Die Krankheit, bei der Ärzte vorschlugen, früh zu fliehen und spät wiederzukommen

22.01.2024 Praktikant:in

Ein Zitat auf dem Stadt-Kubus, Foto: Emily Isaak, Kubus Stadt LWL-MAK

„Als die Pest in Florenz wütete, erlagen ihr sämtliche Ärzte der Stadt. Als der letzte Arzt dahingerafft war, entschwand die Seuche.“ Das steht auf dem Stadt-Kubus in der Dauerausstellung. Für mich hört sich das ziemlich zynisch an, wie der/die unbekannte Autor:in da über die Ärzte redet. Aber warum überhaupt steht ein spottendes Zitat über Ärzte auf der Außenseite vom Städte-Kubus?

Antwort darauf gibt ein Blick ins Innere des Kubus, in dem die Themen ziemlich einfach zusammengebracht werden:

Seuchen. Oder genauer gesagt die Pest, auch bekannt als schwarzer Tod (der Begriff tauchte tatsächlich erst ca. 250 Jahre nach dem Massensterben im 14. Jahrhundert auf, also erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts). Die Krankheit, die es nachweislich schon im dritten Jahrhundert vor Christus gegeben hat. Darum geht es aber gar nicht. Es geht mir mehr um die Gestalten, die einen aus Lücken in der Wand anstarren, wenn man den Kubus betritt.

Ein Pestdoktor lugt zwischen den Wänden hervor, Foto: Emily Isaak, Kubus Stadt LWL-MAK

Pestärzte, auch Schnabelärzte oder Dr. Schnabel genannt. Vermummte Gestalten mit einer Schnabelmaske, die meiner Meinung nach das wohl berühmteste Symbol der Pest und irgendwie wahrscheinlich auch von Seuchen im Allgemeinen sind. Das Interessante an der Sache mit den „Schnabelärzten“ ist, dass sie damals gar nicht so berühmt waren.

Thomas Bartholins Zeichnung eines Pestdoktors, wikimedia commons, gemeinfrei

Der dänische Arzt Thomas Bartholin veröffentlichte eine ihm aus Rom zugeschickte Abbildung eines Pestarztes 1661 in seiner Sammlung medizinischer und anatomischer Merkwürdigkeiten. Er bezeichnete diese Aufmachung darin als „singularis habitus“ eine „einzigartige Gewandung“. Also war diese Aufmachung mit Schnabelmaske und Stock in der Hand für ihn wohl neu.

Was haben Ärzte dann getragen?

Für Ärzte wurden möglichst dichte und glatte Kleidung und Handschuhe empfohlen. Der Hintergrund war ganz einfach, dass die Krankheitserreger weder durch die Kleidung des Arztes ihn irgendwie infizieren können sollten noch sollte der Krankheitserreger irgendwie an den Klamotten oder Handschuhen haften bleiben. Von manchen Ärzten wurde die Schutzkleidung durch eine Art Kopfhaube ergänzt. Was auch noch sehr interessant ist zu wissen, ist das 1680 die Pestschrift „Einfältiger Discursus Sanitatis“ erschien. Diese beinhaltete tatsächlich genaue Anweisungen für eine Kopfbedeckung, welche haubenartig mit Glaseisätzen vor den Augen sein sollte. Genutzt wurde sie von Totengräbern, Reinigern, und Pestbüttnern. Letztere mussten die Kranken mit Wein und Bier versorgen.

Die Kleidung der Ärzte sollte immer sauber sein und an die frische Luft gehängt werden. Außerdem sollte sie ab und zu geräuchert werden, da man damals dachte, es würde gegen die Krankheitserreger helfen. Auch das Mitführen von stark duftenden Kräutern oder Flüssigkeiten sollte in einem kleinen, am Körper getragenen Behälter gegen Ansteckung durch Miasmen und üble Dämpfe helfen. In Italien und Frankreich tat man die Duftschwämmchen oder Kräuter in den Schnabel der Maske, so waren die Hände frei. Davor wurden diese Hilfsmittel einfach vors Gesicht gehalten.

Was sind Miasmen?

Ein Miasma ist, einer früheren Annahme entsprechend, eine Art aus dem Boden aufsteigender oder schon in der Luft vorhandener Stoff, der Krankheiten auslöst. Die Miasmen-Lehre ist außerdem der Grundpfeiler des „Pesthauchmodells“.

Was ist das „Pesthauchmodel“ jetzt wieder?

Das „Pesthauchmodell“ ist der Erklärungsversuch des umbrischen Arztes Gentile da Foligno, der versuchte, damit die Ursache der Pest 1348 zu erklären. Die Miasmen-Theorie (also auch das „Pesthauchmodell“) bewahrte übrigens bis ins 19. Jahrhundert hinein ihre Gültigkeit, da sich erst mit der Entdeckung der Mikrobiologie die Wahrnehmung und damit auch die Erklärung für die Pest änderte. Gentile da Foligno erklärte es sich jedenfalls so:

Zunächst steigen krankheitserregende Fäulnisdämpfe angeblich aus dem Meer in die Luft auf. Sie gelangen zurück auf die Erde und werden vom Menschen eingeatmet. In Herz und Lunge des Menschen verdichtet sich der eingeatmete „Pesthauch“ zu einer giftigen Materie. Beim Ausatmen werden so die eigene Familie, Freunde und Nachbarn im Schneeballsystem angesteckt. Fun Fact am Rande: Hinter der Vorstellung von Dunst- oder Nebelschleiern steht wahrscheinlich das Bild aus der Bibel, bei dem Moses Ofenruß in den Himmel wirft. (Die 10 Plagen)

Ärzte der medizinischen Fakultät von Paris übernahmen seine Ausführungen in ihr Gutachten, als sie im Auftrag des Königs eine Erklärung finden sollten. Auf dieser Grundlage gab es eine Menge an medizinischen Ratgebern, sogenannte Pestconsilia und Pestregimina.

Wenn es Literatur gab, musste es doch auch Medikamente gegeben haben?

Man kann sagen, dass zu Hochzeiten der Pest alles Mögliche als Medikament genutzt wurde. Es gab Allheilmittel wie Theriak, ein Gebräu aus verschiedensten wertvollen Zutaten, welches über Jahrhunderte Anwendung beim Bekämpfen der Pest fand. Dann gab es Mischungen von Stadt- oder Hofärzten, die dann auch überregional aufgegriffen wurden. Schon vor der Pest als exotische, aber angesehene Gegengifte wurden zum Beispiel Bezoare benutzt. Das Wort Bezoar leitet sich vom persischen Wort bâd-sahr ab, was Gegengift bedeutet. In der Volksmedizin wurde er als “Gesundstein“ oder „Magenstein“ bezeichnet. Er wurde gerieben und in kleinen Mengen einer Flüssigkeit beigefügt und galt im Mittelalter und der Frühen Neuzeit so, unter anderem, als Heilmittel von Vergiftungen und der Pest. Auch Erden aus fernen Ländern wurden in Medikamente eingemischt. Es finden sich aber keine Stellungnahmen der Autoren, ob oder dass diese außergewöhnlichen, kostspieligen Arzneien wirksamer waren als die günstigeren Hausmittel. Ansonsten wurde von den Ärzten [wie im Titel erwähnt] wirklich geraten, früh zu fliehen und spät wiederkommen.

Das haben, aus welchen Gründen auch immer, natürlich nicht alle gemacht oder gekonnt. Für diese Menschen gab es Mittel zur Vorbeugung einer Infektion. Zum Beispiel gab es Ernährungs- und Verhaltensvorschriften, außerdem Rezeptsammlungen, die zahlreiche Mittel zur inneren und äußeren Anwendung boten – ob diese gewirkt haben oder nicht, sei jetzt mal dahingestellt.

Aber, da wo viele Menschen sterben, muss es doch auch eine Ursache geben, oder?

Das dachten sich die Menschen damals auch. Es gab zwar die Erklärung des Pesthauchs, aber diese ging ja irgendwie schon aus Bibeltexten hervor und müsste deshalb an sich von Gott kommen. Da von Gott geschickte Krankheiten aber nur gezielt Menschen töteten und nicht willkürlich, musste es auch eine andere Erklärung geben.

Im abendländisch-westlichen Kulturkreis zum Beispiel wurden statt Gott schwarze Zauberer als Erklärung genommen. Das hatte zwei Vorteile:

Zunächst würde der Zauber willkürlich jeden treffen, es war also keine Strafe Gottes. Dazu kam noch, dass der Verantwortliche zur Verantwortung gezogen werden konnte. Auf diese Weise hatte man einen oder gleich mehrere Sündenböcke.

Die Sündenböcke variierten je nach Zeit und geographischem Raum. Im deutschen Kaiserreich kam es so zu einem der größten Massenmorde der jüdischen Bevölkerung, der nur vom Holocaust übertrumpft wurde. Der Anlass und die Rechtfertigung war dabei das Gerücht, die Juden hätten die Brunnen vergiftet.

Allerdings war dieses Gerücht nicht mal neu, da es schon 1320/1321 in Frankreich blutige Verfolgungen von Juden und Leprakranken gegeben hatte. Damals kam das Gerücht eines Komplotts auf, der geschmiedet worden war. Die muslimischen Herrscher in Granada wollten dem Gerücht zufolge alle Christen mit Lepra infizieren, weshalb sie den Juden ein besonderes Gift aushändigten. Die Juden sollten das Gift an die Leprakranken weitergeben, welche es daraufhin in die Quellen und Brunnen gießen sollten. Meiner Meinung nach ziemlich umständlich, aber in der Not frisst der Teufel wohl Fliegen (oder bringt wahllos Menschen um).

Für die Menschen bot sich oft auch die Möglichkeit so ihre Schulden loszuwerden und sich an dem Besitz und Habe der getöteten Juden zu bedienen. Habgier war bei den Mordaktionen oft eine wesentliche Treibkraft. So waren vielerorts die jüdischen Einwohner schon lange vor dem Ausbruch der Pest ermordet worden, man konnte also keinen Verrat als vermeintlichen Grund nehmen. Das Interessante an den Mordaktionen war, dass die Gerüchte immer wieder auflebten, wenn es gar keine oder nur beschränkte Konsequenzen für Juden im Zusammenhang mit den Pestausbrüchen gab.

Aber was ist die Pest denn jetzt wirklich und wie wurde sie verursacht?

Für die Krankheit ist ein Bakterium namens Yersinia Pestis verantwortlich, das nach seinem Entdecker, Arzt Alexandre Yersin, benannt ist. Dieser konnte es in Honkong im Rahmen des Pestausbruchs im Juni 1894 erstmals nachweisen. Der französische Arzt Paul-Louis Simond konnte drei Jahre später den Übertragungsweg der Beulenpest vom Rattenfloh über die Ratten zum Menschen nachweisen. Ein weiterer Überträger des Pestvirus ist der Menschenfloh.

Das Problem mit der Pest ist, dass, wenn die Beulenpest die Menschen erreicht und die Kranken nicht behandelt werden, nach einiger Zeit Pestsepsis auftritt. Pestsepsis ist eine Komplikation der Beulen- oder Lungenpest, die auftritt, wenn Pest-Bakterien ins Blut gelangen und dort zu einer Blutvergiftung führen. Die daraus resultierende Lungenpest ist tödlich und breitet sich durch Tröpfcheninfektion sehr schnell aus. Ein Grund, weshalb sich die Pest so schnell verbreitet hat und so viele Menschenleben forderte. Und weshalb auch die Schutzmaßnahmen der Pestdoktoren nur bedingt erfolgreich waren.

 

Emily Isaak, Schülerpraktikantin


Literatur

Marion Maria Ruisinger, Fact or Fiction, Katalog: Pest! Eine Spurensuche (2019, Darmstadt), Seite 267-274.

Stefan Leenen, Michael Lagers, Marina Dessau, Alexander Berner, Julia Heimlich, Sandra Maus, Stefan Kötz, André Luiz R. F. Burmann, Bereich 5 zweite Pandemie, Medizin Katalog: Pest! Eine Spurensuche (2019, Darmstadt), Seite 407-441.

Stefan Leenen, Cornelia Moors, Patrick Jung, Alexander Berner, Susanne Jülich, Stefan Kötz, Michele Lange, Marina Dessau, Bereich 2 Vorgeschichte und erste Pandemie, Katalog: Pest! Eine Spurensuche (2019, Darmstadt), Seite 335-351.

Kay Peter Jankrift, Vom Pesthauch zu yerisina pestis, Katalog: Pest! Eine Spurensuche (2019, Darmstadt), Seite 21-29.

Martin Bernhard Lindau, Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Dresden, Band 2, 1863, Dresden.

Kunsthistorisches Museum Wien: Bezoar in Filligranfassung. Abgerufen am 19.01.2024 von https://www.khm.at/de/object/87195/.

Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Pest. Abgerufen am 19.01.2024 von https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Uebertragbare-Krankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/Pest.html.