Unscheinbar, doch aussagekräftig - Wie Schuhe Leben verändern

02.12.2020

Auf leisen Sohlen betrat ich während des zweiten Corona Lockdowns die menschenleere Dauerausstellung. Meine Schritte hallten von den Wänden. Eine innere Ruhe überkam mich, während ich mir einige der zur Schau gestellten Exponate ansah.

Die Anziehungskraft der Trippe
Bereits am ersten Tag wurde ich gebeten, Fotos von der mittelalterlichen, leicht versteckten „Trippe“ zu schießen. Sie faszinierte mich direkt. Obwohl die Dauerausstellung viele interessante und spannende Objekte für die Besucher*innen bereithält, ließ mich der Gedanke, mehr über mittelalterliche Trippen und ihre damalige Funktion zu erfahren, nicht los.

Definition und Verwendung von Trippen
Der Begriff „Trippe“ stammt von dem mittelniederländischen Wort „trippen“ und bedeutet übersetzt „gehen“ oder „laufen“. Mittelalterliche Trippen gibt es in zwei Arten: Holztrippen und Ledertrippen. Sie dienten als Überschuhe. Während die Ledertrippen vorzugsweise im Haus getragen wurden, schützten die Holztrippen durch ihre Stege den/die Träger*in vor dem Einsinken in schlammigen Böden. Dies war hilfreich, da die meisten Straßen im Mittelalter um 1500 weitestgehend unbefestigt waren. Darüber hinaus erleichterten sie ihren Träger*innen das Laufen auf unbefestigtem Untergrund und schützten die Füße vor Kälte. Zunächst galten sie als ein Statussymbol für die einfache Bevölkerung, erhielten jedoch im 15. Jahrhundert einen Aufschwung und wurden von der adeligen Gesellschaft teilweise aufwendig verziert getragen.

Ein Brunnen in Warburg zeigt sich als tolle Fundstätte
Da Trippen aus Holz oder Leder angefertigt wurden, Materialien die von der Natur über Jahre hinweg zersetzt werden, gibt es nicht viele solcher Funde. Bei dem Exponat aus der Dauerausstellung handelt es sich um ein besonders gut erhaltenes linkes Schuhexemplar aus dem ausgehenden 14. bzw. beginnenden 15. Jahrhundert, welches ungefähr der heutigen Schuhgröße 36/37 entspricht.

  • Abb. 1: Trippe von der Seite in der Vitrine

  • Abb. 2: Trippe von schräg oben fotografiert

Archäologen*innen bargen 1991 diesen hölzernen Unterschuh aus einem Brunnen in der Klockenstraße in Warburg (Kreis Höxter). Dieses Einzelstück ist 24,4 cm lang, hat eine Breite von 9,5 cm und eine Höhe von 9,2 cm. Durch seine leichte Taillierung sowie die nach vorne zulaufend geschnitzte Spitze entspricht dieses Exemplar der damaligen Schuhmode (Schnabelschuhe). Das breite Oberleder umschließt fast den gesamten Schuh und wurde durch die Stanzung in Form eines Herzens in der Mitte verziert.

  • Abb. 3: Aufbau der Trippe/ Ausstanzung (Peine 1993, S. 195 Abb. 172).

  • Abb. 4: Abbruch der Sohle an der Hacke erkennbar

Abb. 5: Arbeit eines Holzschuhmachers (Peine u.a. 1993, S. 196 Abb. 173).

Befestigt wurde das Leder mit einem schmalen, aufgenagelten Eisenband am Sohlenrand. An der Unterseite weist der Schuh die für Trippen typischen Stege auf, die sich unter der Ferse sowie dem Ballen befinden und damit den/die Träger*in vorm Einsinken in den Morast schützen. Einige der Stelzen waren bis zu 8 cm hoch. Zusätzlich besitzt dieses Exemplar an der Unterseite des Schuhs eine metallbeschlagene Spitze. Metallbeschlagene Spitzen dienten wohl zur Verstärkung und erleichterten das Abrollen. Vermutlich handelt es sich hierbei um einen luxuriösen Schuh, da dieser sowohl Reste von Leder und Filz aufweist, als auch Überbleibsel von aufwendigen Ziernähten.

Jasmin Sieberg, studentische Praktikantin

Literaturverzeichnis

Bayerisches Nationalmuseum München; Durian-Ress, Saskia: Schuhe. Vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart, München 1991.

Goubitz, Olaf: Catalogue. In: Stepping trough Time. Archaeological Footwear from Prehistoric Times until 1800. Hg. von Goubitz, Olaf; Van Driel-Murray, Carol; Groenman-van Waateringe, Willy, Zwolle 2001, S. 135-316.

Goubitz, Olaf: Soles. In: Stepping trough Time. Archaeological Footwear from Prehistoric Times until 1800. Hg. von Goubitz, Olaf; Van Driel-Murray, Carol; Groenman-van Waateringe, Willy, Zwolle 2001, S. 73-90.

Niederhöfer, Kai: Mittelalterliche Holztrippen. Überlegungen zur Bedeutung, Chronologie und Typologie. In: Itinera Archaeologica. Vom Neolithikum bis in die frühe Neuzeit (Internationale Archäologie. Studia honoraria Bd. 22). Hg. von Eilbracht, Heidemarie; Brieske, Vera; Grodde, Barbara, Rahden/Westf. 2005, S. 193-206.

Peine, Hans-Werner u.a.: Vorwiegend Alltagssachen. Das Fundgut der Grabungen 1988 bis 1991 im Überblick. In: Ausgrabungen in der Abtei Liesborn. Eine Dokumentation des Westf. Museums für Archäologie. Hg. von dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe; Trier, Bendix, Münster/Westfalen 1993, S. 135-252.

Spiong, Sven; Gaertner-Krohn, Maren: Den Kaufleuten auf die Schuhe geschaut - Ein Paderborner Fundkomplex am Ausgang des Mittelalters. In: Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen. Hg. von Roder, Hartmut; LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum Herne; Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Überseemuseum Bremen, Mainz am Rhein 2008, S.65-72.

Weisgerber, Andreas u.a.: „Schätze“ aus Brunnen und Latrinen. Mittelalterliches Leben in Warburg im Spiegel archäologischer Sachgüter. In: Mittelalterliches Leben an der Klockenstraße. Eine Dokumentation des Westfälischen Museums für Archäologie zu den Ausgrabungen 1991 in der Warburger Altstadt. Hg. von dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Stadt Warburg; Trier, Bendix, Warburg 1995, S. 81-148.


Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: LWL-Museum für Archäologie Herne/ Michael Lagers

Abb. 2: LWL-Museum für Archäologie Herne/ Cornelia Moors

Abb. 3: Peine, Hans-Werner u.a: Vorwiegend Alltagssachen. Das Fundgut der Grabungen 1988 bis 1991 im Überblick. In: Ausgrabungen in der Abtei Liesborn. Eine Dokumentation des Westf. Museums für Archäologie. Hg. von dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe; Trier, Bendix, Münster/Westfalen 1993, S. 195 Abb. 172.

Abb. 4: LWL-Museum für Archäologie Herne/ Cornelia Moors

Abb. 5: Peine, Hans-Werner u.a.: Vorwiegend Alltagssachen. Das Fundgut der Grabungen 1988 bis 1991 im Überblick. In: Ausgrabungen in der Abtei Liesborn. Eine Dokumentation des Westf. Museums für Archäologie. Hg. von dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe; Trier, Bendix, Münster/Westfalen 1993, S. 196 Abb. 173.