Eine Kirche gegen Kohle

22.01.2024 Praktikant:in

Entweder Kirche? Oder Kohle? Oder beides?

Während meines ersten Schülerpraktikums sollte ich einen Artikel über mein Lieblingsexponat schreiben. Als ich fast vollkommen alleine in der Modern Times Ausstellung rumschlenderte und nach diesem einen Lieblingsexponat Ausschau hielt, hatte ich zwei Ideen über was ich diesen Artikel schreiben will. Darf ich vorstellen: Der Gewinner ist die abgerissene Kirche St. Lambertus, ihr Kirchenfenster und was ich alles darüber gefunden habe. Und da ich mir Kirchen genauso vorstelle, wie es St. Lambertus war, hat mich diese Kirche ein bisschen in ihren Bann gezogen.

Die Kirche und ihre Merkmale

St. Lambertus wurde 1891 gebaut auf den Fundamenten von mindestens zwei Vorgängerkirchen gebaut. Sie war eine Kirche, die zwei 40 Meter hohe Türme hatte, die man schon von weitem sehen konnte. Bis zum Jahr 2018 war der Dom, wie er liebevoll von seinen Besuchern genannt wurde, ein fester Bestandteil des Dorfes Immerath in der Nähe der Stadt Erkelenz. Dort wurden Hochzeiten gefeiert und Taufen abgehalten.

Ein Abriss unter vielen

Am 8. Und 9. Januar 2018 wurde St. Lambertus abgerissen. Es wurde viel protestiert, um die neoromanisch erbaute Kirche zu erhalten. Vor dem Abriss der Kirche wurden schon viele Häuser des Dorfes dem Erdboden gleichgemacht.

Immerather Dom beim Abbruch, © Raimond Spekking, Wikimedia

Das Fensterglas aus der LWL Sonderausstellung unter der Lupe

Das bunte Glasfenster ist eines der wenigen Stücke, die nach dem Abriss im Januar 2018 vom Konzern „RWE“ geborgen wurden. Der Rest ist entweder nach dem Abriss zu kaputt gewesen oder ist irgendwo im Schutt verloren gegangen.

Das Fensterstück, über welches ich heute schreibe, gehört zu einer Fensterrosette, die in der Kirche verbaut war. Es ist aus buntem Antikglas. Dieses Glas ist sehr alt, die Technik wird um 1200 erfunden. Es sieht einer fünfblättrigen Blume ähnlich. Im Kern ist ein gelb/orangener fünfzackiger Stern abgebildet und an den „Blütenblättern“ ist aus unterschiedlichen Grüntönen ein Blattmuster zu Erkennen. Das Glas ist an manchen Stellen abgebrochen oder hat Sprünge.

Das Fenster aus Antikglas stammt aus dem Jahr 1972 und wurde gegen die nach dem zweiten Weltkrieg eingebauten spartanischen Klarglasfenster eingetauscht. Die bunten Fenster waren im zweiten Weltkrieg beschädigt worden. Deshalb mussten sie danach erneuert werden. Der Entwurf des Fensters stammt von einem Grafiker aus Köln mit dem Namen Anton Wolff. Die Fertigung wurde von dem Glasmalereibetrieb Oidtmann übernommen, der seinen Sitz (Stand 2024) immer noch in Linnich hat.

Foto: S. Brentführer/LWL-MAK

Dieses Fenster, genau wie die anderen Glasmalereien von St. Lambertus, wurde offensichtlicherweise nicht zum Durchgucken benutzt. Am Anfang wurden Glasmalereien wegen Verständnisgründen benutzt, damit die einfachen Leute den Pfarrer, der auf Latein sprach, verstehen konnten. Die Bilder erklärten seine Reden.

In den letzten Jahrzehnten war das Fenster eher ein Dekoelement, welches durch die Farben ein Licht hervorrief, welches zwar insgesamt alles dunkler erscheinen ließ, aber dadurch die Kirche auch sehr mystisch wirken ließ. Bis zum Abriss im Jahr 2018 konnten die Besucher die Kirche St. Lambertus besuchen und sich dieser Mystik hingeben.

Ausgrabungen

Im Juni 2018, nach dem Abriss, starteten Ausgrabungen, welche dazu genutzt wurden, die Vergangenheit der Kirche zu erklären und vielleicht neue Sachen rauszufinden, die man vorher nicht gewusst hat.  Man fand heraus, dass St. Lambertus nicht nur eine oder zwei Vorgänger Kirchen hatte, sondern mehrere, von denen die älteste vermutlich im 11. Jahrhundert erbaut wurde. Alle Kirchen wurden auf demselben Platz erbaut, sodass St. Lambertus am Ende auf einer Art künstlichem Hügel stand.

Foto: Alwin Nagel, Wikimedia

Da vor St. Lambertus schon ein paar Kirchen auf diesem Platz standen. War es manchmal Zufall das schon längst bestatte Gräber bei ausheben neuerer Gräber gefunden wurden und

Manchmal passierte es, dass, wenn man ein neues Grab aushob, man ein altes Grab fand und die überschüssigen Knochen einfach wieder in das neue Grab legte und von neuem bestattete. So wurden des Öfteren Personen ausversehen übereinander oder knapp nebeneinander bestattet. Einfach, weil im Laufe der Jahre die Kirchenbauten größer geworden sind und über einem ursprünglichen Bestattungsort erbaut waren.

Außerdem wurde in einer Vorgängerkirche von St. Lambertus in einem alten Schriftstück der erste namentlich bekannte Pfarrer zum ersten Mal erwähnt. Somit weiß man jetzt, dass im Jahr 1288 St. Lambertus schon als Pfarre bezeichnet wurde. Sehr interessant ist, dass es bis um 1400 für Immerath eigene adelige Besitzer gab, die danach jedoch verschwanden, und das Dorf von den Besitzern von Haus Pesch übernommen wurde. (Pesch ist der Nachbarort von Immerath.)

Foto: Xray40000 - Braunkohletagebau Garzweiler

Die Kohle und ihre Vor- und Nachteile

Man hatte einen Grund die Kirche abzureißen und das war der Braunkohletagebau Garzweiler. Immerath wurde mitsamt Kirche umgesiedelt, da der Konzern RWE auf dem Platz des Dorfes den Braunkohletagebau Garzweiler erworben hat. Somit musste Immerath dem Braunkohletagebau weichen und eben umsiedeln.

2006 wurde Neu-Immerath errichtet und es wurde angefangen, die Bewohner von Immerath umzusiedeln. 2013 wurde trotz Protesten das Dorf abgerissen. Im Oktober 2022 waren alle Gebäude abgerissen und es konnte mit den Kohlearbeiten losgehen.

Die Kirche in Neu-Immerath. Modern, Hell, Anders. Von Arne Müseler, Wikimedia

Dass man wegen des Braunkohlentagebaus ganze Dörfer umsiedelt, passiert nicht zum ersten Mal, so etwas passiert schon seit Jahrzehnten. Es gibt ein bekannteres Dorf mit dem Namen Lützerath. Genauso wie Immerath gehört das Dorf Lützerath zu der Stadt Erkelenz und wurde von vielen Protestierenden immer noch nicht aufgegeben. Die Protestierenden wollen meistens wegen dem Braunkohletagebau, Häusern unter Denkmalschutz und auch wegen alten Erinnerungen Lützerath nicht aufgeben. Denn oftmals ist es ein Zuhause, welches weggebaggert wird. Wo im Garten vielleicht ein kleines Haustier begraben ist. Wo ein Baumhaus auf dem Baum steht. Wo Grillpartys gefeiert wurden, die keiner mehr vergessen wird. Wo ein Rentner sich auf seinen Lebensabend gefreut hat. Erinnerungen eben.

 

Ustinja Khaprova, Schülerpraktikantin


Literatur

Schuler, Alfred; 502 Kirchenfenster versus Braunkohle – Ein Schmuckfensterelement als pars pro toto, in Modern Times, Archäologische Funde der Moderne und ihre Geschichten, Hrsg. Von LWL-Museum für Archäologie und Kultur, Westfälisches Landesmuseum Herne Stefan Leenen, Lisa Mentzl, Doreen Mölders (Dortmund 2023) S. 391-395.

Schuler, Alfred; Franzen, Denis; Ausgrabungen an St. Lambertus in Immerath – zur baulichen Entwicklung der alten Kirche bis 1888, in Archäologie im Rheinland 2018, 2019, S.181-185.

Schuler, Alfred; Franzen, Denis; Ausgrabungen an St. Lambertus in Immerath – Die Gräber, in Archäologie im Rheinland 2019, 2020, S. 174-176.

Flor, Valeska; Über den Zwang gehen zu müssen. Die Umsiedlung Immerath-Lützerath-Pesch. In: Dörfer im Fokus. Skizzen über Veränderungsprozesse im ländlichen Raum (=Alltag im Rheinland/2016), S. 12-22.

Schroeder, Ryan; The Ghost Town of Immerath, Metaphor and Microcosm; The Ghost Town of Immerath (2019), n. pag. Print. https://www.academia.edu/38231608/The_Ghost_Town_of_Immerath_Metaphor_and_Microcosm (letzter Aufruf: 19.1.2024).

Rettungsprojekt für Kirchenfenster (u. a. Immerath): Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts e. V. (Mönchengladbach), URL: https://www.glasmalerei-ev.net/pages/b2699/b2699.shtml (letzter Aufruf: 19.1.2024).

Müseler, Arne, St. Lambertus Immerath. Der Abriss des sogenannten Dom von Immerath fand unter großer medialer Aufmerksamkeit statt, URL: http://garzweiler.com/dom-von-immerath/ (letzter Aufruf: 19.1.2024).

Forschungsstelle Glasmalerei Des 20. Jahrhunderts E.V.; Erkelenz-Immerath, Zerstört: Kath. Kirche St. Lambertus, URL: https://www.glasmalerei-ev-web.de/pages/b2699/b2699.shtml (letzter Aufruf: 19.1.2024).