26.06.2020

Kunstvoll gegossen und verziert - Das Bronzebecken aus Münster-Gittrup

Abb. 1. Bronzezeitliches Bronzebecken aus Münster-Gittrup (© LWL-Museum für Archäologie/ Foto: C. Moors)

Vorwort

Neben anderen Tätigkeiten, die ich während meiner Praktikumszeit im LWL-Museum für Archäologie Herne ausgeführt habe, durfte ich mir aus der Dauerausstellung ein Exponat aussuchen, was mich am meisten anspricht.
Es ist mir sehr schwer gefallen, ein solches Lieblingsexponat auszusuchen. Doch die Bronzezeit hat es mir besonders angetan: Neben der Urne von Gevelinghausen und vielen Schmuckstücken aus Bronze und Gold ist mir ein Prachtgefäß aus dem Münsterland, das Bronzebecken aus Münster-Gittrup, besonders ins Auge gefallen.

 

Woher kommt das Exponat?

Das Bronzebecken aus dem Münsterland wurde um 800 v. Chr. von einem Bronzegießer hergestellt. Gefunden hat man es in der Grenzzone zwischen der Siedlung auf der Fundstelle Gittrup und dem benachbarten Gräberfeld. Dort stand es – frei – inmitten einer kleinen rechteckigen Vier-Pfosten-Setzung. Wofür es genutzt wurde, ist unklar. Möglich ist, dass das Becken im Totenkult eine Rolle gespielt hat.


Wie sieht das Becken aus?

Das Gefäß besteht aus Bronze (0,5 bis ca. 1 mm dick) und weist bei einer Höhe von 8,8 cm einen Umbruchdurchmesser von 17,8 cm auf. Es ist mit Mustern aus Punzlinien und Punzpunkten (stellenweise kurzen Strichen) verziert, die für mich wie Schlangen aussehen. Zwei liegen einander wellenförmig um die Bodenmitte gegenüber. Um ein umlaufendes Paar Glattrippen befindet sich ein Fries aus zwölf tangential aneinanderstoßende Volutenhaken, die sich durch einen stilisierten Tierkopf ebenso als Schlange zu erkennen geben.
Je nachdem, wie man auf das Exponat schaut, ändert sich die Farbe – es sieht zumindest so aus, als ob. Ein metallener, grün-brauner Farbton wechselt, je nach Perspektive, auch schon mal zu einer lila-blauen Farbgebung.

Abb. 2. Gegossenes Bronzebecken aus Münster-Gittrup © Olaf Höckmann (aus: Höckmann 2012, 10 Abb. 1).

Was macht das Gefäß so besonders?

Besonders ist zum einen, dass dieses Bronzebecken zwar einwandfrei und homogen gegossen wurde, eine der beiden Ösen zur Korrektur eines Defekts beim ursprünglichen Guss nachträglich ergänzt werden musste. Die Schlitze der Ösen dienten vermutlich zum Halten eines hölzernen Riegels, mit dem ein hölzerner Deckel festgeklemmt werden sollte.
Außerdem sind die Verzierungen ungleichmäßig. Das lässt eher auf eine ungeübte Hand schließen.

Außergewöhnlich ist auch, dass der einheimische Bronzegießer sich vermutlich an fremden Vorbildern orientierte und zwar so, dass die einzelnen Bestandteile des Gefäßes (Boden, Hals, Ösenform, etc.) an Exemplare unterschiedlicher Herkunftsgebiete erinnern. Die Kegelform des Bodens, zum Beispiel, hat einen Verbreitungsschwerpunkt im Westteil des nordischen Kreises der Bronzezeit. Das im Vergleich zu anderen Exemplaren eher steilere Bodenprofil des Gittruper Stücks lässt einen Schwerpunkt auf der dänischen Insel Fünen erkennen.
Ebenso ist die Kegelform des Halses im Norden weitverbreitet. Auch wenn Höckmann die Gittruper Halsform von Vorbildern wie einem Becken aus dem schleswig-holsteinischen Fundort Ratekau-Hemmelsdorf 401 (Kr. Ostholstein) herleiten möchte, zeigen die ungleichmäßige Lage und Profilierung der Rippe, dass der Gießer wohl ein anderes Konzept vor Augen hatte als das im Norden verbreitete. Diese „ausgefallene“ Halsrippenanordnung des Gittruper Exemplars erinnert eher an die Becken von Rheda, Stadt Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh) und Emsbüren-Gleesen (Kreis Emsland).

Was fasziniert mich an diesem Fundstück?

Nachdem ich mich also mit den einzelnen Merkmalen und Herkunftsbestimmungen auseinandergesetzt habe, faszinierte mich der oben genannte Aspekt sehr. Der Hersteller des Fundstücks hat sich wahrscheinlich andere Bronzegefäße aus seiner Zeit genauestens angeschaut bzw. sich von anderen Handwerkern inspirieren lassen. Viele spätbronzezeitliche Bronzebecken haben somit die gleichen Merkmale oder ähneln sich stark. Hierzu im Folgenden weitere Exemplare, die dem Münsteraner Becken sehr ähnlich sind.

Abb. 3. Gegossenes Bronzebecken aus Rheda, Stadt Rheda-Wiedenbrück (Kr. Gütersloh) © Olaf Höckmann (aus: Höckmann 2012, 12 Abb. 2).

Das erste Exemplar ist das Bronzebecken aus Rheda, Stadt Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh). Auf diesem Exemplar sind die von mir so interpretierten „Schlangen“ viel dicker als beim Gefäß aus Münster-Gittrup. Hier würde man also nicht darauf kommen, dass die Kurven ein Tier darstellen könnten.

Abb. 4. Gegossenes Bronzebecken aus Emsbüren-Gleesen (Kr. Emsland) © Olaf Höckmann (aus: Höckmann 2012, 12 Abb. 3).

Beim zweiten Bronzebecken, das aus Emsbüren-Gleesen (Kreis Emsland) stammt, sind die Kurven sehr abstrakt gehalten. Sie sehen ein wenig so aus wie Bakterien, die sich bewegen.

Abb. 5. Gegossenes Bronzebecken aus Ratekau-Hemmelsdorf (Kr. Ostholstein) © Olaf Höckmann (aus: Höckmann 2012, 19 Abb. 7).

Das dritte Bronzebecken aus Ratekau-Hemmelsdorf (Kreis Ostholstein) zeigt eindeutig, wie sich trotz der Ähnlichkeiten alle Exemplare unterscheiden. Meistens zeichnen diese sich durch unterschiedliche Muster aus. Bei diesem Exemplar wurden aus den „Schlangen“ gleichmäßige Wellen.
 

Zum Ende hin möchte ich alle Leser*innen dieses Artikels dazu einladen, das LWL-Museum für Archäologie Herne zu besuchen. Hier kann man nicht nur viel lernen, sondern hat auch noch eine Menge Spaß dabei.

Ich bedanke mich herzlich bei den Mitarbeiter*innen des Museums für die vielen Einblicke in ihren Alltag.

Nele-Marie Koschate, Schülerpraktikantin

 

Literaturverzeichnis

Höckmann, Olaf: Ein gegossenes Bronzebecken aus Münster-Gittrup. AUSGRABUNGEN UND FUNDE in Westfalen-Lippe 11, Darmstadt 2012, S. 5–148.

Abbildungsnachweis

Abb. 1: © LWL-Museum für Archäologie/ Foto: C. Moors
Abb. 2. © Olaf Höckmann (aus: Höckmann 2012, 10 Abb. 1).
Abb. 3: © Olaf Höckmann (aus: Höckmann 2012, 12 Abb. 2).
Abb. 4: © Olaf Höckmann (aus: Höckmann 2012, 12 Abb. 3).
Abb. 5: © Olaf Höckmann (aus: Höckmann 2012, 19 Abb. 7).

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