Grabenkeule im 1. Weltkrieg – primitive Keule schlägt Maschinengewehr

02.02.2024 Praktikant:in

Das Exponat

Beim Rundgang durch die Sonderausstellung „Modern Times“ fiel mein Blick auf eine Vitrine mit einem Gegenstand, der einem Morgenstern ähnelte und den ich bisher nur aus mittelalterlichen Darstellungen kannte, und ich habe mich sofort gefragt, was dieses seltsame Objekt in der „Modern Times“ Ausstellung zu suchen hat. Die Auflösung: Bei dem Stück handelt es sich nicht um einen mittelalterlichen Gegenstand, sondern um eine im 1.Weltkrieg weit verbreitete Grabenkeule.

Die Grabenkeule, Foto: S. Brentführer

Die ausgestellte Grabenkeule (Abbildung 1 und 2) wurde in einem Flussbett im westfälischen Ochtrup gefunden. Da es in dieser Gegend während des 1. Weltkriegs keine Front gab, kann man mutmaßen, dass sie möglicherweise von einem Soldaten weggeworfen wurde, war sie doch nach Ende des Krieges ohne Nutzen und hat nurböse Erinnerungen geweckt. Die Funktion einer Grabenkeule war nämlich das lautlose Töten im Nahkampf innerhalb der engen Schützengräben.

Grabenkeule in der Ausstellung, Foto: J. Gogollok

Das genaue Funddatum ist unbekannt. Auch unbekannt ist, ob diese Keule tatsächlich jemals im Kampf eingesetzt wurde. Sie besteht aus Holz, ist nach unten hin verjüngt und gespickt mit Metallspitzen. Die Soldaten haben zum Bau dieser Waffe oft alles verwendet, was Ihnen damals zur Verfügung stand: Holz, Nägel, Munitionsreste oder auch Bajonette.

Geschichtlicher Hintergrund - Der Grabenkrieg

Der Grabenkrieg war ein charakteristisches Merkmal des 1. Weltkriegs und zeichnete sich durch ein System befestigter Schützengräben aus, das sich über die Westfront erstreckte. Zwischen 1914 und 1918 standen sich die Deutschen und die Alliierten an einer etwa 700km langen Frontlinie, bestehend aus Schützengräben, von der belgischen Küste bis zur schweizerischen Grenze gegenüber. Die Taktik, den Krieg aus Schützengräben heraus zu führen, entstand aus der Sackgasse, in der sich die Fronten befanden, da die Fortschritte in der Bewaffnung die Fortschritte bei der Mobilität und Taktik überholt hatten.

Graphische Darstellung des Aufbaus der Schützengräben im 1.Weltkrieg, aus: https://studyflix.de/geschichte/stellungskrieg-4348

Die Ursprünge des Grabenkriegs lassen sich bis in die Anfangsphase des Krieges zurückverfolgen, als die schnelle Mobilisierung zu einem Wettlauf zum Meer führte. Da beide Seiten versuchten, die Flanken des jeweils anderen zu umgehen, waren sie bald nicht mehr in der Lage, einen entscheidenden Schlag zu führen. Daher griffen sie auf den Bau von Gräben zurück, um ihre Stellungen zu schützen und sich einen Vorteil zu verschaffen. Was als vorübergehende Verteidigungsmaßnahme begann, entwickelte sich zu einem ausgedehnten Netz von Schützengräben, das sich über Hunderte von Kilometern erstreckte und eine ausgedehnte Infrastruktur enthielt.

Ein Posten in einem Laufgraben nahe La Boisselle während der Schlacht an der Somme. aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Stellungskrieg

Das Leben in den Schützengräben war nicht nur von der ständigen Angst eines gegnerischen Angriffs geprägt, sondern auch von schrecklichen Lebensbedingungen. Die Hygiene war miserabel, es war nicht unüblich, dass neben den Frontsoldaten ebenfalls Ratten in den Gräben lebten. Die Nahrung der Soldaten wurde täglich rationiert und auf das Nötigste beschränkt. Insgesamt war das Leben im Schützengraben grausam. Der ohrenbetäubende Lärm und die ständige Konfrontation mit dem Tod führten bei den Soldaten zu physischen und psychischen Schäden, von denen sie auch nach dem Krieg geplagt waren.

Die teuflischen Waffen im Grabenkrieg

Der 1. Weltkrieg war einer der ersten industrialisierten Kriege der Menschheit. Mit allen Mitteln versuchten die Beteiligten des 1. Weltkriegs, sich gegenseitig zu töten. In kaum einem Krieg wurden so viele neue Waffen eingesetzt – doch kriegsentscheidend waren die wenigsten. Zu den neuen Waffen im 1. Weltkrieg gehörten Panzer, Flugzeuge, Giftgase, Maschinengewehre und U-Boote. Vermeintlich eine Revolution, der Erfolg war jedoch nicht selbstverständlich. Das Maschinengewehr kam beispielsweise massenhaft im Ersten Weltkrieg zum Einsatz – und ging unter seiner deutschen Produktbezeichnung 08/15 sogar in den Sprachgebrauch ein. Zusammen mit Stacheldraht sorgte es für ein Übergewicht der Verteidiger gegenüber den Angreifern, der jahrelange Stellungskrieg war die Folge.

Wenige Mann konnten mit ihren Maschinengewehren ganze Bataillone aufhalten. Die Reiterei, früher die Königin des Gefechtsfelds, war mit einem Mal überlebt. An nur einem Tag, dem Beginn der Schlacht an der Somme 1916, wurden 20.000 Briten getötet – die meisten verbluteten mit MG-Wunden im Stacheldraht. Und trotzdem wurden Schlachten nicht durch hochwirksame Waffen wie Maschinengewehre gewonnen, sondern durch wesentlich primitivere Waffen wie eine einfache Keule. Oder umgekehrt – das Maschinengewehr ist der Grund für die Wiedergeburt der Keule. Im Maschinengewehrfeuer brachen die meisten Sturmangriffe zusammen. Die Fronten erstarrten. Deshalb kam es im 1. Weltkrieg zu einer überraschenden Renaissance des Nahkampfs.

Doch mit welchen Waffen wurde im Nahkampf gekämpft? Gewehre und Bajonette waren in der Enge zu sperrig. Der Gebrauch von Schusswaffen gefährdete vielmehr auch die eigenen Kameraden und war unerwünscht laut. Deshalb verteilte man an die Truppen primitive physische Nahkampfmittel wie Dolche oder Keulen. Auch geschärfte Spaten kamen häufig zum Einsatz. Gebaut wurden Waffen, wie z.B. eine Grabenkeule, aus dem Material, was noch vorhanden war – aus Holz, welches mit Nägeln gespickt wurde zum Beispiel. Auch Holzkeulen, deren oberes Ende mit Stacheldraht umwickelt wurde, kamen nicht selten vor.

Mini Plastik-Keule der Firma BrickArms, aus:https://www.bricksstuff.de

Die Grabenkeule – ein trauriges Stück Kriegsgeschichte

Ein Irrtum, zu glauben, dass sich Kriege ausschließlich mit modernsten Waffen gewinnen lassen! Während meiner Internetrecherche habe ich entdeckt, dass man in speziellen Militärshops nicht nur echte Grabenkeulen aus dem 1.Weltkrieg kaufen kann – noch heute wird von einer Firma namens BrickArms ebenfalls eine „Grabenkeule 1. Weltkrieg, Infanterist Nahkampfwaffe im Grabenkrieg" hergestellt, die kompatibel mit LEGO-Figuren ist.

Autor: Julian Gogollok, Praktikant


Literaturverzeichnis

Arnulf scriba, Der Stellungskrieg, URL: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/stellungskrieg(dhm.de) (2.2.2024)

Wikipedia Autoren,Stellungskrieg, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Stellungskrieg (2.2.2024)

Ohne Autor, Aufbau des Stellungskrieges, URL: https://www.studysmarter.de/schule/geschichte/stellungskrieg/ (2.2.2024)

Ohne Autor, Die Industrie des Tötens, URL: https://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/neue-waffen-im-erstenweltkrieg-die industrie-des-toetens-13068359.html (2.2.2024)