Germanische Spielkultur

21.07.2017

Die Würfel aus Dorsten-Holsterhausen in der Herner Dauerausstellung. (Foto: S. Brentführer/LWL-Archäologie)

Auch mir kam, so wie jedem Praktikanten im LWL-Museum für Archäologie, die schöne Aufgabe zu, mir ein Lieblingsexponat in der Dauerausstellung des Museums auszusuchen und darüber einen Blogartikel zu verfassen. Bei all den interessanten und zahlreichen Ausstellungsstücken war es gar nicht so einfach, sich für eines zu entscheiden. Da ich Studentin der Klassischen Archäologie bin, galt natürlich besonders dem römischen Bereich der Dauerausstellung ein spezielles Interesse und so kam es, dass ich mich letztendlich für ein Objekt von dort entschied: Die Spielwürfel, gefunden in Dorsten-Holsterhausen. Besonders interessant finde ich an dem Objekt, dass es ein Gegenstand ist, den es in der heutigen Zeit immer noch in derselben Form gibt und auch benutzt wird. Außerdem ist es mal kein Objekt, welches einen praktischen Nutzen hat, wie zum Beispiel Waffen, Kleidung, Werkzeuge oder Behältnisse, sondern dient allein dem Zweck der Unterhaltung und dem Zeitvertreib.

Es handelt sich bei dem Exponat um drei Würfel aus Keramik, von denen zwei in kaiserzeitlichen Grubenhäusern entdeckt wurden und in die Zeit der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. datiert werden. Die Würfel haben jeweils sechs Seiten, in die mit einem spitzen Gegenstand die Augenanzahl eingestochen wurde. Die Anordnung der Augen ist nicht dieselbe, wie sie den heutigen Würfeln entspräche, allerdings liegen die Zahlen 1 und 6 sich auch bei diesen Würfeln gegenüber. Diese Art der Keramikwürfel ist besonders in der Region Westfalen entdeckt worden. Es existieren auch Würfel mit nur vier unterschiedlichen Zahlenwerten, diese wurden jedoch eher für Würfelorakel benutzt statt für Spiele. Das häufigste Material, aus dem Würfel hergestellt wurden, ist Bein. Aber auch Keramik, wie bei unserem Exponat, ist häufig genutzt worden. Es gibt ebenso einige Würfel, die aus Bronze gefertigt sind und selten sogar aus Edelmetallen. Natürlich gab es auch zahlreiche Holzwürfel, nur sind diese aufgrund ihrer organischen Beschaffenheit nicht mehr erhalten. Es sind auch gezinkte Würfel gefunden worden, welche man erst ausgehöhlt und dann an einer Innenseite beschwert hat, um damit beim Glücksspiel betrügen zu können.

Foto: S. Brentführer/LWL-Archäologie

Der lateinische Spruch „Alea iacta est!“(zu Deutsch: „Der Würfel ist geworfen worden!“) ist wohl einer der bekanntesten lateinischen Ausdrücke zum Thema Würfel. Das Wort alea meint jedoch nicht den Würfel selbst, sondern den Wurf an sich. Der Würfel heißt im Lateinischen tesserae. Es gab auch Unterlagen, auf denen gewürfelt wurde, sogenannte Würfelbretter (alveus) sowie Würfeltürme (terricula), welche verhindern sollten, dass jemand schummelt. In den Würfelturm wurde oben der Würfel hineingeworfen und fiel dann unten über ein paar „Stufen“ wieder heraus.

Es gab bei den Römern aber nicht nur das Würfelspiel, sondern auch Brettspiele, wie zum Beispiel das auch heute noch bekannte Mühlespiel, sowie das sogenannte Soldatenspiel, was ein Vorläufer des heutigen Damespiels war. Ein weiteres Spiel der Römer war das Zwölfpunktespiel, welches wiederum die alte Version des heutigen Backgammons war. Jedoch genossen gerade die Würfelspiele in Rom einen schlechten Ruf, zumindest wenn man von den antiken Autoren ausgeht, wie zu Beispiel Cicero:

 

„Wollüstigen, frechen, unreinen, schamlosen Männern, Würflern, Betrunkenen zu dienen – das ist das größte Unglück, vereint mit der größten Schande.“ (Phillip. 3, 35)

Die Würfel von Dorsten-Holsterhausen zeigen jedoch, dass die Gesellschaftsspiele der Römer auch nach Germanien kamen. Vermutlich lernten die germanischen Soldaten während ihres Söldnerdienstes im römischen Heer dort diese Spiele, da besonders unter den Soldaten das Spielen ein beliebter Zeitvertreib war. In Dorsten-Holsterhausen lagerten die römischen Heere des Öfteren während der Besatzungszeit. Daher ist die Soldatentätigkeit ein wichtiger Faktor dafür, dass die Spielkultur nach Germanien kam. Die einzige Mitteilung darüber, dass auch die Germanen den Gesellschaftsspielen frönten, findet sich bei dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus:

 

„Dem Würfelspiel huldigen sie merkwürdigerweise in voller Nüchternheit, als wenn es sich um ein ernsthaftes Geschäft handelte. Dabei sind sie in bezug auf Gewinn und Verlust von einer so blinden Leidenschaft besessen, daß sie, wenn sie alles andere verspielt haben, mit dem letzten, entscheidenden Wurfe um ihre Freiheit und um ihren eigenen Leib kämpften.“ (Germania 24)

Anders als die Römer waren die Germanen also ziemlich versteift auf das Würfelspiel und betrachteten es weniger als ein Vergnügen, denn als eine ernste Angelegenheit.

Das Interesse am Brettspiel kam bei den Germanen erst später auf, im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. Das Würfelspiel wurde also lange bevorzugt, was auch daran liegen kann, dass schon mit vierseitigen Stabwürfeln gespielt wurde, deren Tradition bis in die keltische Zeit zurückreicht und daher das Würfelspiel schon länger in den auch von den Germanen bewohnten Gebieten bekannt war.

Spielutensilien wurden auch in römischen Gräbern als Beigaben gefunden. Man hat jedoch üblicherweise nur einen Würfel oder Spielstein, oder generell eher wenige pro Grab entdeckt. Auch in den germanischen Gräbern wurden unter anderem Spielbretter entdeckt, welche Ähnlichkeit mit den römischen Spielbrettern haben.

Die Spielkultur ist also schon sehr lange in der Gesellschaft verankert und ist damals wie auch heute wichtig für die Menschen.

 

Von Carolin Plesser, Praktikantin