10.06.2021

So nah und doch so fern - Chinesisches Porzellan in Westfalen

Chinesische Untertasse aus Porzellan, Fundort: Henrichenburg/Castrop-Rauxel (Bild: LWL/C. Moors)

Mein Rundgang durch die Dauerausstellung neigt sich schon dem Ende. Ich kann die letzte Kurve bevor es Richtung Ausgang geht schon erkennen, als ein zentral gelegener Tisch meine Aufmerksamkeit erweckt. Ich trete näher und lese auf einer Informationstafel, dass es in diesem Teil der Ausstellung um die Entdeckung neuer Welten geht. Das Objekt, das mir sofort ins Auge fällt, ist ein Stück chinesisches Porzellan. Dessen Geschichte, aber auch die Details, die zu erkennen sind, finde ich sehr faszinierend. Und als ich dann noch sehe, dass der Fundort des Porzellans in Henrichenburg, einem Stadtteil Castrop-Rauxels, liegt, ist für mich als gebürtigen Dattelner klar: Darüber möchte ich mehr erfahren.

Die Geschichte der Henrichenburg

Über die gleichnamige Burg selber sind allerdings nur wenige Informationen verfügbar, da sich Historiker und Archäologen mehrheitlich auf Mutmaßungen stützen.
Demnach soll Heinrich, der Namensgeber, in der ersten Hälfte des 13.Jahrhunderts nördlich der Emscher die Burg errichtet haben. Voran gegangen war die Aufschüttung eines Hügels, auf dem die Burg gebaut wurde.
Erste Hinweise über ihre Existenz liefert Ritter Arnold von Henrichenburg, der in einer Urkunde von 1263 als Besitzer der Burg genannt wird. Er soll ein Verwandter Heinrichs gewesen sein. Forscher nehmen an, dass die Henrichenburg im weiteren Verlauf der Geschichte über die Einheirat der Ritter in die Hände der Familie Düngelen gelangte. Die neuen Burgherren waren allerdings nicht zufrieden mit dem bisherigen Standort der Burg und errichteten deshalb weiter flussabwärts der Emscher eine Neue, bestehend aus einer Haupt- und einer Vorburg. Heutzutage wird der ehemalige Grundriss der neu errichteten Burg mit Heckenbepflanzungen nachgestellt.

Von 1480 bis 1725 stand die Henrichenburg im Besitz der Familie von Gysenberg. Danach wurde sie übergeben an die Familien von Westerholt und von Bönen, bevor sie 1787 unter der Fürstäbtissin Franziska Christine abgerissen wurde.

Neubaugebiet! Oder etwa doch nicht?

Das Gebietsreferat Münster fand in Zusammenarbeit mit dem Fachreferat für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der LWL-Archäologie für Westfalen den Porzellanteller bei Ausgrabungen von 1994 bis 1996 auf dem Gelände der neu errichteten Henrichenburg.
Ursprünglich lag ein Bebauungsplan für das Neubaugebiet „Burgplatz“ vor. Bei den Kanalisationsarbeiten fanden die Bauarbeiter Überreste der ehemaligen Henrichenburg, woraufhin das Gelände unter Schutz gestellt und der Bebauungsplan aufgehoben wurde.

Archäologen begannen darauf mit den Ausgrabungen und konnten Fundamente der vierflügeligen Hauptburg und der dreiflügeligen Vorburg freilegen. Es ist nachgewiesen worden, dass die Henrichenburg über einen Innenhof, verschiedene Wachtürme, zwei Brunnen, Ställe, eine Küche, eine Schlafkammer für Knechte, eine Wasserleitung aus Holz und mehrere, 8-12 Meter breite, Gräben verfügte.
In ihnen wurden zum einen Rüstungszubehör, aber eben auch eine umfangreiche Sammlung an Glas und Porzellanfunden geborgen.
Der Erhaltungszustand der Burgreste war hervorragend, da die Fläche zuvor unbebaut war und nur als Wiese genutzt wurde.

Der Weg nach Europa

Doch wie gelangte Porzellan, das in China seinen Ursprung hat, nach Westfalen? Das gilt es zu klären:
Über die Anfänge des Porzellans wird stark diskutiert. Da keine eindeutige Datierung möglich ist, stehen verschiedene Zeiträume zur Debatte. So sind die „Han-Dynastie“ (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) oder die Tang-Dynastie (617/18 – 907 n. Chr.) nur zwei von mehreren möglichen Beispielen, die die Problematik der Zeiteinordnung verdeutlichen. Fachleute allerdings sind der Meinung das erste „echte“ Porzellan sei in der Provinz des heutigen Zhejiang, 200 v. Chr., hergestellt worden.
Über den Seeweg gelangte das begehrte Porzellan nach Europa. Das angeblich erste Stück soll die „Fonthill-Vase“ gewesen sein. Ein Geschenk für den damaligen Papst Benedikt XII (1334 – 1342). Im 16. Jahrhundert waren überwiegend Portugiesen und Spanier für den Transport verantwortlich. Ab dem 17.Jahrhundert übernahmen vor allem Briten und Niederländer diese Aufgabe und verschifften es von ihren Häfen aus nach ganz Europa.
Um 1750 herum wurde Porzellan aber auch in Europa hergestellt, zum Beispiel durch Manufakturen in Fürstenberg oder Ilmenau („Graf von Henneberg“), wobei die chinesische Variante weiterhin sehr beliebt blieb.
Das Porzellan wurde nicht nur als Geschirr verwendet, sondern auch als Kaminaufsatz oder um es in speziellen „Porzellankabinetten“ anderen Fürsten und Königen zur Schau zu stellen.

Klein aber oho ...

Heute findet sich die in Henrichenburg gefundene Untertasse im Herner LWL-Museum für Archäologie, wo sie sich eine Vitrine zusammen mit drei anderen Porzellanfragmenten teilt.

Vitrine mit Porzellan in der Dauerausstellung (Bild: LWL/D. Wesselbaum)

Archäologen datieren sie auf den Zeitraum 1700-1750. Damit gehörte sie entweder der Familie Gysenberg, der Familie von Westerholt oder der Familie von Bönen, die, wie zuvor erwähnt, allesamt Besitzer der Burg waren.

Die 27 g „schwere“ Untertasse kann sich mit einer Höhe von 14 mm und einer Breite von etwa 9,8 cm zwar nicht die Allergrößte nennen, weiß dafür aber anderweitig zu beeindrucken. Ihr Dekor zum Beispiel existiert auf sehr wenigen Objekten.

Chinesischer Symbolismus auf Porzellan

Bei den meisten der in den Gräben gefundenen Stücke ist sowohl eine blaue Dekoration auf weißem Untergrund, als auch eine figürliche Szene zu erkennen. Hier ebenfalls! In der Mitte der Untertasse, dem sogenannten „Spiegel“, und an ihrem Rand, auch als „Fahne“ bezeichnet, sind sitzende Personen dargestellt, die wahrscheinlich alle eine Frau darstellen sollen, möglichweise sogar immer dieselbe. Diese lehnen sich an Steinen an.

Die Frau „im Spiegel“ hält einen Stab in ihren Händen, wohingegen sie „in der Fahne“ mit einer Pflanze zu sehen ist. In der rechten Hälfte der „Fahne“ kann man außerdem eine Lotusblüte erkennen. Weil allerdings keine genaue Interpretation zu den Symbolen auf dem Teller vorhanden ist, beziehe ich mich nun auf eigene Vermutungen.
So erinnern die Windungen am Ende des Stabes stark an den „Drachentanz“, der häufig zum chinesischen Neujahrsfest aufgeführt wird.

Die angesprochene Pflanze, die in der „Fahne“ zu sehen ist, könnte eine Darstellung der „Artemisia“ sein. Sie soll Böses und Krankheiten fernhalten und gehört damit – ebenso wie der Drache – zu den Symbolen in der chinesischen Kultur.

Bei der Frau auf dem Porzellan handelt es sich eventuell um die Göttin „Magu“, eine der ältesten chinesischen Gottheiten. Jene wird in der Regel als junge Schönheit verkörpert, die meist einen Korb gefüllt mit Hanf oder Pfirsichen bei sich trägt. Diese Beschreibung entspricht dem, was wir auf dem Porzellan sehen, da die Pfirsiche womöglich im oberen Bereich der „Fahne“ abgebildet sind. Bei dieser Interpretation würde allerdings ein klassischer Korb fehlen, wie wir ihn in der Abbildung sehen.
Mit Blick auf die mögliche Darstellung einer Lotusblüte am rechten Rand des Porzellans würde die Vermutung wieder Sinn ergeben. Da sie nämlich unter anderem ein Zeichen für Perfektion ist, wäre die Verbindung zur Göttin „Magu“ wiederhergestellt, die als „junge Schönheit“ ähnlich perfekt scheint.

Weil dies aber alles nur Vermutungen sind, machen Sie sich am besten einen eigenen Eindruck vom chinesischen Porzellan, aber auch von all den vielen weiteren Exponaten, die es im LWL-Museum für Archäologie in Herne zu sehen gibt.


Quellen

U.Schellhas, Ergebnisse der archäologischen Untersuchung auf dem „Burgplatz“ in Henrichenburg, Stadt Castrop-Rauxel. In: Ausgrabungen und Funde Westfalen-Lippe (Mainz 1999), S.175-192
U. Schellhas, Porzellan von einem Adelssitz im Ruhrgebiet. In: Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Ein Land macht Geschichte (Köln,1995), S.349-351

O. Ellger; C.Kneppe, Castrop-Rauxel-Henrichenburg – Zur Entwicklung eines mittelalterlichen Kirchdorfes. Kreis Recklinghausen, Regierungsbezirk Münster. In: Archäologie in Westfalen-Lippe 2012 (Langenweißbach 2013), S.134-137

https://www.chinarundreisen.com/china-info/die-geschichte-des-chinesischen-porzellan.htm  (abgerufen am 23.04.2021)

https://www.skd.museum/fileadmin/userfiles/Bildung_und_Vermittlung/Themenreihen/Digital/Dekoration_als_Sprache_Arbeitsbl_ntter_Porzellansammlung.pdf   (abgerufen am 27.04.2021)

Kategorien: Blog LWL-Landesmuseum-Herne · Mitarbeiter und Praktikanten · Dauerausstellung

Schlagwort: