Interview „Mahlzeit! – Mehr als ein Bissen Geschichte“

25.06.2026 Marie Jakob

Zur Person: Dr. Matthias J. Bensch – Kurator mit Blick für gute Geschichten und digitale Vermittlung

Dr. Matthias J. Bensch ist promovierter Klassischer Archäologe und seit 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ausstellungskurator am LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne. Zuvor war er Wissenschaftlicher Volontär im LWL-Römermuseum und am Freiburger Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ tätig, wo er seine Dissertation über römische Heldenfiguren verfasste – eine Arbeit, aus der eine Monografie hervorgegangen ist.

Dr. Bensch bringt archäologische Expertise und innovative Museumsarbeit zusammen und konzipierte als Kurator am LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne dieSonderausstellung „Mahlzeit! Wie Essen uns verbindet“ mit Fachwissen, Humor und modernen Vermittlungsstrategien.

„Herr Dr. Bensch, wie ist die Idee zur Ausstellung Mahlzeit! entstanden – und warum passt das Thema besonders gut in die aktuelle Zeit?“

Die Idee, am LWL-MAK eine Ausstellung zur Archäologie der Ernährung zu machen, gibt es schon seit vielen Jahren. Doreen Mölders, die inzwischen Direktorin am Historischen Museum Frankfurt geworden ist, hat die Idee entwickelt. Und dann kam Corona und hat das Ausstellungskonzept nochmal in eine andere Richtung gelenkt. Viele haben während der nötigen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus gemerkt, wie sehr der soziale Kontakt mit Menschen außerhalb des eigenen Haushalts gefehlt hat, der Besuch von Cafés, Restaurants, Bars mit Freund:innen, Bekannten oder Arbeitskolleg:innen. Daher haben wir den Fokus auf das Soziale neu gesetzt. Es ist keine Ausstellung über Ernährung geworden, sondern eine über die Kultur des gemeinsamen Essens.

Über die Mahlzeit wird heute viel debattiert. Man liest öfter, dass die Familienmahlzeit in einer Krise stecke. Immer weniger Menschen können wegen der Anforderungen der Arbeitswelt regelmäßig Mahlzeiten mit der Familie einnehmen. Und manche klagen, dass es mit Smartphones am Tisch immer schwieriger geworden ist, ein gutes Tischgespräch zu führen. Das Thema des gemeinschaftlichen Essens hat also eine hohe Relevanz für die Menschen, ein wichtiger Grund für uns das Thema anzugehen.


„Mahlzeiten haben also eine hohe Relevanz für die Menschen. Was bedeutet Ihnen dieses Thema persönlich – gibt es eine Erinnerung oder ein Erlebnis, das Ihren Blick darauf geprägt hat?“

Mir geht es so, dass ich über Esskultur im Alltag wenig nachdenke. Oder zumindest ging es mir so, bevor ich die Aufgabe übernommen habe, die Ausstellung „Mahlzeit!“ zu kuratieren. Meistens denkt man erst darüber nach, wenn man reist und die Esskulturen in anderen Ländern kennenlernt, Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennt.

Ich erinnere mich zum Beispiel daran, in der Türkei die ortsansässigen Mitarbeiter auf einer archäologischen Ausgrabung auf einen Çay (Tee) in einer Teestube in ihrem Heimatort getroffen zu haben. Es ist interessant, wie Tee dort getrunken wird. Gefühlt war das ganze Dorf im Teehaus. Und jeder wollte einen Tee mit uns trinken.

Auch wenn ich bei meinen Schwiegereltern bin, die im Emsland leben, bin ich immer wieder fasziniert, wie wichtig die gemeinsame Teezeit ist und wie liebevoll sie zelebriert wird. Diese und andere Teekulturen der Welt werden wir übrigens auch in der Ausstellung thematisieren.


„Aber neben Tee gibt es noch weitere spannende Geschichten über Mahlzeiten zu erzählen. Sie hatten dabei die herausfordernde Aufgabe, aus einer Fülle an Geschichten, Objekten und Traditionen eine Auswahl zu treffen. Nach welchen Kriterien sind Sie vorgegangen?“

Das habe ich gar nicht allein gemacht. Wir haben die Inhalte dieser Ausstellung mit dem gesamten Museumsteam entwickelt. Wir haben zahlreiche Workshops durchgeführt, in denen wir uns die Themen und die Exponatauswahl gemeinsam erarbeitet haben. Ich bin der Meinung, dass eine Ausstellung von verschiedenen Perspektiven nur profitieren kann. Ein Museumspädagoge hat manchmal eine andere Perspektive auf ein Objekt als eine Marketingreferentin. Und beide Perspektiven sind wertvoll für die Ausstellung.

Wir haben dann gemeinsam abgestimmt, zum Beispiel darüber, welche Objekte für uns die Highlight-Exponate sind. Die Kriterien, die wir hierfür zugrunde gelegt haben, waren beispielsweise, ob das Objekt eine gute, interessante Geschichte erzählt, ob es besonders vielsagend im Hinblick auf das Thema ist, ob es Emotionen wecken kann, ob es vielleicht schon berühmt ist oder auch, wie es sich in der Werbung machen würde. Die Stimme der Hausleitung oder meine Stimme als Projektleitung hatten dabei genau so viel Gewicht wie die einer Praktikantin oder eines Praktikanten. Denn junge Menschen wie die Praktis wollen wir ja auch als Besucher:innen ansprechen. Ihre Meinung ist daher enorm wichtig. Bei anderen Fragen haben wir Umfragen auf der Straße gemacht, damit wir ein Meinungsbild bekommen.


„Highlight-Exponate – Das klingt vielversprechend! Ohne zu viel zu verraten: Worauf dürfen sich die Besucher:innen besonders freuen? Was sind Ihre ganz eigenen Highlights?“

Es gibt Exponate, auf die ich mich persönlich besonders freue. Aber ich denke, dass die Besucherinnen und Besucher wahrscheinlich auch andere Objekte als persönliche Highlights entdecken werden. Ich bin überzeugt, dass für jede und jeden viele interessante Stücke dabei sind.

Ein Highlight für mich ist zum Beispiel der Kiosk der Emmy Olschewski, der bis 1998 nahe der Zeche Schwerin in Castrop-Rauxel stand und nun in der Ausstellung zu sehen ist. Bei Frau Olschewski wurde das Feierabendbier getrunken. Die ganze Nachbarschaft kam hier zusammen. Mehr als 70 Jahre lang stand sie hinter der Verkaufstheke. Bei ihr gab es nicht nur etwas zu trinken, sondern auch guten Rat in allen Lebenslagen. Die Trinkhalle ist ein außergewöhnlicher sozialer Ort. Sie gehört zum Ruhrgebiet einfach dazu. Es war nur folgerichtig, dass die Trinkhallenkultur zum Immateriellen Kulturerbe Nordrhein-Westfalens erhoben wurde. 

Es gibt sehr prachtvolle und auf den ersten Blick eher unscheinbare Highlights. Wer sich fragt, was Haizähne mit dem Schutz vor Giften zu tun haben, sollte sich den wunderschönen Natternbaum genauer anschauen, den wir von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ausleihen durften. Und wer nicht glaubt, dass ein Zahnstocher ein Prestigeobjekt sein kann, der wird auch eine Überraschung erleben.

Außerdem können sich die Besucherinnen und Besucher auf eine liebevoll gestaltete Ausstellung freuen, die überall zur Interaktion einlädt. Wir wollten, dass junge und alte Gäste sich die Themen auch spielend, durch Anfassen und Ausprobieren erschließen können.


„Die Ausstellung soll also zum Mitmachen und Erleben einladen. Können Sie uns einen kleinen Vorgeschmack auf ein interaktives Element geben?“

Oh, das fällt mir schwer. Und zwar, weil es so viele interaktive Angebote gibt, die ich ins Herz geschlossen habe. Da fällt es nicht leicht, einen Liebling zu benennen. Aber wenn es denn sein muss, dann möchte ich jeder und jedem empfehlen, die Virtual-Reality-Station auszuprobieren. Dort kann man an einem Gastmahl des späten 18. Jahrhunderts teilnehmen. Der Tisch ist mit Geschirr und Besteck gedeckt, die 3D-Digitalisate von originalen Objekten aus der Zeit sind. So nah können Sie den Objekten nur hier in der virtuellen Welt kommen. Sie können sie anfassen und genau unter die Lupe nehmen. Aber hören Sie dabei auch gut zu, was ihre Tischgenoss:innen zu erzählen haben! Dann werden Sie einiges über die Tischkultur der Zeit erfahren, und warum das Tranchieren dabei so wichtig ist.


„Es handelt sich dabei um eine Szenerie, wie sie hier in einem Schloss so hätte stattfinden können. Aber neben europäischen Traditionen werfen Sie auch einen Blick auf andere Kulturen. Was hat Sie bei der Recherche besonders überrascht?“

Ich habe dabei einiges Neues gelernt. Mich hat zum Beispiel verblüfft, wie anders der Umgang mit dem Tod in der mexikanischen Kultur rund um den Día de los Muertos, den Totentag, im Vergleich zu unserem ist. Der Totenaltar, den die mexikanische Bühnenbildnerin Andrea Barba in der Aufstellung aufgebaut hat, ist äußerst farbenfroh. Man feiert, dass die Verstorbenen für ein paar Tage aus dem Jenseits zurückkehren und legt ihnen ihre Lieblingsspeisen auf den Altar. Im Vordergrund steht die Freude, nicht die Trauer.

Faszinierend ist auch die Rolle des Tamada, des Zeremonienmeisters, bei einem georgischen Gastmahl. Besucherinnen und Besucher sollten sich die Objekte und den Film über das Supra – so heißt das georgische Gastmahl – unbedingt anschauen.


„Was würden Sie Menschen sagen, die sich unsicher sind, ob eine Ausstellung über Essen und Trinken in einem archäologischen Museum etwas für sie ist?“

Das kommt ganz darauf an, mit wem ich rede. Es gibt sehr viele gute Gründe, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zu essen und zu trinken, das kommt uns oft vor wie eine total banale Alltagsbeschäftigung. Etwas, das eben sein muss, aber nicht der Rede wert ist. Aber wir sollten darüber reden, gerade weil es für uns täglich von Bedeutung ist. Dass es wichtig ist, was wir essen, ist den meisten wohl bekannt. Es ist aber auch wichtig, wie wir essen, für unser soziales Miteinander und auch für unsere individuelle Gesundheit.

Wir bieten mit der Sonderausstellung eine Möglichkeit, diese Gedanken zu vertiefen und zum Weiterdenken anzuregen. Als Archäologe bin ich der Meinung, dass wir mit dem Blick auf andere Kulturen – und damit meine ich sowohl vergangene Kulturen als auch solche in anderen Teilen der Welt heute – viel über uns selbst erfahren können. Deswegen haben wir in der Ausstellung archäologische Objekte mit modernen Themen in einen Dialog gebracht.

Außerdem gilt bei Museen grundsätzlich eigentlich das Gleiche wie bei einem guten Buffet: Einfach mal probieren! Man wird oft positiv überrascht.