29.01.2021

Und es hat zoom gemacht...

Museumspädagogin Sylvia Bachmann mit erhobenem Schwert während einer Online-Führung durch die Römerzeit (c) LWL/Kai Bernhardt

Und es hat zoom gemacht ...

... aber nicht sofort. „1000 mal probiert“ trifft die Entwicklung besser, die unser Team von der Museumspädagogik im Laufe des letzten Jahres zurückgelegt hat. Wie können wir weiter für unser Publikum da sein? Die Antwort lag auf der Hand: Museum nicht mehr nur als umbauten Raum denken ist längst schon Teil unseres digitalen Konzepts, und mit der Pandemie kam in dieses Vorhaben eine ungeahnte Dynamik. Zunächst merkten wir das am steigenden Interesse an unserer Sonderausstellung Pest. Schnell entstanden die ersten Video-Formate für Social-Media und Youtube. Mit dem Winter kam eine erneute Schließung des Hauses. Die Zeit war reif für eine Öffnung unserer digitalen Wege, über die wir die Grenzen des umbauten Raums überwinden und unsere Besucher*innen nun in direktem Austausch über das Format einer Videokonferenz erreichen konnten. Über ein dreiviertel Jahr der Entwicklung hat es dazu gebraucht.

Scharfe Klinge - So ist die Perspektive unserer Museumspädagogin (c) LWL/ Kai Bernhardt

Sind wir anfänglich mit einer Handykamera durch die Ausstellung gegangen, haben wir nun einen gut ausgestatteten Wagen, auf dem ein Rechner mit Kamera und Ausleuchtung fest installiert ist. Unser ganzer Stolz und ein echter Prototyp, der auch Dank der technischen Unterstützung unserer Werkstatt so entwickelt werden konnte! Seither arbeiten wir als Team zu zweit. Ein*e Kolleg*in schlüpft in die Rolle der/ des „Außenreporter*in“ und übernimmt das Filmen mit der Kamera eines Mobiltelefons. Der/ die andere übernimmt die Moderation am Wagen, mit dem weitestgehend dem chronologischen Weg durch unsere Grabungslandschaft gefolgt wird. In 60 Minuten wechseln sich dann Moderation, Außenreportage und Einspielungen von Fotos, Karten oder Kurzfilmen ab.

Das Ergebnis ist für uns alle verblüffend gewesen. Im Dreieck zwischen Publikum und dualer Moderation und Führung ist ein ganz neues Format entstanden, das uns auch als Team bereichert und inspiriert. Arbeiten wir analog überwiegend eher alleine mit Gruppen, spielen wir uns nun die Bälle zu, profitieren von den Herangehensweisen und Erfahrungen des Kollegen oder der Kollegin und dem Austausch mit unseren  Besucher*innen.

Fokus auf die Überbleibsel römischer Sandalen, sog. Caligulae. Und auf eine rekonstruierte Sandale, mit den typischen an der Sohle sichtbaren Nägeln (c) LWL/ Kai Bernhardt
Fundort: (Zeche) Erin. Ein spannender Ort - nicht nur für Industriegeschichte. Welches Tierskelett aus dem spätantiken Handels- und/oder Ritualplatz sehen wir hier? (c) LWL/ Kai Bernhardt

Durch die mobile Kamera können nun auch Objekte in den Fokus einer Führung gelangen, die zuvor nicht einbezogen werden konnten, beispielsweise weil eine größere Gruppe sich an einigen Stellen nicht so versammeln kann, dass alle gut sehen und stehen können. Auf unserem Wagen begleiten uns auch stets einige Handgaben, die wir normalerweise im Rahmen der museumspädagogischen Programme zeigen und nun dem/der Betrachter*in im wahrsten Sinnes des Wortes über die Kamera bis in den häuslichen Raum nahebringen können. Es gibt also in der visuellen Wahrnehmung durchaus Vorteile. Überhaupt lassen sich in einer Videokonferenz fast alle Sinne ansprechen mit aktivierenden Elementen wie “ Kamera aus, Hörrätsel an“, „Hand an den eigenen Kopf und den Unterschieden von Homo sapiens und Neandertaler auf die Spur kommen“ oder „Was Salz alles kann - ein Experiment.“

In diesen außergewöhnlichen Zeiten, in denen die Not erfinderisch macht, haben wir erleben dürfen, dass dieses Angebot der Bildung und Kultur nicht nur eine spannende Erfahrung für jeden Einzelnen ist, sondern in der Gemeinschaft wahrgenommen wird und darüber hinaus vielfältige Kontakte ermöglicht. Nicht zu vergessen, wie eine Seniorin zugeschaltet war, deren Enkeltochter in Kiel, der Bruder in München und ein anderer Verwandter in Gießen saßen, und sie ganz beglückt sagte: „Wie schön, dass ich euch sehen kann und wir so etwas gemeinsam erleben können!“ Oder die zahlreichen internationalen Gruppen, die wir auf einmal begrüßen können und bei dem wir nun auch unsere Fremdsprachenkenntnisse einsetzen können. Wir erinnern uns zum Beispiel gerne an Schaltungen aus der Ukraine und aus Brasilien! Kurzum: es hat zoom gemacht - ein Format mit Zukunft ist entstanden und kann auch künftig Menschen über Herne, das Ruhrgebiet und Deutschland hinaus erreichen!

Sylvia Bachmann

Der digitalen Vermittlung sind kaum Grenzen gesetzt. Ob Museumspädadoge Kai Bernhardt hier Wirklichkeiten in Wirklichkeiten abbilden wollte? (c) LWL/ Kai Bernhardt

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