10.08.2021

Mehr als nur Kulisse – Wie baut man Stonehenge im Maßstab 1:1? (Stonehenge - Blick in den Aufbau Teil II)

Das Modell bei der Firma Accentform als Grafik am Rechner (Bild: Accentform)

Man nehme:

  • Eines der berühmtesten archäologischen Denkmale der Welt
  • Eine möglichst große Ausstellungshalle (mind. 20 m x 40 m x 10 m)
  • Finanzmittel (viel hilft viel)
  • Modernste Technik zur Erfassung und Bearbeitung von 3D-Daten
  • Mehrere CNC-Fräsen (möglichst groß)
  • Styropor (100 Kubikmeter sind schon mal ein guter Anfang)
  • Diverse Mittel und Stoffe zur Grundierung und Beschichtung
  • Industrieklebstoffe
  • Sand in verschiedenen Farben und Körnungen
  • Wasserbasierte Sprühfarben und Lacke
  • Holzplatten
  • Schrauben (möglichst dick und lang)
  • Lagerplatz (möglichst viel)
  • Transporter und Anhänger
  • Motiviertes, kompetentes und gut gelauntes Fachpersonal (kann man nie genug haben!)

Man mische alles gründlich und tadaaa: Fertig ist Ihr 1:1-Nachbau von Stonehenge!

Naja, gut, ganz so einfach ist es bei einem Bauwerk mit einem Durchmesser von ca. 20 m und einer Höhe von bis zu 7 m nicht. Die Zutaten stimmen zwar, aber das Mischverhältnis und die Arbeitsschritte sind in einer geheimen Formel niedergelegt. Als exklusiver Service für unser treues und wundervolles Publikum möchte ich mich aber als Whistleblowerin betätigen und hier sowie in einem folgenden Beitrag davon berichten. Auf geht’s zum Grundkurs „Modellbau 1:1“!

Grafische Gestaltung der Halle mit den 1:1 Repliken von Stonehenge (Grafik: E. Woschitz)

Der Plan für unseren Stonehenge-Nachbau entsteht

Am Anfang einer guten Geschichte steht meist eine verrückte Idee. In diesem Fall die Idee: „Lasst uns Stonehenge im Originalmaßstab in unsere Ausstellungshalle in Herne stellen!“ Klingt erst mal nach einem Einfall, den Archäolog:innen nur nach einer Ale-seeligen Nacht in einem englischen Pub haben können. Wie sich das Entstehen der Idee tatsächlich zugetragen hat, ist nicht überliefert. Fest steht: Die Machbarkeit wurde durchdacht, kalkuliert, ihre Umsetzung wurde beantragt und schließlich wurde die Idee Realität. Möglich war das unter anderem, weil die Sonderausstellungshalle unseres Museums mit einer Breite von 20 m, einer Länge von 40 m und einer Höhe von über 10 m Dimensionen hat, die kaum eine andere Ausstellungshalle archäologischer Museen in Deutschland bieten kann. Eine seltene Gelegenheit also, ein Monument im Originalmaßstab auszustellen. Möglich war es auch, weil die erforderlichen Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden konnten. Und nicht zu Letzt war es natürlich vor allem deshalb möglich, weil viele Menschen in einem rund ein Jahr dauernden Prozess ihr Bestes in ihrem Job gaben.

  • Visualisierung der 3-D-Daten von Stonehenge, die als Grundlage für die Produktion der 1:1 Repliken dienten (LBI/G.Verhoeven)

  • Aus den 3-D-Daten auf dem Bildschirm produziert die CNC-Fräse die Bauteile für die Steinreplik (Bild: Accentform)

  • Ein erstes Muster für den Nachbau der Repliken (Bild: LWL/T. Malter)

Um einen detailgetreuen Nachbau eines Dings (egal wie groß es ist und welche Struktur es hat) produzieren zu können, braucht man zunächst einmal möglichst genaue 3D-Daten des Dings. Stonehenge wurde mit spezieller Kameratechnik dreidimensional aufgenommen und die so gewonnen virtuellen Bilder dienten als Grundlage für die Produktion der Repliken. Da selbst unsere Halle nicht groß genug für das ganze Stonehenge ist, entwickelte der Gestalter der Ausstellung, Erich Woschitz (Zum Interview mit Erich Woschitz in unserem BLOG), einen Plan, der die Aufstellung des inneren Steinkreises in seinen originalen Dimensionen erlaubte. Stonehenge besteht aus mehreren Kreisen von Sarsen (Sandsteinen) und Blausteinen (vulkanisches Gestein). Die Sarsen in seinem Zentrum sind zu sogenannten Trilithen angeordnet: zwei Tragsteine stützen jeweils einen Deckstein. Die Trilithen bilden eine Hufeisenform, in deren Innerem weitere, kleine Blausteine aufgestellt sind. Insgesamt 17 Steine (4 Blausteine und 13 Sarsen) mussten somit für die Ausstellung nachgebaut werden. Um den äußeren Steinkreis rund um das Hufeisen anzudeuten, wurden außerdem vier Reliefs produziert, also gewissermaßen Ausschnitte aus vier Sarsen des äußeren Steinkreises, die auf der Außenseite der Projektionswand in der Halle angebracht werden und so wie beim Original das Zentrum von Stonehenge abschirmen.

Gemisch aus Sandkörnern für die Beschichtung der Repliken (Bild: Accentform)

Einmal Stonehenge zum Anfassen bitte! – Wer baut die detailgetreuen Repliken?

Für den Bau unserer Stonehenge-Kopie brauchten wir natürlich Profis. Aus einer großen öffentlichen Ausschreibung mit vielen interessanten Ideen und Angeboten ging schließlich die Firma Accentform aus Nienstädt (Niedersachsen) als Gewinner hervor. Accentform ist eine Modellbaufirma, die unter anderem Gießereimodelle, Sonderanfertigungen für Ausstellungen, Messebauten, Sportevents und Promotions sowie Serienteile – etwa für den Karosseriebau – fertigt. Ihr Vorschlag und vor allem das eingereichte Muster überzeugten das Projektteam. Stonehenge sollte im Kern ein Styroporhenge werden – aber mit einer Oberfläche, die nicht nur wie Stein aussieht, sondern sich auch so anfühlt! Schließlich ist der Nachbau weit mehr als nur eine Kulisse. Er soll die Monumentalität und die Wirkung von Stonehenge möglichst naturgetreu erfahrbar machen. Während es beim Original nur an zwei Tagen im Jahr (zur Sommer- und zur Wintersonnenwende) erlaubt ist, den Steinkreis zu betreten und direkt unter den riesigen Sarsen zu stehen, wollen wir dieses Erlebnis unseren Besucher:innen ein ganzes Jahr lang ermöglichen. Nur so können die beeindruckenden Dimensionen des Bauwerks im wahrsten Sinne des Wortes begreiflich gemacht werden.

Der Vergleich zeigt, dass das Muster sehr nah am Original (links unten) ist. (Bild: Accentform)

Unser Auftrag an Accentform war also zugegebenermaßen anspruchsvoll: Bitte einmal 17 Steine plus vier Reliefs von Stonehenge im Maßstab 1:1 (zentimetergenau, wenn’s geht) mit täuschend echter Optik und Haptik, statisch absolut sicher und möglichst leicht. P.S.: Unsere Halle ist zwar groß genug für die „Steine“, aber die Wege zu unserer Halle sind es leider nicht, daher müssen die Steine in Teilen angefertigt und angeliefert sowie in der Halle zusammengebaut werden. Die dabei entstehenden Fugen sind natürlich möglichst zu kaschieren.

Wie hat Accentform diese Herausforderung gemeistert? Wie lief der Fertigungsprozess ab, wie konnte der Aufbau bewerkstelligt werden, wie wurde die Illusion von echten Steinen perfektioniert? So viel kann ich Ihnen schon verraten: Trotz unserer modernen Mittel und Techniken war der Nachbau des Monuments alles andere als einfach. Alle Beteiligten haben dabei gelernt, die enorme Leistung, die die Menschen vor rund 5000 Jahren beim Bau des Originals erbracht haben, noch mehr zu würdigen. Im nächsten Teil unseres Grundkurses „Modellbau 1:1“ werde ich die Geheimnisse hinter unseren Repliken „leaken“. Vorausgesetzt, man ist mir bis dahin nicht auf die Schliche gekommen. Bleiben Sie dran!

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