Geheime Kultobjekte oder Spielzeug? Geheimnisvolle germanische Terrakotta-Figuren

17.12.2020

Abb. 1: Die sechs germanischen Terrakotta-Figuren aus Dortmund-Mengede (Brink-Kloke/ Pohlmann 2015: 73, Abb. 2)
Abb. 2: Rot umrandet: Dortmund Mengede (Google Maps 2020)

Sechs geheimnisvolle germanische Terrakotta-Figuren (Abb. 1) wurden vor ca. 30 Jahren in Dortmund-Mengede  (Abb. 2) gefunden. Sie stammen aus der Römischen Kaiserzeit (im freien Germanien) und können seit 2003 im LWL-Museum für Archäologie Herne besichtigt werden. Bis heute weiß man allerdings nicht, ob sie eher als Spielzeuge oder Kultobjekte benutzt wurden. Welche Funktion sie auch hatten, wüssten wir mehr über diese, könnten wir vielleicht mehr über mögliche Götterkulte und den Glauben der Germanen erfahren. Diese kleinen Figuren könnten somit eine große Bedeutung in sich tragen.

Abb. 3: Germanisches Tonfigürchen aus Dortmund-Mengede (LWL-Museum für Archäologie Herne/Moors, C.)

Figuren ohne Geschlecht und ohne Gesicht

Die sechs Figuren wurden während der Grabung von 1986 bis 1988 in Dortmund-Mengede von Archäolog*innen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) entdeckt. Sie werden in das 2. oder 3. Jh. n. Chr. datiert und lagen bei der Auffindung zwischen Tonscherben und weiteren Überresten einer germanischen Siedlung. Die Statuetten wurden von einem*r Töpfer*in aus Terrakotta erstellt, einem gebrannten, hellbraunen bis rotbraunen Ton. Ihre Oberflächen wirken sorgfältig geglättet. Sie sind etwa 5 cm hoch, können allerdings nicht stehen und liegen alle auf ihren abgeflachten Rücken (Abb. 3). Fünf der sechs Figuren kreuzen ihre Arme vor der Brust, die andere breitet sie aus. Obwohl sie z.T. nur als Fragmente erhalten sind und keine Gesichtszüge sowie Geschlechtsmerkmale erkennen lassen, hat zumindest eine der Figuren eindeutig eine menschliche Gestalt. Besonders ist außerdem, dass menschliche Tonfigürchen von Germanen bis dato kaum nachweisbar waren, weshalb zunächst hinterfragt wurde, ob es sich um einen römischen Import handeln könnte, was eine Röntgendiffraktionsanalyse (auch: XRD, die XRD-Analyse ist eine chemische und zerstörungsfreie Methode zur Bestimmung der Keramikzusammensetzung) jedoch wiederlegte.

Als die Grabung in Dortmund-Mengede den Bau der Autobahn umleitete

Das Untersuchungsgebiet in Dortmund-Mengede liegt nördlich des Flusses Emscher, in seinem verlandeten Altarm auf einem Ackergelände. Man hoffte dort u.a. Überreste aus der römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. bis ca. 287 n. Chr.) zu finden. Die germanischen Figuren befanden sich in einer Grube eines Siedlungsgebietes zwischen Scherben aus der römischen Kaiserzeit. Aufgrund der Untersuchung des 4.000 m2 großen Forschungsgebietes im Jahre 1986 wurde der Bau einer Autobahn so umgeleitet, dass diese das Gebiet nicht schneiden würde.

Die Bedeutung der Figuren

Weil es kaum schriftliche Überlieferungen über den Glauben der Germanen gibt, könnten diese Gestalten vielleicht weitere Informationen zu diesem liefern. Vergleiche mit anderen Figuren könnten Hinweise liefern.

Ähnliche Terrakotten römischen Ursprungs wurden im thüringischen Frienstedt (Stadt Erfurt) auf einem kaiser- bis völkerwanderungszeitlichen Siedlungsplatz oder an den römischen Militärstandorten Abusina/Eining (Lkr. Kelheim) und Straubing gefunden. Vergleichbare Figuren sind auch aus dem Mittelmeerraum bekannt. Sie wurden dort u.a. als „Zauberpuppen“ benutzt. Die Menschen glaubten an ihre magischen Kräfte und beschworen Liebeszauber herauf oder versuchten juristische Streitigkeiten oder Wettbewerbe zu beeinflussen. Der Glaube an ihre Magie und mögliche Schadenzauber war sogar so stark, dass sie im römischen Reich strafrechtlich verfolgt wurden! Hatten die germanischen Terrakotta-Figuren vielleicht eine ähnliche Funktion wie diese Zauberpuppen? Übernahmen die Germanen vielleicht diesen römischen Glauben?

Abb. 4: Germanische Tonfigürchen aus Dortmund-Mengede, LWL/Egbert (Fischer 2002).

Abgesehen von den Vergleichen könnte jedoch auch die Tatsache, dass die Figürchen nicht stehen können und nur eine der Figuren ihre Arme ausbreitet, für eine rituelle Funktion sprechen. Vielleicht warf man sie und die Art und Weise, wie sie gefallen sind, wurde dann als Orakel interpretiert? Die Figur, die ihre Arme nicht kreuzt, könnte in diesem Fall z. B. eine Schlüsselrolle gespielt haben.

Wenn die Statuetten allerdings Spielzeuge waren, dann könnte es den Menschen wichtig gewesen sein, Kindern damit eine Freude zu machen.

Vielleicht fällt dir beim Besuch im Museum ein neuer Hinweis auf (Abb. 4)!

Vanessa Wicinski (studentische Praktikantin)

 

Literaturverzeichnis

Bendix, T./Isenberg, G. (1992): Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe, Jg. 8a, Mainz: Philipp von Zabern Edition, S. 91-93.

Brink-Kloke, H./Pohlmann, A. (2015): Idol, Opfergabe, Spielzeug? Frühgeschichtliche, tönerne Menschenfigürchen aus Dortmunder Grabungen, in: Reichmann, C./Kronsbein, S./Siepen, M. (Hrsg.), Beiträge zur Archäologie des Niederrheins und Westfalens. Festschrift für Christoph Reichmann zum 65. Geburtstag. Niederrheinische Regionalkunde, Nr. 22, S. 69-76.

Cichy, E. (2015): Germanische Tonfigur, in: Grütter, H. T. (Hrsg.), Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr, Essen: Klartext Verlag, S. 223.

Fischer, Markus (2002): Auf dem Weg ins neue Museum. Spielzeug oder Kultobjekt?
Geheimnisvoller Fund vor 15 Jahren in Dortmund, [online] https://www.lwl.org/pressemitteilungen/nr_mitteilung.php?urlID=13173  (letzter Zugriff: 08.12.2020).

Nolte, H. H. (2011): Römischer Schadenzauber bei den Germanen?in: Archäologisches Korrespondenzblatt, Nr. 41, S. 133-138.

Porat, A. (1990): Kaiserzeitliche Tonfiguren und ihre Interpretation unter Anwendung der Röntgendiffraktionsanalyse, in: Andraschko, F. M./Teegen, W. (Hrsg.), Gedenkschrift für Jürgen Driehaus, Mainz: Philipp von Zabern, S. 69-82.

Spickermann, W. (1995): Götter und Kulte in Germanien zur Römerzeit, in: Franzius, G. (Hrsg.): Aspekte römisch-germanischer Beziehungen in der frühen Kaiserzeit, Vortragreihe zur Sonderausstellung "Kalkriese - Römer im Osnabrücker Land" 1993 in Osnabrück, Quellen und Schrifttum zur Kulturgeschichte des Wiehengebirgsraumes, Reihe B, Bd. 1, Espelkamp: Verlag Marie L. Leidorf, S. 119-154.

 

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Google Maps (letzter Zugriff: 08.12.2020).

Abb. 2: Brink-Kloke/Pohlmann 2015: 73, Abb. 2.

Abb. 3: LWL-Museum für Archäologie Herne/Moors, C.

Abb. 4: LWL/Egbert (Fischer 2002)