Die Eilshauser Ente

24.06.2026 Praktikant Herne

Abb. 1 Eilshauser Ente, Foto: LWL-MAK Herne / Cornelia Moors

Die Eilshauser Ente

Im Rahmen meines Praktikums am LWL-Museum für Archäologie und Kultur Herne habe ich mich mit der Geschichte der kleinen Ente von Eilshausen auseinandergesetzt. Ich selbst komme aus der Geschichtswissenschaft, weswegen die archäologische Arbeit eine neue Herausforderung für mich darstellte. In diesem Artikel lasse ich mich von den Informationen über die Ente treiben und erzähle anhand meiner Recherche, was ich alles über die Archäologie und die Vorgeschichte gelernt habe. Somit könnt ihr gleichzeitig mit mir lernen.

In der Ausstellung wird die kleine Ente im „Blick in die Welt“ präsentiert. Kleine Schaufenster an der Wand der Ausstellung, bieten den Besuchern die Möglichkeit Westfalen für einen kurzen Moment zu verlassen und zu entdecken, was sich außerhalb vorgetragen hat. Die kleine Ente ist dabei ein Bespiel für einen keltischen Fund in Westfalen, und dafür besonders, da die Region selbst nicht von Kelten besiedelt wurde.

Die kleine Ente stammt aus einer vorgeschichtlichen Zeit. Also aus einer Zeit, bevor die Menschen anfingen ihre Geschichte, bzw. überhaupt etwas, schriftlich zu dokumentieren. Und damit ist sie ein typischer Fall für die Archäologie.

Beschreibung

Bei meinem Objekt handelt es sich um eine kleine vollplastische Bronzeente. Sie ist etwa 4cm groß mit einer überdimensionalen Kopfpartie. Es gibt keine Flügel und keine Füße. Der Betrachter erkennt dennoch auf den ersten Blick um welches Tier es sich handeln soll. Die Augenlöcher waren vermutlich mal mit dem Material Emaille ausgefüllt. Ein kurzer kräftiger Hals auf dem stark gewölbten Leib trägt den schweren kugeligen Kopf. Ihr Schnabel ist leicht aufwärts gebogen und vorne abgerundet, was darauf hindeutet, dass man eine Art nachahmte, die sich von Gräsern und Wasserpflanzen ernährte.

Da es sich hier um ein Kompositionswerk handelt, das heißt ein Werk aus verschiedenen Materialien bestehend, stellte das den Handwerker vor besondere Herausforderungen. Er musste Wissen über die verschiedensten Materialien und ihre Eigenschaften beweisen, um ein perfektes Schmuckstück herzustellen. Er beherrschte vermutlich die verschiedenen Verbindungstechniken, wobei häufig Birkenrindenpech als Klebstoff zum Verbinden der beiden Materialien eingesetzt wurde.

Die Forschung spekuliert, dass die Ente starr oder beweglich auf einer Achse eines unbekannten Trägers befestigt gewesen sein könnte, da sie im Rumpf quer durchlocht ist. Noch weiter ausgeholt argumentieren die Forscher, dass sie eventuell mit Hilfe eines Gegengewichtes in Form von zusätzlich angebrachten Schwanzfedern zu bewegen gewesen sein sollte. Dann hätte sie wippend die typischen Schwimmbewegungen einer Ente vorführen können. Sollte das wahr sein, dann wäre das eine interessante Erkenntnis über die Schmiedekunst der Hersteller.

Ihre ursprüngliche Funktion bleibt unbekannt. Man geht davon aus, dass sie als Talismann oder Amulett im Grab beigegeben wurde.

Die Archäologieepochen und das Material Bronze

Bevor wir mit der Analyse des Objektes anfangen, wurde ich gerne erstmal die Arbeitsweise der Archäologie grob zusammenfassen, die auch mir vor meiner Recherche unbekannt war. 

Um Entwicklungen besser zu erfassen, teilt die Archäologie die Zeit in Materialepochen ein. Es gibt noch weitaus mehr Epochen vor der Steinzeit, doch hier beginnt die Vorgeschichte des homo sapiens. In der Steinzeit, wird, wie der Name schon verrät, mit Stein gearbeitet, weswegen Archäologen vermehrt Steinfunde machten. Natürlich arbeiteten die Menschen aber auch mit anderem Material, wie Holz oder Knocken. In der darauffolgenden Bronzezeit wurde das Material Bronze in den Menschenalltag etabliert. Es handelt sich hier jedoch um ein Material, zu dem nicht jeder Zugang hatte. Die, in der Jungsteinzeit entwickelte, Oberschicht fing an, sich mit der wertvollen Bronze zu schmücken. Die Eisenzeit markiert das Aufkommen von Eisen, welches verfügbarer und weniger wertvoll als Bronze war. Stein, Bronze und Holz wurden trotzdem weiterverwendet.

Unsere Ente stammt zwar aus der Eisenzeit, jedoch wurde sie aus Bronze angefertigt, weswegen ich meine Recherche über das Material gerne teilen wurde. Bronze besteht zu 90% aus Kupfer und zu 10% aus Zinn. Ihre Verarbeitung war langwierig und kompliziert. Zinn und Kupfer mussten beide häufig importiert werden, was ihren Wert vergrößerte.

Um eine Figur wie unsere Ente zu erhalten, wurde das geschmolzene Material in eine sogenannte Kokillenform gegossen. Dabei handelte es sich um zwei aufeinanderpassende Formhälften, die mit Hilfe von Stiften verbunden wurden und somit die flüssige Bronze von oben eingegossen werden konnte. Die Gussform bestand meistens aus leicht zu bearbeitendem Sandstein. Anschließend ging das Bronzestück in die Nachbearbeitung, bei der es gereinigt, gefeilt, graviert und poliert wurde. In meiner Recherche habe ich gelesen, dass Bronze vor allem für Luxusgegenstände benutzt wurde. Kann es sich also bei unserer Ente um einen kostbaren Luxusgegenstand handeln?

Während meiner Recherche habe ich mich gefragt, wie Forscher eigentlich die Zeit, den Ort und die Funktion eines Objektes bestimmten können. Eine effektive Methode, um das Alter eines Bronzeobjekts zu bestimmen, ist es mit weiteren Objekten, dessen kulturelle Zugehörigkeit, Herkunft und Alter man schon festgestellt hat, zu vergleichen. Sieht es einem der Objekte ähnlich, so kann man von einer zeitlichen und kulturellen Verwandtschaft ausgehen. So werden verschiedene Kunstkulturen festgemacht.

Abb. 2 Landkarte Kreis Herford, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Herkunft

Was heißt das jetzt für unsere Ente?

Die kleine Ente wurde in Hiddenhausen-Eilshausen, Kreis Herford bei einer Brandgrubenausgrabung auf einem eisenzeitlichen Friedhof in einem Grab eines Jungen gefunden. Zu dieser Zeit war die Region von der Eilshausenkultur besiedelt. Die Region stand nicht weiter unter einem ihr zugeordneten Herrscher oder Reich, sondern bildete für sich eine Siedlung von Anwohnern. Die Eishauser Kulturgruppe bestattete ihre Toten durch Verbrennung. Wir wissen nicht genau warum sie das tat. Nach der Verbrennung wurde die Asche in einer Urne gesammelt und zusammen mit der Urne in so genannten Familiengrabhügeln begraben. Mit ins Grab gegeben wurden häufig Schmuck und andere Glücksbringer, und eben auch diese Ente – vielleicht war sie ein Glücksbringer?

Sie gehört stilistisch nicht zu der Eilshauser Kultur, sondern zur Latènekultur. Die Latènezeit umfasste den Raum nördlich der Alpen in Mitteleuropa und die Zeitspanne von etwa 450 v. Chr. bis zum ersten Jahrhundert v. Chr. Sie wurde nach dem schweizerischen Ort La Tène bezeichnet. Dieser Ort wurde früher von den „Kelten“ besiedelt. Dabei handelt es sich nicht um ein Volk, sondern vielmehr um eine Gruppierung von unterschiedlichen Kulturgruppen. Deswegen werde ich in meiner folgenden Arbeit von der Latènekultur reden, wenn ich auf die Menschen hinweise, die in diesem bestimmten Zeitraum an diesem bestimmten Ort gelebt haben. Meine Recherche weist mich darauf hin, dass Einflüsse aus dem Bereich der Latènezeit besonders in Westfalen greifbar waren. Hier wurden neue Arten von Bestattungen, sowie neue Schmuckelemente und Formen übernommen. Das lernen Archäologen vor allem anhand von Bestattungs- und Siedlungsplätzen. Dort kann man Grabhügel finden, die, wenn sie nicht schon zu vorherigen Zeiten geplündert wurden, häufig reich an Funden sind.

Abb. 3 Ausschnitt von der Schnabelkanne von Basse-Yutz

Vergleichbare Funde

Archäologen fanden eine stilistisch verwandte Ente in Basse-Yutz, Lothringen. Für die Forschung war aus diesem Grund klar, unsere Ente stammt ursprünglich nicht aus Westfalen. Sie muss im Gebiet der Latène-Kultur hergestellt worden sein. Wie sie nach Ostwestfalen gekommen ist, können wir uns leider nicht erklären. Vielleicht durch Handel, der von Süddeutschland bis zur Ostsee betrieben wurde? Forscher gehen davon aus, dass unsere Ente, wegen dem simpleren und sparsamen Design älter als die Ente aus Basse-Yutz ist.

Abb. 4 Pegasusskulptur @Paolo Villa

Hellenistische Einflüsse in der Latènekunst

Im zweiten Jahrhundert v. Chr. gewannen die Römer immer mehr Einfluss in Mitteleuropa. Darunter brachten sie die hellenistische Kultur auch zu der Latènekultur. Der Hellenismus stellte in seinen Figuren Emotionen und Dramen auf eine sehr realistische Art und Weise dar. Die Kunst war höchst komplex und Handwerker mussten ihre Arbeit im Detail beherrschen. Die berühmtesten Werke wurden für die griechischen Könige oder unabhängige Städte angefertigt, die damit ihre Macht und ihren Intellekt demonstrierten. Besonders auf die Oberschicht der Latènekultur musste der neue kulturelle Aufschwung eine starke Anziehungskraft ausgeübt haben. Hellenistische Darstellungsformen wurden zu Vorbildern, wodurch aber auch die eigene künstlerische Originalität litt. 

Abb. 5 Fibel @Burkhard Mücke

Hier einmal eine Skulptur zur Veranschaulichung des Kontrastes zwischen Hellenistischer Kunst und der Kunst der Latènekultur in der Bronzezeit. Das Design der latènzeitlichen Fibel ist einfacher und beinhaltet weniger Emotionen als das der hellenistischen Skulptur. Das heißt jedoch nicht, und man darf es nicht falsch verstehen, dass der Latènekultur jegliche Tiefe fehlte. Natur und Lebewesen wurden in der gesamten keltischen Kultur verzerrt, fast schon gruselig, abstrahiert, versteckt und verdeckt dargestellt. Ob die Darstellung der Realität einfach nicht als nötig angesehen wurde oder sogar als Tabu galt können wir heute nicht beantworten.