Jadeitbeile im Neolithikum

08.10.2021 Praktikant:in

Abb. 1 Die Prunkbeile aus Jadeit in der Dauerausstellung (Foto: H. Kandler)

Während meines Schülerpraktikums im LWL-Museum für Archäologie Herne habe ich neben anderen Tätigkeiten die Aufgabe, mir mein Lieblingsexponat auszusuchen und dazu diesen Blogeintrag zu verfassen. Ein Exponat zu finden, über das ich schreiben möchte, war nicht schwer. Als ich über die Hintergrundgeschichte eines der in der Dauerausstellung ausgestellten Jadeitbeile erfahren habe, hatte ich mich direkt entschieden und wollte mehr über diese Beile aus grünlichem Gestein herausfinden. Im Folgenden werde ich also nun über Jadeitbeile und zusätzlich über dieses spezielle Beil berichten.

Abb. 2 (Foto: C. Moors)

Was ist ein Jadeitbeil überhaupt?
Ein Jadeitbeil ist ein Beil, welches aus dem Gestein Jadeitit besteht. Dieses wiederum ist aus dem Mineral Jadeit, welches im Allgemeinen zusammen mit Nephrit als Jade bezeichnet wird. Die Beile sind allesamt sehr flach und spitznackig (Abb. 2), was ungewöhnlich für Beile im Neolithikum, der Jungsteinzeit, ist.

Abb. 3 (Foto: C. Moors)

Die Klinge ist abgerundet (Abb. 3). Zum Arbeiten hätten die Jadeitbeile also nichts getaugt. Dass sie keine Gebrauchsspuren aufweisen, deutet auch darauf hin, dass die Beile aus Jade nicht zum Arbeiten genutzt wurden.

Wofür waren Jadeitbeile, wenn nicht zum Arbeiten?

Besagte Beile waren durch den Aufwand in ihrer Herstellung ein Luxusgut. Es ist also anzunehmen, dass sie Statussymbole waren, was auf eine soziale Differenzierung schließen ließe. Außerdem ist ein möglicher Zusammenhang mit der Michelsberger Kultur am Ende des 5. und in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends nicht auszuschließen. Wenn diese Kultur mit den Objekten in Verbindung steht, könnte es sein, dass eine oder mehrere Personen mit hohem politischen und/oder religiösen Stand Jadeitbeile besaßen. Dass sie für zeremonielle Zwecke benutzt wurden, ist also auch möglich. In Neuguinea waren sie Brautgeschenke.

Herkunft der Beile und warum sie so besonders waren
Die Menschen im Neolithikum waren verglichen mit unserem heutigen Standard einfach ausgestattet. Um zu ihrem Steinbruch zu kommen, welcher am Monte Viso in den italienischen Alpen liegt, mussten sie vom Po-Tal aus, wo sie ihre Siedlung hatten, einen tagelangen Marsch auf sich nehmen. Der Abbau der Jade in diesem Steinbruch ist auf 5200 – 4000 v.Chr. datiert. Insgesamt konnten am Monte Viso und einem Berg in der Nähe, dem Monte Beigua, über 300 Steinblöcke mit Jade von einem Forschungsteam kartiert werden. Dieses Team suchte seit 1992 nach Jadeitbeilen und deren Herkunft. Sie konnten durch spektrometrische Analysen herausfinden, welche Klinge aus welchem Block stammte.  Nachdem die Bevölkerung aus dem Po-Tal die Ware aus Jade angefertigt hatte, gelangte diese durch Tauschgeschäfte in die ca. 1200 km entfernte Bretagne. In der Bretagne wurden die Stücke dann umgeschliffen, sodass sie ihre jetzige flache, spitznackige Form bekamen. Von da aus wurden die Jadeitbeile weitergetauscht.

 

Warum habe ich mich ausgerechnet für diese Exponate entschieden?

Abb. 4 Jadeitbeil aus Hiddenhausen-Bermbeck (Foto: C. Moors)

Eines der grünlichen Beile hat meine Aufmerksamkeit besonders geweckt, da es ein paar Jahrzehnte lang verschollen war und ich die Hintergrundgeschichte dieses Objektes mag:
Über eine Strecke von mehr als 1000 km kam das Objekt durch Tauschgeschäfte von der Bretagne nach Bermbeck in Westfalen. 1903 wurde das Jadeitbeil vom Städtischen Museum Herford erworben, ein genaues Fundjahr ist nicht bekannt. Bei einer Revision (Überprüfung, Inspektion) in besagtem Museum stellte man 1956 fest, dass der Gegenstand verschwunden war. Seit diesem Jahr galt die Jadeitklinge als verschwunden. 1997 wurde das verschollene Stück auf einem Balken in einer Scheune in Schleswig-Holstein wiedergefunden. Der Finder gab es einem Bekannten, K. Kasubke. Kasubke forschte nach und brachte sein Fundstück nach Schloss Gottorf, in das Landesamt für Archäologie Schleswig-Holstein. Dort wurde das Objekt als neolithisches Jadeitbeil erkannt. Schloss Gottorf bekam das Beil als Dauerleihgabe für eine Dauerausstellung über die Jungsteinzeit. Während seines Aufenthaltes wurde der Gegenstand von Lutz Klassen, einem Forscher aus dem zuvor erwähnten Forscherteam, als das verschwundene Exponat aus Herford erkannt. Klassens Annahme konnte bestätigt werden. Das Museum in Herford erhob Anspruch auf das Beil. Doch Kasubke, hatte den Fund für mehr als 10 Jahre besessen, was dem Landesamt bekannt war und war deshalb rechtmäßiger Eigentümer geworden. Er gab das Beil später als Dauerleihgabe an das LWL-Museum für Archäologie für dessen Dauerausstellung. Seit 2012 befindet sich das Beil im Besitz der LWL-Archäologie für Westfalen.
Wenn ihr euch die Prunkbeile mal selber ansehen wollt, müsst ihr einfach dem Pfad der Dauerausstellung folgen. Sie befinden sich hinter dem zweiten Kubus (neolithischer Acker) an der Wand.

 

Hannah Kandler, Schülerpraktikant

 

Quellen:
Pierre Pétrequin u.a., Aus den italienischen Alpen nach Thüringen. Zur naturwissenschaftlichen Untersuchung eines herausragenden neolithischen Fundes des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte
Video „Wiedergefunden“ aus der Ausstellung „Fundgeschichten. Neueste Entdeckungen von Archäologen in NRW“
Daniel Bérenger, Vom Stein und Sein. Importierte Jadeitbeile und ihre gesellschaftliche Bedeutung, in Revolution Jungsteinzeit. Archäologische Landesaustellung Nordrhein-Westfalen S. 213-219.
Lutz Klassen/Pierre Pétrequin/Michel Errera, Ein herausragendes neolithisches Jadebeil aus Hiddenhausen-Bermbeck, in Archäologie in Westfalen-Lippe S.172-174
Petra Tutlies und Jürgen Weiner, Prunkbeilklingen aus Jadeit, in Fundgeschichten. Archäologie in Nordrhein-Westfalen S. 509