Die Christianisierung Westfalens

22.10.2026 Lion Pick

Der Themenbereich zur Christianisierung Westfalens in der Dauerausstellung

Einleitung

Als ich auf der Suche nach einem Thema für meinen Praktikumsblog durch die Dauerausstellung streifte, fand ich mich zunächst zwischen Speeren und Faustkeilen aus der frühesten Menschheitsgeschichte wieder, wanderte durch Gräberfelder der ersten europäischen Bauern und vorbei an römischen Artefakten. Schließlich kam ich in einen abgesonderten, länglichen Raum. Da mein erster Besuch an einem Montag stattfand, war das Museum für Besucher geschlossen und der Raum selbst nicht beleuchtet, es herrschte ein düsteres Dämmerlicht. Trotzdem dauerte es nicht lange zu erkennen, dass der Grundriss des Raumes dem einer Kirche entsprach, an der entsprechenden Stelle hinter einem altarartigen Podest hing sogar ein Kreuz an der Wand.

Der besagte Bereich innerhalb der Dauerausstellung behandelt das Christentum im frühmittelalterlichen Westfalen. Zahlreiche Exponate sind in Wandnischen ausgestellt und lassen die Ausstattung einer damaligen Kirche erahnen. Zu sehen sind beispielsweise Schmuckstücke, sowie Glas und Bodenfliesen, die aufwendig mit christlichen Motiven verziert sind. Das Exponat, für das ich mich letztendlich entschied, hatte ich zuerst nur am Rande wahrgenommen. Es handelt sich um einen auf den ersten Blick, zumindest bei ausgeschaltetem Licht, unscheinbaren Steinblock, in der Wand neben dem Eingang. Erst bei näherer Betrachtung fallen auf der bemerkenswert glatten Oberfläche Farbrückstände auf. Der Stein ist eindeutig bearbeitet.

Der verputzte Steinblock

Das Exponat

Bei dem Exponat handelt es sich um einen 25 cm hohen, 40 cm breiten und 20 cm tiefen Steinblock. Seine Form ist grob rechteckig. Auf zwei Seiten des Blocks war einmal eine feine, einlagige Putzschicht aufgetragen und mit einer Farbe aus Kalktünche bestrichen worden. An den Bruchseiten sind Reste von Setzmörtel vorhanden. Der Block stammt also vermutlich aus einer bemalten Mauerwand.

 

Der verputzte Steinblock mit nachgezeichneten Konturen der Hand

Vor einem ockerfarbenen Hintergrund war auf der einstigen Mauer eine Figur aufgemalt. Von der ursprünglich lebensgroß abgebildeten Person ist auf dem Trümmerstück jedoch nur die erhobene linke Hand erkennbar. Die Handfläche ist dem Betrachter zugewandt, Daumen und Ringfinger berühren sich, der Zeigefinger ist ausgestreckt. Von der Kleidung der Person sind nur noch wenige Details erkennbar. Scheinbar trägt sie ein Gewand mit einer Art schwarz-weiß gemusterten Kragen. Stellenweise scheint auch die rote Farbe der Vorzeichnung, oder Sinopie, durch.

Fundstelle und -kontext

Gefunden wurde der Stein bei einer Ausgrabung in der Stadt Vreden, die auf dem Gelände des ehemaligen Vredener Frauenstiftes stattfand. Im zweiten Weltkrieg wurde die dortige Pfarrkirche St. Georg zerstört, wodurch die Fundamente eines älteren Bauwerkes freigelegt wurden.

Diese Ausgrabung, unter der Leitung von Dr. Wilhelm Winkelmann und Dr. Hilde Claussen, fand zwischen 1949 und 1951 statt und förderte die Überreste weiterer Vorbauten zutage. So konnte die Bebauungsgeschichte des Geländes nachvollzogen werden. Mittlerweile wird von fünf Bebauungsphasen ausgegangen, die sich über mehrere Jahrhunderte erstrecken. Offenbar waren seit dem Mittelalter mehrere Gebäude an dieser Stelle erbaut, ausgebaut, zerstört und wieder repariert worden.

typischer Grundbauplan einer Basilika

Es wird im Allgemeinen angenommen, dass die erste Bauphase im 8. und 9. Jahrhundert erfolgte. Es handelte sich, wie sich anhand des Grundrisses erkennen lässt, wohl um eine dreischiffige Basilika, wie sie im östlichen Frankenreich üblich war. Gemäß den damaligen Konventionen orientierte sich der Bauplan an der christlich-römischen Basilika der Spätantike. Gebäude dieser Art bestanden im Kern aus einem dreischiffigen Langhaus. Dabei handelt es sich um drei parallel zueinander liegende Hallen, die durch Säulen voneinander getrennt wurden.

Die Vredener Kirche scheint diesem Grundbauplan entsprochen zu haben, war für ihre Zeit und ihren Standort jedoch auffällig groß, größer sogar als die heute an gleicher Stelle stehende Pfarrkirche. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie noch durch weitere Nebenbauten ergänzt. Zu den vermuteten Anbauten gehören ein Querschiff und ein Westbau.

Bruchstücke des vredener Kastenreliquiars

Als gesichert gilt, dass die Kirche über eine Ringkrypta verfügte, die zur Aufbewahrung von Reliquien diente. Tatsächlich ist die Überführung der Gebeine zweier Heiliger aus Rom im Jahr 839 urkundlich belegt. Passend dazu befinden sich in der Ausstellung, nur wenige Schritte von dem Steinblock entfernt, Überreste eines Kastenreliquiars, dass ebenfalls aus Vreden stammt. Dabei handelt es sich um Fragmente von Beschlagplättchen, die als Dekoration für den Behälter der eigentlichen Reliquie dienten.

Diese erste Ausgrabung auf dem Vredener Stiftsgelände wurde in den Nachkriegsjahren durchgeführt. Womöglich aufgrund dieses zeitlichen Abstandes ist die Dokumentation der damaligen Funde heutzutage nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar. Darüber hinaus sind an vielen Fundstücken Spuren eines verheerenden Brandes feststellbar, was zwar die Zerstörung der Kirche erklärt, in manchen Fällen jedoch den genauen Ursprung im Bau verschleiert. So verhält es sich auch mit dem Steinblock.

Reste von Wandputz

Da anstelle der zerstörten Pfarrkirche in den Jahren nach der Ausgrabung eine neue Kirche errichtete wurde, ist eine erneute Ausgrabung leider nicht mehr möglich. Die Fundamente des Altbaus sind darüber hinaus nur noch teilweise erhalten und erreichbar. Anhand von Aufarbeitungen der Dokumentation der Ausgrabung wird jedoch angenommen, dass der Steinblock aus der ersten Bauphase stammt. Demnach sind weitere Bruchstücke bemalten Wandputzes unter dem Schutt der ehemaligen Krypta gefunden worden. Diese Reste passen zwar farblich ungefähr zu der Malerei auf dem Steinblock, sind jedoch zu klein, um ein Motiv erkennen zu lassen.

Historischer Kontext

Im 8. und 9. Jahrhundert waren christliche Kirchen noch eine Neuheit in Westfalen. Die im Frühmittelalter hier lebenden Sachsen waren zwar bereits mit dem Christentum in Berührung gekommen, hatten aber an ihrer traditionellen Religion festgehalten. Dafür sprechen archäologische Funde aus sächsischen Bestattungen, bei denen Schmuck mit heidnischen Motiven als Grabbeilage gedient hatte. Auch in zeitgenössischen fränkischen Quellen werden die Sachsen als Heiden beschrieben. Erst infolge der Sachsenkriege Karls des Großen im 8. und 9. Jahrhundert wurde der alte Glaube durch das Christentum verdrängt.

Anders als die Sachsen waren die Franken bereits ab dem 5. Jahrhundert zum Christentum konvertiert. In der Spätantike hatten diese die ehemalige römische Provinz Gallien erobert und errichteten an deren Stelle ihr eigenes Frankenreich. Dabei übernahmen die fränkischen Könige das im Rom bereits als Staatsreligion etablierte Christentum, wodurch sie ihre eigene Herrschaft festigten. Zusammen mit der Religion übernahmen sie nämlich auch den römisch-kirchlichen Verwaltungsapparat, sodass die kirchlichen Verwaltungsbezirke nahezu deckungsgleich mit denen der römischen Provinz blieben. Jedoch schöpften sie erst ab der Herrschaft Karls des Großen das volle Potenzial dieser Institution aus. Dieser beschnitt die Eigenständigkeit der oftmals noch tief im Römertum verwurzelten Bischöfe und band sie enger an seine eigene Reichspolitik. Dazu gehörte es auch, das Frankenreich zu vergrößern und zu erhalten. Neben königlichen Palästen oder Burgen wurden in seinem Herrschaftsbereich daher vor allem kirchliche Gebäude errichtet. Dasselbe galt auch für Gebiete wie Westfalen, die erst zu seiner eigenen Herrschaftszeit erobert wurden.

Abgesehen von kirchlichen Bauprojekten überwogen im Frankenreich ländliche Siedlungen. Das meistverwendete Baumaterial waren Holz, Flechtwerk und Lehm. Überreste solcher Bauten haben sich denkbar selten bis in die heutige Zeit erhalten. Auf der sächsischen Seite verhielt es sich nicht anders, große Steinbauten wie die Vredener Kirche waren auch hier eher selten. Dagegen sind diese sehr viel besser erhalten geblieben und stellen daher wertvolle Funde für die Wissenschaft dar. Ihre Größe und das Vorhandensein von Wandmalereien und Reliquien zeugen von der Bedeutung des ehemaligen Vredener Stiftes zur Zeit der Karolinger.

Mittelalterliche Wandmalerei

Zeitgenössische Wandmalereien wie die in Vreden sind in erster Linie den mittelalterlichen Oberschichten zuzuschreiben, also dem Adel und dem Klerus. Erhalten geblieben sind sie in erster Linie in kirchlichen Gebäuden, wobei die wenigsten dieser Fälle im heutigen Deutschland oder Frankreich, sondern vor allem in Italien zu finden sind.

verblichenes mittelalterliches Fresko

Sie dienten nicht allein der Dekoration, sondern konnten gerade in Kirchen auch praktische Funktionen erfüllen. Kirchen dienten im Mittelalter nicht nur der Predigt an Sonn- oder Festtagen, sondern waren darüber hinaus als das Zentrum ihrer jeweiligen Gemeinde konzipiert. Die Wandmalereien waren daher gut für jeden Besucher sichtbar in den Innenraum der Kirche eingefügt.

Das vollständige Bildprogramm der Sigwardskirche in Idensen

Die Wandmalereien im karolingischen Mitteleuropa orientierten sich stilistisch an byzantinischen Konventionen. Von dort wurde unter anderem eine streng hierarchische Anordnung des Bildinhaltes übernommen. Die abgebildeten Figuren waren sowohl von rechts nach links, als auch von oben nach unten streng nach ihrer biblischen Rangreihenfolge angeordnet. Eine starke Typisierung der Figuren und eine ausgeprägte Gestensprache machten das Dargestellte auch für Laien verständlich. Dank der bildlichen Ausgestaltung des Innenraums einer Kirche ließen sich biblische Inhalte daher auch an die einfache Bevölkerung vermitteln.

 

mit Wandmalerei ausgestalteter Raum

Die auf dem Steinblock erkennbare Handgeste konnte ich zunächst nicht deuten. Erst während der Recherche zu diesem Blogartikel stieß ich auf den Hinweis, der Zeigefinger könne eine Art Richtungspfeil darstellen. Für diese Vermutung spricht, dass der Zeigefinger tatsächlich in die Richtung der zweiten verputzten Mauerseite deutet, die in einem stumpfen Winkel absteht. Denkbar wäre hier eine frühere Maueröffnung, etwa ein Durchgang oder ein Fenster. Eine mögliche Funktion der Wandmalerei könnte also die einer Orientierungshilfe gewesen sein. Auch wenn die Darstellung von Raum in mittelalterlichen Malereien kaum ausgeprägt war, wurde in vielen Fällen dennoch versucht, Tiefe durch die Einbindung der Malerei in die Architektur vorzutäuschen.

ein mittelalterliches Fresko mit der Darstellung einer liturgischen Handgeste

Möglicherweise handelt es sich bei der Geste aber auch um ein liturgisches Handzeichen. Soweit erkennbar, hat die Stellung der Finger große Ähnlichkeit mit einem Segensgruß, wie er auch bis in die heutige Zeit verwendet und auf kirchlichen Malereien abgebildet wird. Da in dieser Darstellung eine liturgische Handlung vollzogen wird, wäre davon auszugehen, dass es sich bei der Figur um einen Heiligen oder ein Mitglied des Klerus handelt. Bis auf die Hand sind jedoch keine Charakteristika oder Merkmale erkennbar, die einem bestimmten Heiligen zugeordnet werden können, wie zum Beispiel der Schlüssel des heiligen Petrus.

Nicht zu missachten ist die Symbolkraft der verwendeten Farben. Im Mittelalter war der Einsatz von Farben nicht nur eine Kunst, sondern viel mehr eine Wissenschaft. Davon abgesehen, dass die Beschaffung oder Herstellung von Farben sehr viel aufwendiger und teurer war als heute, transportierten die einzelnen Farben jeweils unterschiedliche Bedeutungen. Besonders in Kirchen herrschte eine liturgische Farbsymbolik vor. So war beispielsweise Rosenrot die Farbe der Märtyrer, während Purpurrot als Herrschaftsfarbe galt, Gelb wiederrum symbolisierte den Heiligen Geist.

In der Vredener Wandmalerei herrschten, soweit der erhaltene Ausschnitt es erkennen lässt, die Farben Weiß und Gelb vor. Für den Stift waren mehrere Heilige von Bedeutung, darunter frühe Märtyrer wie die heilige Felicitas sowie Agapitus und Felicissimus, von denen auch die zuvor erwähnten Reliquien stammen. Das Vorhandensein von diesen Reliquien betont wiederum die erhöhte Bedeutung des Stiftes, die Kirche könnte damit als ein Wallfahrtsort gedient haben.

Insgesamt also besitzt der scheinbar unscheinbare Stein eine ganze Menge an Aussagekraft. Der Fundort und -kontext verrät uns bereits einiges über seine Herkunft und die Funktion des Bauwerks, aus dem er stammt. Als Geschichtsstudent fand ich es darüber hinaus aber besonders spannend, die archäologische Ausgrabung in den historischen Kontext der Christianisierung Westfalens einzuordnen.

Über die Christianisierung der Sachsen

Wann genau die Christianisierung der Sachsen einsetzte, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr genau sagen. Am intensivsten wurde sie jedoch zweifellos während der sogenannten Sachsenkriege vorangetrieben. Gemeint ist hiermit der Krieg Karls des Großen gegen die Sachsen zwischen den Jahren 772 und 804. Es handelte sich, wie fränkische Chronisten zu berichten wussten, um den längsten und blutigsten Konflikt der Karolinger.

Über die Gründe hinter dem Krieg gibt es widersprüchliche Aussagen. Die Sachsen selbst hinterließen uns keine schriftlichen Quellen über ihre Perspektive. Erst im Nachfeld der Eroberung Westfalens durch die Franken, nachdem das Christentum sich schließlich etabliert hatte, begannen sächsische Kirchenmänner, über ihre heidnischen Vorfahren zu schreiben. Interessanterweise bewerteten diese späteren Sachsen die Sachsenkriege als ein positives Ereignis. Aus ihrer Sicht waren ihre heidnischen Vorfahren mit dem Schwert bekehrt und ihre Seelen damit gerettet worden.

Das die Franken während des Krieges einzig die Intention verfolgten, die Sachsen zu bekehren, darf jedoch bezweifelt werden. Zeitgenössische fränkische Chronisten betonen vor allem die militärische Notwendigkeit, sich gegen ein wildes und heidnisches Nachbarvolk zu verteidigen. Die Sachsen werden bei ihnen als Feinde des Christentums verteufelt. Der Krieg gegen sie erhält damit eine religiöse Grundlage.

Auch in der Forschung wird die lange Phase der kriegerischen Missionierung der Sachsen als Missionskriege bezeichnet. Das Vorgehen Karls des Großen hatten jedoch weniger mit dem christlichen Bekehrungsgebot zu tun, viel mehr verfolgte er machtpolitische Ziele. Erstens ging es schlicht darum, dem Frankenreich neue Gebiete einzuverleiben. Zweitens mussten die eroberten Gebiete dauerhaft in den eigenen Machtbereich eingegliedert werden.

Dieselben Ziele verfolgte er auch in anderen Kriegen, wie etwa gegen die Langobarden in Italien. Bei ihnen handelte es sich nicht um heidnische Nachbarn. Sie waren Christen, gleichzeitig aber auch politische Rivalen, die seinen Expansionsplänen im Weg standen. Hier bestand scheinbar keine Notwendigkeit einer Schwertmission. Doch das Christentum Karls des Großen bewies sich hier als eher weltgewandt. Entscheidend war in dem Konflikt letztendlich, dass die Langobarden eine Bedrohung für den Papst darstellten, mit dem er sich seinerseits enger verbünden wollte. Das Papsttum wiederrum trat stark für die Weiterverbreitung des Christentums ein und kritisierte Herrscher, die das Fortbestehen von heidnischen Bräuchen in ihren Reichen zuließen.

Daher überrascht die Beschreibung der Sachsen in fränkischen Quellen als kriegerische Heiden nicht weiter. Indem es als eine Gefahr für Leib und Seele dargestellt wurde, erschien das sächsische Volk durch seine bloße Existenz als gefährlich. Die kriegerische Unterwerfung der Sachsen war somit auf politischer, durch die Missionierung aber auch auf religiöser Ebene legitimiert.

Dabei besaßen die Sachsen im Gegensatz zu den Franken oder Langobarden kein eigenes Königtum, dass auf einem Schlag hätte besiegt werden können. Vielmehr handelte es sich um einen losen Stammesverbund mit wechselhaften Bündnissystemen. Daher waren die Sachsenkriege kein einzelner Krieg, sondern vielmehr ein knapp 30 Jahre andauernder Konflikt, während dem sich Phasen offener Gewalt und Waffenruhe abwechselten.

Ein an die Wand der Ausstellung projizierter karolingischer Erlass

Die Missionierung innerhalb der eroberten Gebiete verlief ähnlich schleppend und nicht weniger brutal als die Kämpfe. Ein großes Problem scheint es gewesen zu sein, die bereits konvertierten Sachsen davon abzuhalten, sich vom Christentum wieder abzuwenden. Nach mehreren Rückschlägen und Aufständen begann der fränkische König, härter durchzugreifen. Um die Sachsen, die er bereits unterworfen hatte, davon abzuhalten, sich gegen die Kirche und damit gegen seine Herrschaft zu wenden, erließ er eine Reihe von Gesetzen, die sich speziell gegen sächsische Götzenanbeter wandten. Auszüge aus diesen Erlässen sind an die Wand der nachgebauten Kirche aus der Ausstellung projiziert und lassen das Ausmaß seiner null-Toleranz-Politik erahnen. Ein Heide zu sein war gleichbedeutend damit, ein offener Feind der fränkischen Krone, ein Rebell, zu sein. Das wird auch an anderen Stellen der Ausstellung deutlich. Auf dem Weg zur Kirche kommt man durch einen weiteren Themenraum, der ganz den Sachsenkriegen gewidmet ist. Hier wird, unter anderem, ein Glaubensbekenntnis abgespielt, welches konvertierenden Sachsen abverlangt wurde.

Trotz dieser Zwangsmissionierung scheinen archäologische Gräberfunde auf abwechselndes Vorherrschen von Heidentum und Christentum hinzudeuten. Auch während der Vredener Ausgrabung sind sowohl christliche als auch heidnische Gräber gefunden worden. Solche Funde lassen auf eine zeitweilige Koexistenz von Heiden- und Christentum schließen. Die Christianisierung verlief also weniger geradlinig als man aus heutiger Sicht glauben könnte.

Die Kirche als „dritter Raum“

Die ehemalige Vredener Kirche war also mehr als nur ein Gotteshaus, sondern erfüllte zugleich auch machtpolitische und administrative Funktionen. Für die Eingliederung der sächsischen Bevölkerung in das Frankenreich war die kirchliche Organisation bestimmend. Die neu eroberten Gebiete wurden, genau wie bereits im westlichen Frankenreich, in kirchliche Verwaltungsbezirke eingeteilt. Diese wurden zunächst als Missionssprengel bezeichnet und dienten als Stützpunkte der Missionierung. Aus diesen entwickelten sich teils die späteren Bistümer. Damit einher gingen Verpflichtungen wie etwa die Kirchensteuer, die der einfachen Bevölkerung auferlegt wurden.

Davon abgesehen kam kirchliche Bauten jedoch auch eine andere Funktion zu. Da sie das geistliche, administrative und oft auch architektonische Zentrum ihrer jeweiligen Gemeinden darstellten, fand in ihnen auch Öffentlichkeit statt. Dadurch entwickelten sie sich zu einem sogenannten dritten Raum, also einem Ort abseits zeitgenössischer Konflikte, in dem Kulturen in einem friedlichen Kontext aufeinandertreffen und sich vermischen konnten. Abgesehen von der Eingliederung der Sachsen in das Frankenreich fand in den Kirchen also auch ein breiterer und unabhängiger kultureller Austausch statt.

Fresko aus der Klosterkirche Corvey

Auf diese Weise gelangte über die Franken antikes Wissen und Kunstpraktiken nach Sachsen, dass sich in der spätantiken Kirche gehalten hatte. So fand etwa die Schriftlichkeit, oder zumindest eine Verbreitung des römischen Alphabets, vor allem über die Klosterschulen statt. In erster Linie handelte es sich hier um klerikale Schriften, aber auch um administrative Schriften. Am deutlichsten sichtbar sind die antiken Einflüsse anhand der Architektur karolingischer Kirchenbauten, die sich an römischen Basiliken orientierten. Auch auf dem Gebiet der Wandmalerei bediente man sich im Frühmittelalter an spätantiken Motiven. Im ebenfalls karolingischen Kloster Corvey, dem zu jener Zeit bedeutendsten Kirchenbau in Westfalen, wurden beispielsweise Szenen aus der Odyssee als Sinnbilder für die menschliche Seele verwendet. Sehr viel alltäglichere Neuerungen war etwa die Zeiteinteilung des Tages, begleitet von Kirchenglocken. Auch Münzgeld fand durch die Franken weitere Verbreitung unter den Sachsen. Sowohl Münzen als auch Überreste von bronzenen Kirchenglocken wurden ebenfalls in Vreden gefunden. Für die einfache sächsische Bevölkerung waren die Folgen der Christianisierung damit am deutlichsten spürbar.

Vom sächsischen Adel wurde das Christentum, zusammen mit der fränkischen Oberherrschaft, zunächst rundheraus abgelehnt. Doch im Verlauf des dreißigjährigen Widerstandes gegen die Franken änderte sich scheinbar die Einstellung der Oberschicht. Mit der Zeit begannen einflussreiche Familien damit, durch Stiftungen zum Ausbau der kirchlichen Infrastruktur beizutragen.

Damit gliederten sie sich freiwillig in das christliche Frankenreich ein und sicherten sich dort gleichzeitig ihre gehobene gesellschaftliche Stellung. So verhielt es sich auch mit dem Vredener Damenstift, bei dem sogar davon ausgegangen wird, dass die Stiftung aus dem Geschlecht des berühmtesten sächsischen Aufständischen, Widukind, stammt. Dessen Kapitulation und Taufe im Jahr 785 hatte einen Wendepunkt der Sachsenkriege dargestellt. Abgesehen von einigen späteren Aufständen hatten sich die Franken und das Christentum in Westfalen durchgesetzt und so ein neues historisches Kapitel eingeleitet.

Fazit

Aus heutiger Sicht erscheinen uns christliche Kirchen als nichts Ungewöhnliches, sondern sogar als etwas vollkommen Alltägliches. Dazu wird gerade das Mittelalter stark mit christlicher Frömmigkeit verbunden, die Recherche zu meinem Exponat hat mir jedoch deutlich vor Augen geführt, dass das in Westfalen nicht immer der Fall war. Die Funde aus Vreden bieten uns keinen authentischen Einblick in die Kultur der heidnischen Altsachsen, sie zeugen jedoch von äußeren Einflüssen, von denen sie beeinflusst und letztendlich auch verändert wurden. Neben Bereichen wie Religion und Architektur sind diese Einflüsse zum Beispiel im Recht, der Medizin, der Kunst und der Schrift erkennbar.

Vreden im 17. Jahrhundert

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Bildverzeichnis:

LWL Museum für Archeologie Herne - Lion Pick

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