11.08.2021

Von Bronzeeimern und Bärenkrallen – eine eisenzeitliche Bestattung aus dem Kreis Minden-Lübbecke

Der traditionelle Blogeintrag aller Praktikant:innen im LWL-Museum für Archäologie Herne zu einem besonderen Stück der Ausstellung ist eine Aufgabe, auf die ich mich sehr gefreut habe. Schließlich haben sich schon viele, die hier Erfahrungen in Sachen Museumsarbeit sammeln durften, in diesem Blog verewigt. Nun bin also ich an der Reihe. Allerdings fiel mir dann die Auswahl eines passenden Stückes schwerer als gedacht. Die vorrömische Eisenzeit, also der Abschnitt der Eisenzeit, in dem der Einfluss des römischen Imperiums noch nicht spürbar ist, interessiert mich sehr. Direkt neben den “Damen von Ilse”, die leider bereits zuvor bearbeitet worden sind, fand ich dann die “Dame von Döhren”. Die Vitrine ist an der Wand angebracht und neben den in den Boden eingelassenen Vitrinen der „Damen von Ilse” eher unauffällig. Deshalb möchte ich sie nun hier in diesem Rahmen näher vorstellen.

Abb.1 Die Urne © LWL/C. Moors

Im Spätherbst 1978 entdeckte ein 10 Jahre alter Junge beim Absuchen einer bereits abgezogenen Fläche im Bereich der Sandgrube bei Döhren (Petershagen, Kr. Minden) ein Bronzegefäß. Eine Nachbarin informierte die zuständige Behörde. Das Gelände der Sandgrube war der Denkmalpflege bereits seit den 1960er Jahren bekannt. Immer wieder wurden hier bei Baggerarbeiten Funde aufgedeckt. Direkt am nächsten Tag begann die bereits länger geplante offizielle Untersuchung der Fläche.

Das Grab

Das Grab war tief in den Boden eingebracht worden. Die Urne stand aufrecht. Ursprünglich befand sich wohl über dem Grab ein Hügel aus Sand, vielleicht war es aber auch in eine Sanddüne eingegraben worden.

Das Grab lag in einer kleinen Gruppe von mindestens 21 weiteren Bestattungen der vorrömischen Eisenzeit. Diese sind allerdings jünger als das Grab 55 der “Dame von Döhren”, das auf 500 - 300 v. Chr. datiert wird. Weitere Bestattungsareale befanden sich in der Nähe.

Abb. 2 Zeichnung der Situla und der Eisenklammern (Günther 1981, 53 Abb.3)

Die Situla

Als Urne wurde ein Bronzeeimer verwendet, der in der Forschung auch als “Situla” bezeichnet wird.Das Gefäß ist 22 cm hoch, hat einen Randdurchmesser von 17,5 - 18 cm und einen Bodendurchmesser von 15,5 cm.An der Gefäß-Schulter, der weitesten Stelle, beträgt der Durchmesser 21,5 cm.

Der Gefäßkörper ist aus einem Stück Bronzeblech gearbeitet worden.

Abb. 3, Die Beschädigung am Rand der Situla im Röntgenbild (Günther 1981, 54 Abb. 6)

Die Treibspuren sind gerade im Inneren und am Boden noch deutlich erkennbar. Das Blech wurde 1,7 cm überlappend gelegt. 7 Nieten wurden von innen eingesteckt und außen beinahe rechteckig plattgeschlagen.

Der obere Rand wurde über einen Ring aus Blei gebördelt (gefaltet). An einer Stelle ist dieser gebrochen und durch einen Bronzestab ersetzt worden.

Eine Flickstelle und eine leichte Rauhung der Oberfläche im Bereich der Henkelösen deuten darauf hin, dass die Urne lange in Benutzung war.

Die Form der Situla wird als “rheinisch-tessinischer Typ” bezeichnet. Das Stück aus Döhren könnte sowohl im südalpinen Raum als auch im Mittelrheingebiet hergestellt worden sein. Für eine Herkunft aus dem südalpinen Raum spricht die Randverstärkung aus Blei, für eine Fertigung am Mittelrhein die gedrungene Form des Gefäßkörpers und die schlichte Verzierung. Im Weserraum wurden weitere Bronzegefäße wie Situlen als auch Rippenzisten gefunden, die ebenfalls nicht lokal/regional hergestellt worden sind. Aus NRW sind insgesamt vier bekannt. 

Die Eisenklammern

Neben dem menschlichen und tierischen Leichenbrand befanden sich in der Urne drei Eisenklammern. Diese waren vielleicht in einer Art Totenbett oder einem Gestell aus Holz verbaut, dass ebenfalls mit verbrannt wurde.

Abb. 6 Gewebereste am Gefäßboden der Situla (Tidow 1981, 73 Abb. 2)

Die Gewebereste

Die Gewebereste, die sich an der Urne nachweisen lassen, stammen von mindestens einem Stück Wollstoff, in das die Urne eingewickelt war. Bislang ist leider nur wenig über Stoffe der vorrömischen Eisenzeit nördlich des LaTène - Raumes bekannt.

Abb. 7 Bärenkralle © LWL/C. Moors

Die Bärenkrallen

In der Urne befanden sich neben dem menschlichen Leichenbrand vier Bärenkrallen. Diese deuten darauf hin, dass im Laufe der Bestattung ein Bärenfell verwendet worden ist, denn es fanden sich Krallen von unterschiedlichen Tatzen. Vielleicht diente es als Leichentuch oder Unterlage. Dass Bärenfelle in der Bestattungszeremonie eine Rolle spielten, ist für die jüngere vorrömische Eisenzeit und die römische Kaiserzeit bekannt. Bärenfelle finden sich vor allem in tendenziell reichhaltiger ausgestatteten Gräbern von Männern. Dabei ist zu beachten, dass die Gräber dieser Zeit im fraglichen Raum generell eher wenig Objekte enthalten und diese wenigen durch die Hitzeeinwirkung bei der Verbrennung des Leichnams stark beschädigt sind.


  • Abb. 4, Boden der Situla mit Bearbeitungsspuren ( © LWL/C. Moors)

  • Abb. 5 Henkelöse und Henkel © LWL/C. Moors

  • Abb.6 Verzierter Beschlag mit Henkelöse © LWL/C. Moors

Wer war die Person aus Grab 55?

Wer war nun die Person, die um 500 - 300 v. Chr. in der Region Petershagen-Döhren in diesem von weit entfernt in die Region importierten und lange verwendeten Gefäß bestattete wurde?

Die wissenschaftliche Untersuchung des Leichenbrandes ist aufgrund der Hitzeeinwirkung und der geringen Größe der Knochensplitter schwierig. Die dünnwandigen und reliefarmen Schädelknochen sind aufgrund der starken Zersplitterung nicht geeignet, das Geschlecht der Person festzulegen. Die Bestimmung des biologischen Geschlechts durch die Zahnanalyse ist in der Regel sehr sicher, im Fall der Person aus Grab 55 allerdings nicht zweifelsfrei. Aufgrund der Abmessungen der Zähne und Zahnwurzeln wurde das biologische Geschlecht der Person als weiblich bestimmt. 

Wenn ich die Person im Folgenden als weiblich bzw. Frau bezeichne, dann geschieht dies im Wissen, dass sich die Identität eines Individuums archäologisch schwer fassen lässt.

Das Alter der Frau wurde entsprechend der bereits geschlossenen Wachstumsfugen und der noch nicht verstrichenen Knochennähte zwischen 20 - 40 Jahren angesetzt.

Sie war wohl eine Frau aus der Region. Für die Archäologie heißt das in diesem Fall sie stammt aus dem Einflussbereich der sogenannten Nienburger-Gruppe oder auch der Weser-Aller-Gruppe. Westfalen war in der Eisenzeit wohl sehr heterogen gegliedert und die Archäologie hat Schwierigkeiten, einzelne Gruppen herauszuarbeiten. Am besten funktioniert das dort, wo verschiedene Einflüsse sichtbar werden, denn die Gräberfelder der regionalen Bevölkerung wurden selten mit vielen Objekten ausgestattet, anhand derer man archäologische Gruppen fassen könnte.

Sie wurde in einer bereits damals uralten Situla bestattet, die auch schon deutliche Gebrauchs - und Alterungsspuren aufwies. Dennoch war das Gefäß aufbewahrt worden. Das sorgfältige Verbrennen der Leiche auf einem Totenbett/Totengestell mit einem Bärenfell als Unterlage oder als „Leichentuch“ kann darauf hindeuten, dass die Frau zusätzlich durch das Bestatten in einem besonderen Gefäß ausgezeichnet oder geehrt wurde. Die Urne war dann darüber hinaus in mindestens ein Stück Stoff eingewickelt. Textilien waren arbeitsintensiv in der Herstellung - insbesondere wenn die Färbung ebenfalls arbeitsaufwendiger war. Das Bärenfell, in das der Körper der Verstorbenen vielleicht eingehüllt worden war kann ebenfalls darauf hindeuten, dass die Person eine wichtige Rolle in der Gemeinschaft inne hatte - dass sich sonst keine Beigaben erhielten, wäre vor dem Hintergrund der regionaltypisch eher wenig reichhaltigen Gräber nicht ungewöhnlich. Vielleicht ist dies ein Hinweis auf eine “Elite” sozioökonomisch gut gestellter Hofbesitzer:innen.

Eine andere mögliche Erklärung könnte sich aus der Region selbst ergeben. Das mittlere Wesergebiet stand sowohl mit dem Hallstatt/LaTène - Raum als auch mit den Gruppen des Jastorf-Kreises im Norden in Verbindung und empfing auch aus den deutschen Mittelgebirgen Impulse. Das vermehrte Vorkommen importierter Gefäße im Bereich der mittleren Weser sowie die auch durch die früher zu datierenden “Frauen von Ilse” angedeuteten Beziehungen in andere Regionen ist auffällig.

Es ist gut möglich, dass es im Bereich der wichtigen Verbindungen entlang der Weser Personengruppen gab, die durch Handel, Austausch und Kontakte zu Wohlstand und Einfluss kamen. Aus dem Süden, dem Hallstatt - und LaTène - Raum kennt die Forschung einige auffällige Frauenbestattungen, die darauf hindeuten, dass Frauen aktiv an Austausch - und Kontaktsystemen beteiligt waren,. Sie waren auch in den Gemeinschaften geachtete Persönlichkeiten mit Macht und Einfluss.

Über die sozialen Strukturen innerhalb der brandbestattenden Gruppen im Norden Mitteleuropas wissen wir noch vergleichsweise wenig. Es ist aber durchaus denkbar, dass auch die “Frau von Döhren” eine besondere Rolle innerhalb ihrer Gemeinschaft innehatte und mit anderen Regionen in Kontakt stand. 

Der uns erhaltenen Fund mit seinen Hinweisen auf die Besonderheit der bestatteten Person weckt Neugier und Hoffnung auf weitere Entdeckungen, die uns Erklärungen bieten und die Menschen dieser Zeit und Region besser verstehen lassen.

Ida Paul (studentische Praktikantin).

 

Literatur:

K. Günther, Ein Situla-Grab an der mittleren Weser bei Döhren, Stadt Petershagen, Kreis Minden-Lübbecke. In: K. Günther (Zus.), Beiträge zur vorrömischen Eisenzeit in Ostwestfalen. Bodenaltertümer Westfalens 18 (Münster 1981) 46-62.

K. Tidow, Gewebereste an einer Bronzesitula aus Döhren, Stadt Petershagen, Kreis Minden-Lübbecke. In: K. Günther (Zus.), Beiträge zur vorrömischen Eisenzeit in Ostwestfalen. Bodenaltertümer Westfalens 18 (Münster 1981) 72-75.

U. Drenhaus/Huyer/Theilmeier, Der Leichenbrand aus einer Bronzesitula vom vorgeschichtlichen Gräberfeld in Döhren, Stadt Petershagen, Kreis Minden-Lübbecke. In: K. Günther (Zus.), Beiträge zur vorrömischen Eisenzeit in Ostwestfalen. Bodenaltertümer Westfalens 18 (Münster 1981) 63-71.

Elisabeth Schmid, Die Bärenkrallen aus dem Leichenbrand der Bronze Situla vom vorgeschichtlichen Gräberfeld in Döhren, Stadt Petershagen, Kreis Minden-Lübbecke. K. Günther (Zus.), Beiträge zur vorrömischen Eisenzeit in Ostwestfalen. Bodenaltertümer Westfalens 18 (Münster 1981) 76-78

J. Brandt-B. Rauchfuß (Hrsg.), Das Jastorf-Konzept: Und Die Vorrömische Eisenzeit Im Nördlichen Mitteleuropa : Beiträge Der Internationalen Tagung Zum Einhundertjährigen Jubiläum Der Veröffentlichung "Die ältesten Urnenfriedhöfe Bei Uelzen Und Lüneburg" durch Gustav Schwantes 18.-22.05.2011 in Bad Bevensen. (Hamburg 2014) 

D. Bérenger, Die Gliederung der Gemeinschaft - Zur Sozialstruktur der Eisenzeit. In: J. Gaffrey/E.Cichy/M.Zeiler(Hrsg.), Westfalen in der Eisenzeit. (Münster 2015). 55-58.

R. Gleser, Handel und Kontakt in der Eisenzeit. In:J. Gaffrey/E.Cichy/M.Zeiler(Hrsg.), Westfalen in der Eisenzeit. (Münster 2015). 147-151.

Kategorie: Blog LWL-Landesmuseum-Herne

Schlagworte: Textilien · Geschlechterrollen · Handelsbeziehungen · Archäologie · Situla · Bestattungsritus · Eisenzeit · Bestattung · Bärenfell