Der Apostel auf dem Acker

28.08.2026 Tim Truschel

Als ich während meines sechswöchigen Praktikums im LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne die Aufgabe erhielt, mir ein Lieblingsexponat für einen Blog-Eintrag auszusuchen, war ich zunächst ratlos. Angesichts der schieren Menge an Exponaten schien es zunächst alles andere als leicht, mich auf ein bestimmtes Objekt festzulegen.

Doch als ich zum wiederholten Male durch die Dauerausstellung ging und Schwerter, Steinwerkzeuge oder verschiedenste Münzen betrachtete, betrat ich schließlich einen Raum, der einer Kirche nachempfunden ist. Neben dem sofort ins Auge fallenden Abendmahlskelch oder den zahlreichen Schalltöpfen in den Wänden blieb mein Blick an einer etwa 10 cm großen Figur hängen.

Abb. 1: Die ausgestellte Petrusfigur (Frontansicht), Foto: LWL-MAK Herne, T. Truschel.

Ein genauerer Blick in die Vitrine verriet mir, dass ich den Apostel Petrus vor mir hatte, den „Wächter der Himmelspforte“. Petrus kannte ich bis dato vor allem von Darstellungen, die ich im Zuge einer theologischen Grundlagenvorlesung zu Gesicht bekam. Meist wurde er dort mit langem weißem Bart und Tonsur dargestellt, anstatt, wie beim vorliegenden Exponat, mit mutmaßlich vollem Haar und Bart. Die Figur weist sich jedoch durch die Gegenstände in ihren Händen, einen (schlecht erhaltenen) goldenen Schlüssel und ein Buch bzw. eine Schriftrolle, als den wohl prominentesten Vertreter des Jüngerkreises rund um Jesus von Nazareth aus.

Abb. 2: Emailbeschlag des heiligen Petrus aus Attendorn, Foto: LWL-Archäologie für Westfalen, T. Poggel.

Die biblische Figur Petrus – vom Fischer zum Apostel

Die folgenden Informationen über Petrus stammen vollständig aus den biblischen Überlieferungen und beruhen auf den entsprechenden Bibelstellen.

 Petrus‘ eigentlicher Name war Simon oder Symeon (Lk 5,3). Sein späterer, wohl von Jesus verliehener Beiname Petrus kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Stein“ oder „Fels“. Petrus und sein Bruder Andreas waren von Beruf Fischer und lebten bis zu ihrer Berufung durch Jesus in Kafarnaum am Ufer des Sees Genezareth (Mk 1,16). Das Markusevangelium deutet an, dass er verheiratet war (Mk 1,30). Zusammen mit seinem Bruder gehörte Petrus neben Jakobus dem Älteren und dessen Bruder Johannes zu den Erstberufenen der zwölf Apostel. Laut des Neuen Testaments trat er regelmäßig als Sprecher der Jünger auf und schien, neben dem „Lieblingsjünger“ Johannes, einer der engsten Vertrauten Jesus gewesen zu sein. Dennoch verleugnete er Jesus nach dessen Festnahme dreimal und stritt ab, zum Jüngerkreis dazuzugehören. Gleichwohl scheint er der erste Mann gewesen zu sein, dem sich der auferstandene Jesus offenbarte (Lk 24,34).

Petrus als zentrale Figur des frühen Christentums

Historisch sind keine schriftlichen Zeugnisse des Petrus überliefert. Dennoch gilt er als prägende Gestalt der Jerusalemer Urgemeinde und damit als eine zentrale Figur des frühen Christentums. Nicht zuletzt deshalb fiel meine Wahl schließlich auf die Petrusfigur.

Nachdem der Apostel Jakobus die Tätigkeit des Gemeindesprechers in Jerusalem übernahm, widmete Petrus sein restliches Leben der Missionierung. Sowohl über seine Reisen als auch seinen angeblichen Märtyrertod in Rom gibt es keine belegbaren Quellen. Bis heute ist sowohl wissenschaftlich als auch konfessionell stark umstritten, ob Petrus sich überhaupt jemals in Rom aufhielt. Die früheste außerbiblische Quelle, der Erste Clemensbrief (vermutlich um 100 n. Chr. verfasst), wird häufig als Zeugnis für den Aufenthalt und den Tod des Apostels in Rom gedeutet.

Der Philologe Otto Zwierlein datiert den Ersten Clemensbrief deutlich später als traditionelle Ansätze, etwa auf 125 n. Chr. Zudem spricht sich Zwierlein sowohl gegen die Deutung als Beleg für einen Romaufenthalt des Petrus als auch gegen die traditionelle grammatische Interpretation des Briefes aus. Kirchenhistoriker wie Wolfram Kinzig widersprechen Zwierleins Argumentation mit der Begründung, die Märtyrerverehrung von Paulus und Petrus wäre stets mit der römischen Hauptstadt verbunden gewesen. Laut dieser Auslegung gäbe es auch keinen Grund Rom als Hinrichtungsort anzuzweifeln. Kinzig räumt trotzdem ein dass sowohl die Beweislage dünn als auch der Hinrichtungsgrund der beiden Apostel unbekannt sei.

In der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea († 339 oder 340 n. Chr.) gibt es weitere Verweise auf ein gemeinsames Martyrium des Paulus und des Petrus in Form eines Brieffragments des Bischofs von Korinth. Eusebius gibt in seiner Kirchengeschichte unter Verwendung unbekannter Quellen ebenfalls an, Petrus sei gekreuzigt und Paulus unter Nero enthauptet worden.

Im Schlussteil der sogenannten Petrusakten (entstanden um 200 n. Chr.) wird zusätzlich behauptet, Petrus sei auf seinen eigenen Wunsch hin kopfüber gekreuzigt worden. Des Weiteren berichten sie von seiner, der Hinrichtung vorausgegangenen, Auseinandersetzung mit dem Magier Simon in Rom. Dieser verbreitete dort Irrlehren und konnte letztlich von Petrus besiegt werden. Einige der Apostel sollen bereits zuvor in Samaria mit dem Magier aneinandergeraten und ihn anschließend von dort vertrieben haben. Die Petrusakten sind jedoch Teil der sogenannten apokryphen Apostelakten, also von Schriften, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden. Sie sind laut heutigem Forschungsstand als historische Quellen nur mit großer Vorsicht heranzuziehen, da sie in romanhafter und legendarischer Form die Taten und weitere Lebenswege der fünf Apostel Andreas, Johannes, Paulus, Thomas und eben Petrus schildern. Für die Rekonstruktion der tatsächlichen Umstände von Petrus‘ Wirken besitzen sie daher nur einen beschränkten Quellenwert.

Eine vergleichbare Emailfigur des Apostel Petrus, wahrscheinlich von einem Prozessionskreuz des „Typs Stockholm“ (1200–1215), Foto: Musée de la faïence et des beaux-arts de Nevers.

Petrus als Ausstellungsobjekt

Doch zurück zum Exponat selbst. Die Bezeichnung „Wächter der Himmelspforte“ trägt die Figur nicht von ungefähr. Dieser Name hängt direkt mit einem von Petrus‘ Attributen zusammen: dem Schlüssel bzw. häufig zwei Schlüsseln. Im Matthäusevangelium spricht Jesus direkt zu dem Apostel Petrus und will ihm „die Schlüssel des Himmelreichs geben […]“ (MT 16,19).

Die besagten Schlüssel finden sich noch heute im Wappen der Vatikanstadt, im Wappen des Heiligen Stuhls sowie im Papstwappen wieder.

Bei der vorliegenden Petrusfigur handelt es sich um einen Beschlag aus Kupfer. Beschläge sind Metallbauteile, die sowohl zum Schutz, wie beispielsweise Buchbeschläge auf empfindliche lederne oder hölzerne Einbände, als auch zur Zierde angebracht wurden. Für den blauen Umhang und das türkise Gewand wurde lichtundurchlässige Emaille verwendet. Hergestellt wurde die Figur vermutlich in einer der großen Emaillewerkstätten im französischen Limoges. Die Petrusfigur könnte entweder auf einem Kreuz oder auf einem Buchdeckel angebracht gewesen sein. Ihre ursprüngliche Verwendung lässt sich heute jedoch leider nicht mehr feststellen. Für die Anbringung an einem Vortrage- oder Prozessionskreuz des „Typs Stockholm“ spricht, dass ähnliche Petrusdarstellungen (vgl. Abb. 3 und 4) mit diesem Ursprung und vergleichbarer Größe bekannt sind.

Abb. 4: Eine Emailfigur des Apostel Johannes, vermutlich ursprünglich an einem Kreuz angebracht, um 1200–1215, gefunden in Norwegen, Kulturhistorisk museum, University of Oslo, Foto: K. Haugland.

Diese Figuren zierten in der Regel die Füße der jeweiligen Kreuze und können auf ungefähr 1200 n. Chr. datiert werden. Ebenso denkbar ist jedoch eine Verwendung als Buchbeschlag. In diesem Fall könnte die Figur einst auf einem liturgischen Buch angebracht gewesen sein, welches bei einem der belegten Kirchenbrände der nahe gelegenen St.-Johannes-Baptist-Kirche in Attendorn zerstört wurde. Zurückgeblieben wären lediglich die Metallbauteile. Anschließend könnte die Figur, ob absichtlich oder nicht, im Zuge von Wiederaufbauarbeiten der Kirche verschüttet und erst Jahrhunderte später, im Jahr 1974, als Abraum wieder ans Tageslicht befördert worden sein. Der im Zuge einer Heizungsinstallation im Kircheninneren entstandene Schutt wurde damals jedoch nicht weiter untersucht, sondern abtransportiert und auf Felder nördlich des Attendorner Stadtkerns verbracht.

An diesem Ort wurde die besagte Petrusfigur über 40 Jahre später durch den lizenzierten Sondengänger Marcel Stipp drei Tage vor Weihnachten im Jahr 2019 entdeckt. Stipp untersuchte die Felder mit seiner Metallsonde, auf welchen künftig die Erweiterung eines Gewerbegebietes entstehen sollte. Glücklicherweise meldete er den Fund der Figur umgehend der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen.

Sondeln – Zwischen Fundglück und Fundverlust

Nicht immer gelingt die Zusammenarbeit zwischen Sondengängern und Denkmalbehörden oder Denkmalfachämtern so reibungslos wie in dem geschilderten Fall. Immer wieder kommt es in Deutschland zu sogenannten Raubgrabungen, bei denen ohne Erlaubnis Funde durch Sondengänger:innen geborgen und nicht gemeldet werden. Ein solcher Fundverlust stellt für Archäolog: innen eine Katastrophe dar, denn eine nachträgliche Datierung vieler Artefakte, sollten diese dennoch an die Öffentlichkeit geraten, ist häufig schwer bis gar nicht mehr möglich. Auch der Fundkontext selbst ist meist unmöglich zu rekonstruieren. In der Vergangenheit kam es bereits häufiger vor, dass ganze bronzezeitliche Hortfunde von privaten Sondengänger:innen unterschlagen wurden. Ein prominentes Beispiel ist die populäre Himmelsscheibe von Nebra, die im Jahr 2002 letztlich sichergestellt werden konnte.

Fernab des Rahmens archäologischer Grabungen erfolgt der Griff zum Metalldetektor immer häufiger. Durch Social Media, wie Instagram oder TikTok, steigt das Risiko durch Nachahmer und unprofessionelle Sondengänger:innen. Es kursieren zahlreiche Videos auf den genannten Plattformen, die die Suche nach historischen Artefakten sowie die Funde dieser dokumentieren. Hobbyarchäolog:innen versuchen dabei, ohne Rücksicht auf den archäologischen Befund das Artefakt zu bergen. Es gilt dennoch, dass viele Sondengänger:innen legal und folglich mit dem Wissen des zuständigen Landesamts unterwegs sind.

Um eine bessere Zusammenarbeit zwischen Sondengänger:innen und Archäolog:innen zu ermöglichen, können beim Denkmalamt Genehmigungen beantragt werden. Mittels dieser Genehmigungen wird kontrolliert, wo und zu welchem Zweck die Metalldetektoren eingesetzt werden. Die Regelungen sind hierbei von Bundesland zu Bundesland verschieden. Grundsätzlich gilt in NRW: Wer mit einem Metalldetektor selbst auf Schatzsuche gehen möchte, muss zunächst einen Antrag einreichen, in dem genau die konkreten Flächen bzw. der Ort der Suche angegeben sind. Für die Suche gilt: Funde müssen stets an die zuständige Behörde gemeldet werden, um Fundverluste zu verhindern. Die Behörden nehmen dann eine beratende Funktion ein, in deren Zuge sie erklären, wie der jeweilige Fund geborgen werden muss, um mögliche Beschädigungen zu verhindern.

Die Zahl der Antragsteller:innen für eine Genehmigung hat sich in NRW in den letzten zehn Jahren ungefähr verzehnfacht. Dadurch resultieren viel mehr Fundmeldungen, die dennoch zu einem Dilemma führen. Die Landesarchäologie hat nicht entsprechend mehr Personal, um die Funde adäquat zu bearbeiten. Es bleibt folglich weniger Zeit für die wissenschaftliche Auswertung.

Petrus als Fundstück, das viele Fragen aufwirft

Gerade die in diesem Beitrag aufgezeigte ungeklärte ursprüngliche Verwendung und der ungewöhnliche Fundkontext machen die kleine Petrusfigur für mich zu einem besonders spannenden Exponat. Sie zeigen, wie viel Geschichte selbst in einem „kleinen“ Fundstück stecken kann und wie viele wissenschaftliche Fragen und Kontexte allein anhand eines zunächst unscheinbaren Exponats beleuchtet werden können.

 

Tim Truschel, studentischer Praktikant

Literaturverzeichnis

Cichy, Eva; Tegethoff, Ruth: Ein mittelalterliches Petrusfigürchen aus Attendorn als unverhofftes Weihnachtsgeschenk, in: Rind, Michael Maria; Dickers, Aurelia (Hrsg.): Archäologie in Westfalen-Lippe 2020 (Archäologie in Westfalen-Lippe, 12), Langenweißbach 2021, S. 146–149.

Cichy, Eva; Tegethoff, Ruth: Petrus vom Acker, in: Archäologie in Deutschland 3 (2021), S. 59–60.

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Gemeinhardt, Peter: Liegt Petrus in Rom, und wenn ja, seit wann? Zur Herausbildung der römischen Petrustradition im 2. Jahrhundert, in: Frey, Jörg; Wallraff, Martin (Hrsg.): Petrusliteratur und Petrusarchäologie. Römische Begegnungen (Rom und Protestantismus - Schriften des Melanchthon Zentrums in Rom, 4), Tübingen 2020, S. 219–254.

Jost, Michael Reno: Der historische Simon Petrus und seine bleibende Bedeutung für die Kirche der Gegenwart. Der Beitrag Oscar Cullmanns, in: Frey, Jörg; Wallraff, Martin (Hrsg.): Petrusliteratur und Petrusarchäologie. Römische Begegnungen (Rom und Protestantismus - Schriften des Melanchthon Zentrums in Rom, 4), Tübingen 2020, S. 277–304.

Kinzig, Wolfram: Christenverfolgung in der Antike, München 2019 (C.H. Beck Wissen, 2898).

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Terzer, Christian: Geraubte Archäologie, in: Archäologie in Deutschland 4 (2009), S. 42–43.

Zwierlein, Otto: Petrus in Rom. Die literarischen Zeugnisse. Mit einer kritischen Edition der Martyrien des Petrus und Paulus auf neuer handschriftlicher Grundlage, Berlin/New York 2010 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte, 96).

Zwierlein, Otto: Petrus und Paulus in Jerusalem und Rom. Vom Neuen Testament zu den apokryphen Apostelakten, Berlin/Boston 2013 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte, 109).

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die ausgestellte Petrusfigur (Frontansicht), Foto: LWL-MAK Herne, T. Truschel.

Abbildung 2: Poggel, Thomas; LWL-Archäologie für Westfalen: Emailbeschlag des heiligen Petrus, gefunden in Attendorn. Ein seltener, hochmittelalterlicher Sondenfund, in: o.A.: Südlichster Nachweis steinzeitlicher Rentier-Jäger in Westfalen, in: Archaeologie Online (12.02.2022), URL: https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/suedlichster-nachweis-steinzeitlicher-rentier-jaeger-in-westfalen-5223/ (zuletzt abgerufen am 26.08.2026).

Abbildung 3: Musée de la faïence et des beaux-arts de Nevers: Figure d'applique : saint Pierre tenant une clef et portant un livre, Musée de la faïence et des beaux-arts de Nevers. Quelle: Institut national d’histoire de l’art (France), Musée du Louvre (Paris), Ville de Limoges (CC BY 4.0). Online über: AGORHA – Corpus des émaux méridionaux, URL: https://agorha.inha.fr/ark:/54721/8973d154-86f1-4c7e-90ff-4cd9793b4ffe (zuletzt abgerufen am 26.08.2026).

Abbildung 4: Haugland, Kirsten: Figure d’applique: saint Jean, Kulturhistorisk museum, University of Oslo. Quelle: Institut national d’histoire de l’art (France), Musée du Louvre (Paris), Ville de Limoges (CC BY 4.0). Online über: AGORHA – Corpus des émaux méridionaux, URL: https://agorha.inha.fr/ark:/54721/b906ebe4-d371-413b-bec3-b36ce60ab589 (zuletzt abgerufen am 26.08.2026).