Herzlich Willkommen beim Blog des LWL-Museums für Archäologie!

Hier gibt's Neuigkeiten rund um das Museum und einen Blick hinter die Kulissen.

 

Das Team des LWL-Museums für Archäologie in Herne wünscht viel Spaß beim Stöbern und würde sich über ein Feedback sehr freuen.

Foto der Replik der Tiara des Saitaphernes in der Sonderausstellung "Irrtümer und Fälschungen" (Foto: Florian Beck)

Die „Tiara des Saitaphernes“

Die „Tiara des Saitaphernes“ ist eine gefälschte Kopfbedeckung, die angeblich aus einem Grab in der Nähe der antiken griechischen Hafenstadt Olbia stammen soll. Diese war an der Mündung des Flusses „Dnjepr“ gelegen und es lebten neben Griechen auch Skythen und Sarmaten in der Stadt. Die vermeintlich skythische Tiara wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ca. 1895, hergestellt.           

Die Tiara

Die Tiara ist ca. 17,5 cm groß und wiegt ca. 443 g. Sie besitzt einen Durchmesser von 18 cm, besteht komplett aus Gold und besitzt viele detailreiche Verzierungen. Diese sind in voneinander abgetrennten „Bildfeldern“ angebracht. Zwei kleine Bereiche sind mit floralen Elementen verziert und werden durch eine Reihe von dachziegelartigen Darstellungen getrennt. Das große Bildfeld, welches den Großteil der Verzierungen ausmacht, zeigt insgesamt vier Lebensabschnitte des Achilles, einer Figur aus Homers Ilias. Unterhalb dieser Darstellung findet sich eine einfach gehaltene Stadtmauer mit einer griechischen Inschrift. Diese soll besagen, dass diese Tiara ein Geschenk der antiken griechischen Kolonie Olbia an den skythischen Herrscher Saitaphernes sei. Wörtlich lautet die Inschrift: „Der Rat und die Bürger von Olbia in Ehrfurcht dem großen und unbesiegten König Saitaphernes“. Und tatsächlich wurde Olbia im späten 3. Jahrhundert oder im frühen 2. Jahrhundert v. Chr. von Saitaphernes erobert. Die bereits erwähnte stilisierte Mauer trennt das große Bildfeld mit den Achilles-Darstellungen von dem unteren, kleineren Bildfeld ab. Auf diesem kleineren Bildfeld sind Darstellungen aus dem alltäglichen Leben der Skythen als Hirten zu erkennen.

Satirische Postkarte (Copyright Josef Mühlenbrock)

Ankauf und erste Zweifel

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts liegen die großen europäischen Museen im Wettstreit miteinander. Insbesondere griechische und skythische Fundstücke aus Russland waren dank Funden in Kul-Oba (1830) und Certomlyk (1863) zu dieser Zeit sehr begehrt. Und so erscheint es aus zeitgenössischer Sicht nachvollziehbar, dass der Louvre am 28. März 1896 die Tiara für 200.000 Francs erwarb. Abgewickelt wurde der Kauf über zwei Händler in Wien. Zur Verfügung gestellt wurde das Geld von Edouard Corroyer, einem französischen Architekten, und Théodore Reinach, dessen Bruder Salomon dem Louvre zum Ankauf der Tiara geraten hatte. Neben der Tiara wurden auch einige Schmuckstücke für ca. 100.000 Francs erworben. Diese, so wurde es behauptet, sollten mit der Tiara in Verbindung stehen, waren aber ebenfalls gefälscht. Ab dem 1. April 1896 wurde die Tiara schließlich im Louvre ausgestellt.        
Doch mehrten sich nach kurzer Zeit kritische Stimmen von ausländischen Archäologen. So wurde bekannt, dass die Kollegen des kaiserlich-königlichen Münz- und Antikenkabinett in Wien schon zuvor sehr skeptische Ansichten gegenüber der Tiara vertraten. Dort war die Tiara zuerst angeboten worden. Der deutsche Archäologe Adolf Furtwängler besuchte den Louvre im Frühling und bezeichnete die Tiara bereits nach der ersten Begutachtung als Fälschung. Und auch der russische Archäologe und Professor Nikodim Kondakov war überzeugt, dass es sich bei der Tiara um eine Fälschung handeln müsse. Vor allem der sehr gute Erhaltungszustand der Tiara machte viele Archäologen skeptisch. Später fand man bei genaueren Untersuchungen sogar Spuren von modernen Werkzeugen an der Tiara. Und auch die Inschrift verwunderte einige Archäologen. In Olbia wurde nämlich schon Jahrzehnte zuvor eine antike Inschrift gefunden, die auffallende Ähnlichkeiten mit der Tiara-Inschrift aufwies und bereits 1822 veröffentlicht wurde. Ebenso verwunderlich waren die Achilles-Darstellungen der Tiara. Zwar waren Geschenke von griechischen Städten an skythische Herrscher bekannt. Aber die Darstellungen der Tiara erschienen für eine Krone, die an einen Skythen-Herrscher gerichtet war, unpassend, weil die Skythen in den Augen der Griechen Barbaren waren und somit keinen Bezug zu den Geschichten von Homer hatten. Des Weiteren war den Archäologen dieser Zeit bewusst, dass die Griechen in der Antike lokale Gottheiten und Heroengeschichten bevorzugten und vor allem neuzeitliche Künstler Homers Illias thematisch aufgriffen. Jedenfalls war Homers Illias in der antiken griechischen Kunst kaum vertreten. 
Trotzdem verteidigten Salomon Reinach, der zu der Zeit stellvertretender Konservator des Musée des antiquités nationales in Saint-Germain-en-Laye war, und sein Bruder Théodore die Tiara vehement. So wurde Furtwängler Neid unterstellt, weil die Tiara in Paris und nicht in Berlin gelandet war. Ein Argument, das die Konkurrenzsituation der großen europäischen Museen verdeutlicht.        
Als schließlich in französischen Zeitungen der Name „Rachoumovsky“ bzw. „Razoumovsky“ als möglich Hersteller der Tiara genannt wurde, stellte Salomon Reinach Nachforschungen an, um diese Person ausfindig zu machen, konnte jedoch keine Ergebnisse erzielen.

Satirische Postkarte (Copyright Josef Mühlenbrock)

Der Goldschmied Roukhomovsky und seine Fälschung

Sieben Jahre später, am 13. März 1903, behauptete ein russischer Juwelier namens Kalman Lifschitz in einer französischen Zeitung, dass er im Jahre 1895 bei der Herstellung der Tiara durch einen gewissen „Herrn Roukhoumovsky“ anwesend gewesen wäre. Es tauchten weitere Zeugenaussagen auf, die die Echtheit der Tiara infrage stellten. Aufgrund dieses Drucks musste die Tiara schließlich aus der Ausstellung entfernt werden. Russische Journalisten machten kurze Zeit später, nach einigen Recherchen, den weißrussischen Goldschmied Israel Dov-Ber-Roukhomovsky ausfindig. Dieser behauptete tatsächlich, der Urheber der Tiara zu sein. Dass sich Roukhomovsky auch freiwillig bei den Journalisten meldete, lag wohl auch an der Höhe seiner Entlohnung. So habe er nur 4.000 Francs für die Anfertigung der Tiara bekommen, während die Kunsthändler mit dem Verkaufspreis von 200.000 Francs einen deutlich höheren Gewinn machten.    
Am 26. März 1903 wurde dann eine Untersuchungskommission unter der Leitung von Charles Clermont-Ganneau, einem berühmten französischen Archäologen und Orientalisten, eingesetzt, um die Tiara genauer zu untersuchen. Ganneau kam, nach gründlicher Begutachtung, zu dem Schluss, dass die Tiara mit Sicherheit eine Fälschung sei. Er kam also zu dem gleichen Schluss wie Furtwängler und Kondakov einige Jahre zuvor. Am 2. April 1903 reiste schließlich Israel Roukhomovsky nach Paris, um seine „Urheberschaft“ zu beweisen und fertigte einige Teilkopien der Tiara an. Erstaunlich dabei war, dass er weder die Tiara selbst noch Zeichnungen von ihr als Hilfsmittel verwenden konnte bzw. musste.        
Nach einer ikonografischen Analyse konnte Clermont-Ganneau drei Quellen identifizieren, aus denen die Bildelemente, mit denen die Tiara verziert war, kopiert worden waren: „Die griechischen Vasen: ihr Formen- und Decorationssystem“ von Heinrich Brunn und Paul Friedrich Krell aus dem Jahr 1887, Ludwig Weissers „Bilder-Atlas zur Weltgeschichte“ in der Auflage von 1885 und die von Nikodim Pavlovich Kondakov und Ivan Tolstoï publizierte „Antiquités de la Russie méridonale“, welche im Original 1889 erschien. Aus diesen Werken bezog Roukhomovsky nicht nur die Abbildungen, sondern entnahm diesen Werken auch die Form der Tiara. Sie war an eine Husarenmütze, den Kolpak, angelehnt.    
Der Louvre stand nach der Untersuchung in der Kritik, weil man bereits 1897 gewarnt worden war, dass es sich bei der Tiara um eine Fälschung handelte. Clermont-Ganneau kam nach einigen genaueren Recherchen zu dem Schluss, dass es ein rumänischer Kunsthändler namens Hochmann und dessen Bruder gewesen sein mussten, die die Tiara bei Roukhomovsky in Auftrag gaben.         
Roukhomosky selbst erlangte mit der Tiara viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, wehrte sich jedoch auch gegen die Vorwürfe ein Fälscher zu sein. Er argumentierte, dass er die Tiara nie als eine Fälschung betrachtete beziehungsweise nie eine Täuschungsabsicht gehabt hätte. Die Tiara bezeichnete er selbst als eine „nachempfundene Schöpfung“.

In der Ausstellung

Im LWL-Museum für Archäologie in Herne ist die Tiara, die mittlerweile durch eine Replik ersetzt wurde, in der Sonderausstellung „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ zu betrachten. Sie wird eindeutig als Fälschung gekennzeichnet. Die Tiara selbst ist im Aufbau zentral platziert und wird durch zwei kleine Lampen in der Vitrine beleuchtet. Zusätzlich werden auch einige andere interessante Exponate ausgestellt, die einen direkten Bezug zu der Geschichte der Tiara haben. Eines der bereits erwähnten Bücher, von denen die Verzierungen kopiert wurden, eine Nachbildung des „Schild des Scipio“ und einige zeitgenössische Postkarten aus Frankreich, die den Tiara-Kauf des Louvre satirisch aufgegriffen haben. Auch die Porträts von einigen beteiligten Personen (Adolf Furtwängler, Salomon Reinach, Israel Roukhomovsky) mit einigen Informationen über die Personen selbst und über ihr Mitwirken im Fall „Tiara des Saitaphernes“, werden dort ausgestellt.

Florian Beck

Literatur:

Achechova, Aglaé / Giroire, Cécile, Die „Tiara des Saitaphernes“. Die Geschichte einer berühmten Antikenfälschung, In: Mühlenbrock, Josef/Esch, Tobias (Hg.), Irrtümer & Fälschungen der Archäologie. Begleitband zur Sonderausstellung, Mainz 2018, S. 126-133.

Fälschungen (in) der Antike und der Frühen Neuzeit. Israel Dov-Ber-Rouchomovsky und die „Tiara des Saitaphernes“. Online abrufbar unter: www.ub.uni-heidelberg.de/ausstellungen/fake2016/sektion2.html. Zuletzt abgerufen am: 07.09.2018 11:14h.

Jackson, Brittany/Rose, Mark, Saitaphernes‘ Golden Tiara. Online abrufbar unter: https://archive.archaeology.org/online/features/hoaxes/saitaphernes_tiara.html. Zuletzt abgerufen am: 70.09.2018 11:14h.