Lasset uns trinken!

18.05.2022 Praktikant:in

Abb.1: Glasphallus aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert, Herford (Bildrecht Wikimedia)

Lasset uns trinken!

Ein Scherz zum Trinken

Bei der Besichtigung der Dauerausstellung war mir schnell klar, dass ich mich mit dem Thema Glas auseinandersetzen möchte oder über einem Exponat aus Glas schreiben möchte. Das Thema Glas oder auch Glasbearbeitung schwindet aus dem Alltag und ist im Vergleich zu anderen Exponaten wie die Pfeilspitzen, der Pferdekopf, die Gräber oder Keramik nicht so präsent. Obwohl Glas sowohl im modernen Alltag als auch im archäologischen Kontext eine große Bedeutung hat, wird das Thema in meinem Studium eher stiefmütterlich behandelt. Glas wird heute als selbstverständliches Material verstanden.

In der Dauerausstellung gibt es eine Anzahl Exponaten aus Glas wie Glasgefäße und -scherben, oder in weiteren Gegenstände mitverarbeitet wurde, wie in der Goldfibel oder als Glasperle im Schmuck. Ein außergewöhnliches Exponat ist der Glasphallus aus dem Damenstift Herford, der im Sexualitäts-Kubus der Dauerausstellung gezeigt wird. Wofür das Glaswerk meiner Ansicht nach verwendet wurde, erkläre ich in diesem Blog- Eintrag.

Abb.2: Lage von Herford (Bildrecht Wikipedia)

Phallus aus Glas aus einem Damenkloster

Das Exponat ist ein Glasphallus aus dem 16./ 17. Jahrhundert. Der Umfang ist 20 cm lang und die Breite des Funds beträgt maximal 7 cm. Der Glasphallus wurde aus einer Kloake geborgen, die an die Gemächer der Äbtissin des Damenklosters in Herford anschloss. Es ist ein hellgrüner bis hin zu einem farblosen Glasgefäß. Ein röhrenförmiges Glas, dessen eines Ende durch einen schmalen Ring abgesetzt ist, während das andere Ende mit ursprünglich zwei Kugeln sowie Fadenauflagen versehen ist. Es handelt sich um die überspitzte Darstellung eines Penis. Von der Form fehlt ein Hoden, womit das Glasgefäß unvollständig ist. Das Hohlglas hat eine sehr dünne Wandstärke. Die aufwändige Bearbeitung und feine Wandstärke macht das Gefäß zu einem wertvollen Objekt. Es reiht sich somit in weitere prestigeträchtige Glasfunde aus der Kloake ein, die vom hohen Rang der Äbtissin zeugen.

In den Publikationen zum Glasphallus aus Herford wird diesem tendenziell die Funktion eines Dildos zugeordnet. Dies ist einer Beschreibung in Ragionamento (1534) von Pietro Aretino geschuldet, der den Einsatz solcher Hohlgläser in einem Frauenkloster in Italien beschreibt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Glasphallus zum sexuellen Verkehr verwendet wurde, da das Gefäß eine äußerst dünne Wandstärke hat. Durch den Vergleich mit Glasfragmenten aus Mainz, die ebenfalls von Glasphalli stammen, lässt sich darauf schließen, dass der Glasphallus vermutlich ursprünglich mit einem Mundstück ausgestattet war. Es liegt also nahe, dass er zum Trinken verwendet wurde. Wahrscheinlich war der fehlende Hoden der Mundtrichter des Glasphallus aus Herford.

Im Kloster fanden sich Darstellungen von Szenen, in denen Frauen eine Schlüsselrolle einnahmen. Ein Beispiel ist eine Darstellung von Judith, die Holofernes enthauptet. Der Glasphallus mag bewusst von der Äbtissin ausgewählt oder in Auftrag gegeben worden sein. Die Vermutung liegt sehr nahe, dass es nicht als Dildo genutzt wurde, sondern zum Spaß als Trinkgefäß verwendet wurde. Es könnte auch ein Symbol des Wandels der Kirche und der Gesellschaft des 16. Jahrhunderts sein. Es wäre also möglich, dass es zugleich ein Symbol der Lust war, aber nicht zwingend dafür verwendet wurde. Neben diesem Glasphallus gibt es weitere Glasphalli, die auch als Trinkgefäß belegt sind. Des Weiteren wurden weitere Gläser in der Kloake gefunden, die gut erhalten sind und von hoher Qualität sind. Allein bei dem Befund und dem Kloster muss die Äbtissin zur dieser Zeit reich gewesen sein. Im Damenstift, dem Damenkloster, wurden mehrere Hohlgläser und ein Trichterhalskrug mit Reliefmedaillons, also kleine Medaillons mit Darstellungen, aus Rheinland gefunden. Dieser Trichterhalskrug enthält Darstellungen und das Wappen der Margaretha von der Lippe (1565-1578).

Abb.5: Venezianische Glaskelche aus Paderborn, 17. Jahrhundert (Bildrecht LWL-Museum für Archäologie)

Trinken

Über die Jahrhunderte wurden bestimmte Tisch- und Trinksitten aufgestellt und geben zugleich den sozialen Stand der Gesellschaften wieder. Besonders im Mittelalter und der Frühen Neuzeit haben sich die Trinksitten verändert. So waren die Gebräuche, dass der Mund vor und nach dem Trinken mit einem Lappen geputzt werden musste, bevor man aus einem Becher trank. Der Gast wurde mit einem eigenen Kelch zum Trinken gestattet und wurde von den Bediensteten des Gastgebers nachgefüllt. Einige tranken aus einem einzigen Gefäße, wie aus einem Scherzgefäß. Die Scherzgefäße tauchten erstmals im 16. Jahrhundert auf.

 

Was heutzutage selbstverständlich ist ein Glas zum Trinken zu haben, waren Glasgefäße seit der Antike ein Luxus. Besonders war die Glasware dann teuer, wenn sie farblos, eine Hohlform, eine Verzierung mit Glasfäden oder Gold hatte und aufwendig geformt war. Die auffälligsten Glasformen, die es zum Trinken gab und noch gibt, sind Scherzgefäße. Diese erschienen erstmals in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wurden im 17. Jahrhundert beliebter und hielten bis zum 19. Jahrhundert an. Es sind Glasgefäße, die eine außergewöhnliche Form haben, die den: die Nutzer:in oder die Tischrunde belustigen sollte. Die ungewöhnlichen Formen dieser Scherzgefäße waren meist menschliche Figuren, Tiere oder Gegenstände wie ein Schwert oder ein Schuh. Scherzgefäße wurden nicht nur als Deko zur Schau gestellt, sondern zum Trinken verwendet. Aufgrund der aufwendigen Bearbeitung dieser Scherzgefäße waren die teuer und meist beim Adel vorzufinden. Seit der Antike gibt es Objekte in Form eines Phallus in Ton. Das Glasgefäß aus Herford ist einer der ersten Scherzgefäße in Phallusform. Wie bereits erwähnt, gibt es Glasphalli aus Mainz. Weiterhin, soll es einen weiteren in Braunschweig und in Leipzig geben. Diese werden auch ins 16. Jahrhundert datiert, womit es zeigt, dass Scherzgefäße an Beliebtheit zunahmen und diese Glasphalli zur dieser Zeit eine bekannte Form des Scherzgefäßes waren.

Abb.6: Scherzglas aus der Sammlung des Getty- Museum, 17. Jahrhundert (Bildrecht Digital image courtesy of the Getty‘s Open Content Program)

Glas ist vielseitig und zeigt, dass es unterschiedlich und für viele Funktionen hergestellt werden kann. Während Glas im heutigen Alltag allgegenwärtig ist, war es seit der Antike bis zur Frühen Neuzeit Luxusware. Der Adel oder der damalige sozial höhere Stand konnte sich Glas leisten. Die verbindlichen Tischsitten und das Trinken haben sich im Mittelalter bis hin zur Frühen Neuzeit stark verändert.

P.S.: Die genannten Glasgefäße sind auch in der Dauerausstellung zusehen und sind nur zum Sehen dar!

Dina Schwarz

Studentische Praktikantin

Quelle

 

A.König, ein Scherzglas aus der Spätrenaissance aus Höxter. In: LWL- Archäologie für Westfalen, M. M. Rind Altertumskommission für Westfalen, A. Dickers (Hg.), Archäologie in Westfallen- Lippe, (Münster 2010), S. 204-207.

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