin, Persian, and Judeo-Persian inscriptions. Paris, France. MS M.638, fol. 27r URL: https://www.themorgan.org/collection/crusader-bible/53 (abgerufen am 28.01.2026)

Hefner-Alteneck, Jakob Heinrich von und Becker, Carl (1879). Trachten, Kunstwerke und Geräthschaften vom frühen Mittelalter bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts : nach gleichzeitigen Originalen. URL: https://archive.org/details/trachtenkunstwer03hefn/page/n103/mode/2up (abgerufen am 28.01.2026)

Heidelberg, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848. Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse) — Zürich, ca. 1300 bis ca. 1340. URL: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0001/image,info (abgerufen am 28.01.2026)

Joachim Schneider (2011), Turniere (Mittelalter/Frühe Neuzeit), in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Turniere_(Mittelalter/Frühe_Neuzeit) (abgerufen 28.01.2026)

Maximilian (Römisch-Deutsches Reich, Kaiser, I.); Schultz, Alwin (Hrsg.); Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses Wien (Hrsg.); Treitzsaurwein, Marx (Bearb.): Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien): Der Weisskunig (Wien, 6.1888). © Universitätsbibliothek Heidelberg. URL: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1888/0001/image,info (abgerufen am 28.01.2026)

"Plattenrock", Bayerisches Armeemuseum. URL: https://bayern.museum-digital.de/object/2962 (abgerufen am 28.01.2026)

"Repentance, Samuel's Sacrifice Assures Victory", ca. 1244–1254. Old Testament Miniatures with Latin, Persian, and Judeo-Persian inscriptions. Paris, France. MS M.638, fol. 22r. URL: https://www.themorgan.org/collection/crusader-bible/43 (abgerufen am 28.01.2026)

"Tjost", Wikipedia. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Tjost (abgerufen am 28.01.2026)