09.10.2020

Besonders rührend – Die Säuglingsbestattung aus Ostbevern-Schirl

Pithosbestattung_Ostbevern-Schirl © LWL- Archäologie Westfalen S. Brentführer

Die Suche nach meinem Lieblingsexponat

Während meines Praktikums im LWL-Museum für Archäologie Herne durfte ich mir ein Exponat aus der Dauerausstellung aussuchen, welches mich ganz besonders faszinierte. Zunächst war diese Aufgabe gar nicht so leicht, denn die Dauerausstellung bietet eine Reihe toller Funden aus verschiedenen Zeitepochen. Besonders aufgefallen ist mir dann aber ein, wie ich finde, ganz besonders interessantes Exponat: die Pithosbestattung („Pithos“: großes Vorratsgefäß) von Ostbevern-Schirl (Abb. 1).

Fundort und Beschreibung

Gefunden wurde das Exponat 1982 in Ostbevern-Schirl im Kreis Warendorf bei Ausgrabungen auf einem Acker nördlich der Bever und in direkter Nähe zu einer bronzezeitlichen Siedlung. Datiert wird der Fund auf 2100–1800 v. Chr. und ist damit der Epoche der frühen Bronzezeit zuzuordnen. Doch worum genau handelt es sich bei den zwei geborgenen und ineinandergesteckten Keramikgefäßen? Durch eine äußere Betrachtung allein konnte diese Frage nicht geklärt werden. Daher wurden genauere Untersuchungen vorgenommen. Heraus kam, dass die beiden waagerecht im Sand vorgefundenen Gefäße die Knochen eines etwa zwei Monate alten Säuglings beinhalten; sie wurden also als Bestattungsbehältnis genutzt. Das Skelett des Kindes ist sehr gut erhalten, da die Gefäße luft- und wasserdicht verschlossen waren. Bei weiteren Untersuchungen konnte genau rekonstruiert werden, wie der Säugling in die Keramikgefäße hineingelegt wurde: Zuerst wurde das Kind in das kleinere, ca. 27 cm hohe Gefäß gesetzt, anschließend wurde das größere, ca. 34 cm hohe Gefäß über seinen Kopf und Oberkörper gestülpt, sodass es sich in Seitenlage im Gefäß befand (Abb. 2). Aufgrund dieses Vorgehens und der sorgfältigen Verschließung der Gefäße kann man davon ausgehen, dass der Säugling sehr liebevoll bestattet wurde. Die beiden Gefäße aus Ostbevern-Schirl sind unterschiedlich hergestellt worden. Wie auf Abbildung 1 zu erkennen, ist das Kleinere der beiden Gefäße gänzlich unverziert, während das Größere unterhalb der Öffnung eine schlichte Kanneluren-Verzierung, eine Verzierung mit senkrechten oder waagerechten Rillen, aufweist.

Rekonstuktion der ursprünglichen Lage des Säuglings (© Andrea Stapel aus: Westfalen in der Bronzezeit 2008)

Abbildung 3 zeigt, dass sich die noch vorhandenen Überreste im Bereich des größeren Gefäßes befinden. Es kann verschiedene Gründe haben, warum sich, gerade bei Körperbestattungen, die Lage der Überreste im Laufe der Zeit verändert. Zum einen kommen Grabplünderungen in Frage, welche für die Pithosbestattung von Ostbevern-Schirl jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden können. Wahrscheinlicher sind hier Lageveränderungen, verursacht durch natürliche Verwesungs- und Fäulnisprozesse.

Abb. 3. Ein Blick in das große Bestattungsgefäß © LWL-Museum für Archäologie/ C. Moors

Die Pithosbestattung

Wie kommt es nun zu der Bezeichnung „Pithosbestattung“? „Pithos“ ist der griechische Begriff für große becherartige Vorratsgefäße und wird auch in der Archäologie verwendet. Pithosbestattungen, wie die in Ostbevern-Schirl, sind in Nordwestdeutschland eher selten. Aus Mittel- und Süddeutschland sind jedoch ähnliche Funde bekannt, bspw. aus Kelheim in Bayern, wo ebenfalls Überreste eines Kindes in einem Vorratsgefäß gefunden wurden. Datiert werden auch diese Funde in die frühe Bronzezeit.

Bestattungsformen können sich von Zeit zu Zeit ändern. Manche charakterisieren gar einzelne Epochen. Auch wenn es sich bei einer Pithosbestattung schon um ein eher seltenes Phänomen handelt, ist die Tatsache, dass ein Kind beigesetzt wurde, für die Forschung von besonders großer Bedeutung. Die Pithosbestattung von Ostbevern-Schirl liefert nämlich einen der wenigen Nachweise von Kinderbestattungen der frühen und mittleren Bronzezeit, besonders in Nordwestdeutschland.

Fundlage im Jahr 1982 © Westfälisches Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte (aus: Neujahrsgruß 1980 - 1985)

Bestattungen in der Bronzezeit

In der Regel gab es, wie heute, zwei Möglichkeiten der Bestattung: die Bestattung des verbrannten oder die des unverbrannten Toten. Die Brandbestattung etablierte sich in Westfalen zwar auch während der Bronzezeit, jedoch erst zwischen 1250 und 750 v. Chr. Bei einer Körperbestattung wurde der Verstorbene in einem Sarg, oft bestehend aus Holz, beigesetzt. Bei einer Feuerbestattung konnte der Leichenbrand (verbrannte Überreste eines Verstorbenen) auch in einem kleineren Behältnis, in einer Urne, bestattet werden. Selten wurden, wie bei der Pithosbestattung von Ostbevern-Schirl, Tongefäße für Körperbestattungen eingesetzt. Anhand der bisherigen Funde (Mittel- und Süddeutschland) kann man feststellen, dass im Falle einer Pithosbestattung besonders große Becher mit einer Höhe von ca. 30 bis 55 cm und einem deutlichen Umfang genutzt wurden.

Ebenfalls nachzuweisen ist, dass sowohl unverzierte, schlichte, aber auch verzierte Urnen im Bestattungswesen genutzt wurden, so wie in Ostbevern-Schirl.

Häufig finden sich, auch in frühbronzezeitlichen Gräbern, verschiedene Grabbeigaben, wie Brot, Schmuck, Waffen oder Alltagsgegenstände; bei dieser Pithosbestattung sind jedoch keine Beigaben gefunden worden (Abb. 4). Trotzdem wurde die Bestattung sehr gewissenhaft und liebevoll vorgenommen, ähnlich wie wir es auch aus unserer Gegenwart kennen. Die Pithosbestattung von Ostbevern-Schirl ist ein weiteres Bespiel dafür, dass auch vor knapp 2000 Jahren die Toten mit Respekt und Fürsorge bestattet wurden.

Am Ende dieses Beitrags möchte ich alle Leser und Leserinnen motivieren, sich die tolle Dauerausstellung im LWL-Museum für Archäologie Herne persönlich anzuschauen, denn sie präsentiert Jahrtausende alte Funde auf eine informative und vor allem auch moderne Art und Weise. Ein spannendes Erlebnis ist garantiert! 

 

Sarah Niedzwecki, studentische Praktikantin

 

 

Literaturverzeichnis:

Herring, Beate: Die Gräber der frühen und mittleren Bronzezeit in Westfalen, Mainz 2009.

Stapel, Andrea: Wiege für die Ewigkeit: Die Pithosbestattung aus Ostbevern-Schirl. In: D. Bérenger und C. Grünewald (Hrsg.), Westfalen in der Bronzezeit (Münster 2008), S. 128.

Straßmann, Arno: „Das Volk ist nicht edel, das seine Toten nicht ehrt.“ In: Heimatpflege in Westfalen, 22. Jg., 6/2009.

https://100jahre100funde.lwl.org/de/100-fundeepochen/bronzezeit/020-kinderbestattung/; abgerufen am 21.09.2020.

 

Abbildungsnachweise:

Abb. 1: © LWL-Archäologie Westfalen/ S. Brentführer

Abb. 2: © Andrea Stapel (aus: Westfalen in der Bronzezeit 2008, S. 128, Abb. 1)

Abb. 3: © LWL-Museum für Archäologie/ C. Moors

Abb. 4: © Westfälisches Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte (aus: Neujahrsgruß 1980-1985, S. 52 Abb. 22)

© Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)

Kategorien: Mitarbeiter und Praktikanten · Dauerausstellung

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