18.08.2021

Das Rätsel „Stonehenge“, LWL-Chefarchäologe Prof. Dr. Michael Rind im Interview

Prof. Dr. Michael Rind vor zwei Repliken in Originalgröße beim Aufbau in der Sonderausstellungshalle. Die Dimension der Steine ist zu erkennen. (Bild: LWL/T. Malter)

Ab dem 23. September bringt das LWL-Museum für Archäologie Stonehenge nach Herne. Dank der zehn Meter hohen Ausstellungshalle entsteht am Europaplatz in Herne die europaweit erste Rekonstruktion des berühmten englischen Steinkreises in Originalgröße. Unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Rind decken Archäolog:innen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in der neuen Sonderausstellung bisher unbekannte Parallelen zu westfälischen Kulturlandschaften mit Megalithgräbern und Grabenwerken auf.

Carolin Steimer: Für die, die Stonehenge noch nicht kennen: Welche Bedeutung hat der englische Steinkreis?
Michael Rind: Stonehenge ist für die Prähistorie Europas von allergrößter Bedeutung. Es ist ein Monument, das in dieser Form nur ein einziges Mal existiert. Es gibt natürlich weitere Beispiele für Steinkreise auf den britischen Inseln, aber keiner dieser Kreise ist so gebaut wie Stonehenge, keiner hat eine so lange Geschichte, keiner kann verbunden werden mit der Entstehung einer rituellen Landschaft über Jahrhunderte hinweg.

Carolin Steimer: Was heißt „rituelle Landschaft“?
Michael Rind: Die rituelle Landschaft ist der Kern unserer Ausstellung. Wir wollen nicht Stonehenge als zentrales Monument allein präsentieren, sondern es geht darum zu zeigen, wie eine ganze Kulturlandschaft sich entwickelt und wie Stonehenge als Höhepunkt dieser Entwicklung gebaut und immer wieder auch umgebaut worden ist.

Letztlich wollen wir zeigen, dass der Mensch schon lange vor der Industrialisierung Landschaft entscheidend verändert und geprägt hat. Wie das aussah, in einer Zeit, als es noch keine schriftlichen Überlieferungen gab, davon legt die Archäologie Zeugnis ab.
Rituell ist diese Landschaft deshalb, weil sie vor allem von religiös motivierten Handlungen geprägt war. Ähnliche Zeugnisse einer tausende Jahre alten Kulturlandschaft finden sich auch bei uns in Westfalen.

Carolin Steimer: Wie kam es zu einer Sonderausstellung zu Stonehenge im Westfälischen Landesmuseum für Archäologie?
Michael Rind: Auch in Westfalen werden, wie in der Landschaft von Stonehenge, Monumente errichtet, die die Landschaft dauerhaft markieren und Erinnerungsorte schaffen. In Westfalen wurden Megalithgräber schon 3500 v.Chr. – also 1.000 Jahre vor Stonehenge – aus großen Steinen errichtet. Beide gehören aber letztlich zum selben Phänomen des Bauens mit großen Steinen, das über weite Teile Europas, aber in unterschiedlicher regionaler Ausprägung, zu finden ist.

Parallelen gibt es auch bei der Errichtung von Graben- und Erdwerken, die in beiden Landschaften gleichzeitig auftreten. In Westfalen sehen sie ähnlich aus wie um Stonehenge. Da lassen sich direkte Parallelen zum englischen Monument ziehen, auch was Logistik und Arbeitsaufwand anbelangt. Außerdem hatten die Grabenwerke ähnliche Funktionen. Es wurden rituelle Feste gefeiert und Erinnerungs- bzw. Gedenkorte geschaffen, die jahrhundertelang genutzt worden sind.

Ein großer Unterschied ist aber, dass sich in Stonehenge die Steinzeitarchitektur bis heute ganz offen in der Landschaft zeigt. In Westfalen muss man schon genauer hinschauen: Hier verstecken sich die Reste der prähistorischen Anlagen im Boden, sind oft nur noch als Verfärbungen zu identifizieren. Oder sie sind größtenteils zerstört, wie viele Megalithgräber, deren Überreste man nur noch mühsam durch gezielte Ausgrabungen erforschen kann, so wie zum Beispiel in Erwitte-Schmerlecke im Kreis Soest.

Die großen Sloopsteene in Lotte im Kreis Steinfurt, das besterhaltene Megalithgrab Westfalens (Bild: LWL/L. Klinke)

Carolin Steimer: Wo kann man ansonsten solche Orte in Westfalen heute noch sehen?  
Michael Rind: In Westfalen gibt es einige spannende Orte in der Landschaft zu entdecken, die uns mitnehmen auf eine Reise zurück in die Jungsteinzeit. Dazu gehören die Großen und Kleinen Sloopsteene in Lotte im Kreis Steinfurt, erstere das besterhaltene Megalithgrab Westfalens. Auch die Düwelsteene bei Heiden im Kreis Borken sind eine Reise wert. Wer sich die Galeriegräber Ostwestfalens anschauen möchte, fährt am besten ins Altenautal bei Paderborn. Hier sind noch fünf Gräber in nur sieben Kilometer Entfernung zueinander erhalten: Lichtenau-Atteln I ist teilrekonstruiert, von Atteln aus hat man einen fantastischen Fernblick. Zu bedenken ist aber, dass viele dieser Anlagen früher ein ganz anderes Erscheinungsbild in der Landschaft hatten: so waren die meisten Steingräber von einem Hügel überdeckt und vermutlich begrünt.

Carolin Steimer: Wieso arbeiten Sie bei der Ausstellung mit Kolleginnen und Kollegen aus Wien zusammen?
Michael Rind: Im LWL-Archäologiemuseum widmen wir uns immer wieder globalen kulturgeschichtlichen Themen. Die LWL-Archäologie für Westfalen, zu der auch das Museum gehört, kooperiert schon seit längerem mit dem Ludwig Boltzmann Institut für archäologische Prospektion und virtuelle Archäologie, kurz LBI ArchPro, in Wien. Anlass für uns war der Plan einer eigenen Prospektionsabteilung, also einer Abteilung, die mit geophysikalischen Messmethoden archäologische Befunde im Gelände aufspürt, ohne dass sie dafür ausgegraben werden müssen. Das LBI ist europaweit führend auf dem Gebiet und der ideale Ansprechpartner. Seit 2018 können wir Bodendenkmäler nun selbst zerstörungsfrei mittels geomagnetischer und hochauflösender Radar-Messungen unter der Erde dokumentieren.

Gleichzeitig zu diesen Planungen hat das LBI ArchPro archäologische Untersuchungen rund um Stonehenge durchgeführt. Aus dem Forschungsprojekt „Stonehenge Hidden Landscapes“, zu deutsch: Stonehenge versteckte Landschaften, ist eine Ausstellung in Österreich entstanden, die sehr erfolgreich war. Diese Ausstellung bringt die LWL-Archäologie für Westfalen nun nach Herne – ergänzt um die 1:1-Rekonstruktion, Perspektiven auf die Kulturlandschaft Ruhrgebiet und Westfalen-Lippe sowie aktuelle Forschungsergebnisse des LBI, die erst im vergangenen Jahr weltweit für Furore sorgten.

Zum Interviewpartner
Prof. Dr. Michael Rind ist seit 2009 Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen und damit der Landesarchäologe in Westfalen. Zur Archäologie des LWL gehören neben der archäologischen Bodendenkmalpflege für Westfalen-Lippe auch die drei archäologischen Museen des LWL in Herne, Haltern und Paderborn.
Seit 2015 ist Rind Vorsitzender des Verbandes der Landesarchäologen, seit September 2013 gehört er dem Vorstand des Deutschen Verbandes für Archäologie (DVA) an. Seit 2017 ist er Ordentliches Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts.

Hier geht es zur Homepage der Sonderausstellung

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