Essen nur auf Papier: Die Druckplatten für Lebensmittelmarken

23.10.2026 Bersu Duru

Essen nur auf Papier

Die Druckplatten für Lebensmittelmarken

Mein auserwähltes Objekt: Druckplatten für Lebensmittelmarken aus Münster, 1944

Mein auserwähltes Museumsstück aus der Dauerausstellung sind die Druckplatten für die Lebensmittelmarken. Sie dienten dafür, dass der Staat Marken in riesiger Menge herstellen konnte. Man drückte die eingefärbten Platten auf ein Blatt Papier und stempelte so viele Marken auf einmal. Ich habe dieses Objekt gewählt, da ich möchte, dass mehr Menschen darauf aufmerksam werden. Es wirkt ungewöhnlich, sagt aber viel über den Alltag im Krieg und über die Frage, wer damals wie viel zum Essen bekam.

Beschreibung

Zu sehen sind mehrere graue Metallplatten, die in der Vitrine übereinanderliegen. Auf der Oberfläche sitzen Platte an Platte kleine, gleich große Kästchen mit winziger Beschriftung, fast wie ein Raster. Eine bestimmte Platte hat außerdem einen größeren Block mit einem rechteckigen Ausschnitt und einem runden Zeichen. Sie sehen aus wie Platten aus Bleilegierungen. Die Oberflächen sind stumpf, schmutzig und an manchen Stellen beschädigt, die feinen Linien kann man aber noch gut erkennen. Die Platten datieren auf das Jahr 1944.

Wie aus Platten Marken wurden

Eine Lebensmittelmarke war ein kleiner Papierabschnitt, der für eine bestimmte Menge und Art eins Lebensmittels galt. Mehrere Marken waren zu einer Lebensmittelkarte zusammengelegt. Seit Kriegsbeginn 1939 konnte man offiziell nur noch einkaufen, wenn man solche Karten hatte. Beim Bezahlen reichte das Geld also nicht unbedingt, man musste daneben auch die passenden Marken abgeben. Hergestellt wurden die Marken mit Platten wie diesen. Jedes einzelne Kästchen auf der Platte ist der Abdruck für eine einzelne Marke. Die Platte wurde eingefärbt mit den jeweiligen Farben, meistens schwarz, und auf bunten Blättern gestempelt, sodass auf einen Schlag viele Kärtchen entstanden. Danach mussten sie nur noch voneinander getrennt werden.

Der Bedarf war riesig. Zu Beginn galt eine Zuteilung vier Wochen lang und es gab eine Karte für mehrere Lebensmittel gleichzeitig. Später kamen getrennte Karten für Brot, Fleisch, Fett oder Eier dazu, die man an ihrer Farbe erkannte: Rot stand für Brot, Gelb für Eier usw. Ein Teil der Karten war sogar voreilig vor der Kriegszeit gedruckt und daraufhin in Tresoren gelagert worden, damit der Staat sofort dazu greifen konnte. Da jede Zuteilung nur für einen bestimmten Zeitraum galt, mussten sie aber immer wieder neue Marken herstellen. Platten wie diese waren also ständig in Verwendung.

Gefunden am Domplatz

Gefunden wurden die Druckplatten bei Grabungen auf dem Domplatz in Münster. Wie kamen die Druckplatten hier her? Sie stammen aus der Druckerei Regensberg, die am Domplatz in Münster stand und höchstwahrscheinlich 1944/45 ausgebombt wurde und nach dem Krieg in Trümmern lag.  Es handelt sich um amtliche Druckplatten, besser gesagt also um Platten für offizielle Marken, die in der Druckerei hergestellt wurden. Nachdem Krieg siedelte sich die Druckerei am Stadtrand an.

Die „gerechte“ Aufteilung

Normalerweise regelten Angebot und Nachfrage, wer was bekommt. Doch im Krieg setzte der Staat diese Kärtchen ein. Weil Lebensmittel knapp waren, sollte jede Person Essen in festgelegten Mengen und zu festen Preisen erhalten. Die Karten dienten zur „gerechten“ Verteilung des mangelnden Essens. Außerdem mussten auch Bauern ihre Überschüsse zu amtlichen Preisen abliefern. Wer das Privileg hatte sich selbst zu versorgen bekam keine Marken. Alle anderen Menschen hingegen waren komplett auf ihre Karten angewiesen.

Wer wie viel bekam -> Arbeit, Alter und Kalorien

Personen, die Karten bekamen, wurden meistens in Arbeitsgruppen oder generell in Gruppen eingeteilt. Die größte Gruppe waren die „Normalverbraucher“. Mehr Kalorien, also umso mehr Energie und Nährwerte zum Wachsen, bekamen Arbeiter:innen mit Anstrengungen, Kranke, Schwangere und stillenden Mütter und alle anderen die schwer oder abends arbeiteten. Es gab Karten für Brot und Mehl sowie für Fleisch, Fett, Eier und Marmelade/Zucker. Aber nicht nur Lebensmittelmarken waren vorhanden, sondern auch unterschiedliche Konsumgüter wie z.B. Kohle, Zigaretten, Alkohol, Kleidung, Seife und Benzin waren nur über Bezugsscheine verfügbar. Für bestimmte Anlässe wie die Geburt eines Kindes konnten Menschen Sonderscheine erhalten und auch Kriegsurlauber bekamen sie. Die regulären Lebensmittelmarken haben nur in den eigenen Wohnorten funktioniert, trotz dessen gab es Sonderscheine die für Soldaten im Urlaub und Eltern mit Säuglingen geeignet waren. Auch gab es für Jugendliche andere Karten. Außerdem bekam jedes einzelne Familienmitglied seine eigenen Lebensmittelkarten. Es gab keine Sammelkarten für die ganze Familie.

Wie knapp das Essen wurde, zeigen die Wochenrationen eines „Normalverbraucher:innen“ im Verlauf des Krieges. Die Rationierung begann von September aus 1939 worauf die Mengen Schritt für Schritt sanken bis zu dem März 1945.

Die wöchentlichen Rationen eines „Normalverbrauchers“ (z. B. Hausfrauen, Angestellte) beliefen sich im Zweiten Weltkrieg auf:         

Wöchentlichen Rationen eines "Normalverbrauchers"

Die Rationen fielen bis Kriegsende auf unter 1000 Kalorien pro Tag. Wer diese geringe Menge an Kalorien zu sich nimmt, leidet häufig an einer Fehlernährung. Tagtäglich ist der Kalorienbedarf bei 1800 bis 2.200 kcal für Frauen und 2.300 bis 2.800 kcal für Männer. Erst 1948 stiegen die Zahlen auf einer genügenden Ebene. Ganz vorbei war es mit den Lebensmittelmarken also noch nicht wirklich nach dem Kriegsende. Erst ab 1949 fing man langsam an, sie abzuschaffen bis zu den 50er Jahren, als alles stabiler wurde.

Wer weniger bekam

Nicht jeder bekam gleich viele Lebensmittelmarken. Ungerechtigkeit spielte eine große Rolle. Jud:innen kriegten Marken mit einem roten „J“, mit denen ihnen nur kleineren Mengen ohne sonstige Zuteilungen zustanden. Ab Oktober 1942 bekamen sie keine Fleischkarten mehr und durften nur zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Geschäften einkaufen. Daneben erhielten auch ausländische Zwangsarbeiter:innen begrenzte Rationen. Obwohl der Staat das behauptete, war die Verteilung der Lebensmittel über die Marken also keinesfalls gerecht. Die Karten waren also auch ein Mittel zur Ausgrenzung. Dieselben Marken die auf den Platten hergestellt wurden. Das bedeuteten für die Menschen etwas ganz anderes.

Die Frauen setzen sich für die Familien ein

Im Alltag der Kriegs- und Nachkriegszeit waren es vor allem die Frauen, die sich in Abwesenheit der Männer um die Versorgung der Familie kümmerten. Frauen kümmerten sich im Zweiten Weltkrieg vor allem deshalb um die Familie, weil das nationalsozialistische Rollenbild sie primär als Mütter und Hausfrauen sah, während gleichzeitig die Abwesenheit der Männer durch den Kriegsdienst das Überleben der Familie zu ihrer alleinigen Pflicht machte.

Neben dem System der Lebensmittelmarken entstand ein sogenannter Schwarzmarkt. Da wurden Lebensmittel zu höheren Preisen verkauft. Dies war für Zwangsarbeiter:innen wichtig zum Überleben. Der Schwarzmarkt war für die Zwangsarbeiter:innen damals die einzige Gelegenheit nicht zu verhungern. Das System mit den Lebensmittelkarten war von der Nazi Regime nämlich absichtlich extrem unfair und rassistisch aufgeteilt.

Weshalb ich dieses Exponat ausgesucht habe

Ich habe dieses Objekt ausgesucht, weil ich mich gerne mit historischen Ereignissen beschäftige und viel Fachwissen besitze rund um Geschichte. Man lernt dabei immer etwas Neues wie z.B. über das Leben von damals, wie deren Alltag aussah, der Zustand von früher. Die Platten zeigen für mich, dass das Stück Papier, worauf sie gestempelt wurden, vieles entschieden hat beispielsweise was die Menschen essen konnten und wie viel jeweils Personen erhalten haben. Zudem ist es aus meiner Perspektive bedeutsam, weil darunter viele Menschen litten und ihr Leben abhängig davon war. Es sorgte für Hunger, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit was ich als unmoralisch und unfair bezeichne.

In der Ausstellung

In der Dauerausstellung werden die Druckplatten in einer Vitrine mitten in einem nachgebildeten Feld aus Schutt mit zusätzlichen rostigen Eisen ausgestellt. Ich gehe davon aus, dass es die zerbombten Städte im Krieg wie Münster nachstellen soll.

Fazit

Insgesamt lässt es sich sagen, dass der Staat die Lebensmittelmarken einführte, um in der Kriegszeit und Versorgungskrise klarzukommen. Sie sollten das knappe Essen gerecht verteilen, doch die Verteilung folgte auch der damaligen politischen Meinung. Wer als Jude oder nicht wie die anderen galt, wurde damit anderes behandelt. Die Menschen sollten zu dem Zeitpunkt dadurch zurechtkommen. Dieses Objekt kann in der Dauerausstellung hilfreich und nützlich sein für jeden, der sich für solche Themen interessiert oder der es besonders spannend findet, wie ein Objekt den Alltag von unzähligen Menschen beeinflussen konnte.

Lebensmittelkarte aus Niedersachsen, 1950
Lebensmittelkarte von 1945 aus Zwickau (SBZ)
Copyright: LWL-Museum für Archäologie und Kultur, Westfälisches Landesmuseum/ Bersu Duru
Copyright: LWL-Museum für Archäologie und Kultur, Westfälisches Landesmuseum/ Bersu Duru

Literaturverzeichnis

Wolfgang Schneider (Hrsg.) Alltag unter Hitler, 2000 Rowohlt Berlin, S. 186  

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 H.Dieter Arntz, Ernährung im Zweiten Weltkrieg und danach: Kriegsrationen, Lebensmittelkarten und Essen im neuen Wirtschaftswunderland, zuletzt abgerufen am 23.10.2026,<https://www.hans-dieter-arntz.de/ernaehrung_im_zweiten_weltkrieg.html>(12.04.2011)

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