Ein Steinzeitliches Unikat – Hier in Westfalen? Der Mammutfaustkeil aus Rhede
25.09.2026
Jonas Luderich
Warum ich dieses Objekt ausgewählt habe
Die Steinzeit ist die (bisher) längste Epoche der Menschheitsgeschichte und doch wissen wir, dank der zeitlichen Distanz, vergleichsweise wenig darüber. Vieles, was wir über die Menschen dieser Zeit wissen, haben wir durch deren hinterlassene Werkzeuge gelernt. Das macht diese Fundkategorie zu einem zentralen Element der Steinzeitforschung. Wie der Name schon sagt, sind ein Großteil der Funde dieser Zeit aus eben diesem Material - Stein. Bei dem Objekt dieses Beitrags geht es aber um ein Werkzeug der etwas anderen Art. Dieser Faustkeil besteht aus Mammutknochen und ist somit nicht nur ein aufschlussreiches Fundstück über die technologischen Errungenschaften des frühen Menschen, sondern auch eine absolute Seltenheit in Europa.
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Abb. 1: Der Knochenfaustkeil (Frontansicht)(LWL – Archäologie für Westfalen/ S. Brennführer)
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Abb. 2: Der Knochenfaustkeil (Rückansicht)(LWL – Archäologie für Westfalen/ S. Brennführer)
Abb. 3: Einer der beiden Faustkeile aus Italien, Castel di Guido.
Das Objekt
Das Objekt ist ein Faustkeil aus dem Oberschenkelknochen eines Mammuts. Er ist 14,2 cm lang, 9,4 cm breit und 3,4 cm dick. Datiert wird er in die Mittlere Altsteinzeit, etwa 70.000 Jahre vor heute. Geborgen wurde das Werkzeug 1982 in Rhede, in einer Sandgrube zusammen mit verschiedensten anderen Knochenresten. Das Fundstück ist sehr interessant, denn es lässt einen Blick in das technologische Inventar der mittleren Altsteinzeit Mitteleuropas zu. Zu dieser Zeit sind in Westfalen und dem restlichen Mittel- bis Osteuropa sogenannte Keilmesser als Leitmotiv der Kultur gängig. Dadurch sind Keilmesser zwar häufiger zu finden als Faustkeile, beide schließen sich aber keineswegs gegenseitig aus. Faustkeile aus Knochen sind sehr selten vorzufinden. Die einzigen Vergleichsstücke in Mitteleuropa datieren sehr viel früher, in das Ende der frühen Altsteinzeit vor 300.000 – 400.000 Jahren. Sie stammen aus Italien, wo ebenfalls Faustkeile aus Knochen von Europäischen Waldelefanten zusammen mit einer Vielzahl von anderen Knochenwerkzeugen gefunden wurden.
Abb. 4: Höhlenmalerei eines Mammuts in der Rouffignac- Höhle in Frankreich
Mammute und der Mensch
Mammute lebten schon lange bevor die ersten Homo Spezies auf den Plan traten, Fast 6 Millionen Jahre vor heute. Die bekannteste Mammutart, das Wollhaarmammut, entwickelte sich allerdings erst vor knapp 800.000 – 600.000 Jahren. Mit der Ausbreitung des Menschen wurde die Existenz des Mammuts aber zunehmend schwieriger. Man nimmt an, dass es mit dem Ende der letzten Eiszeit vor knapp 13.000 – 12.000 Jahren in Europa ausstarb und vor etwa 4.000 Jahren die letzten Mammute auf der Wrangelinsel verendeten.
Die Jagd von Menschen auf Mammute kann frühestens ab dem Mittleren Pleistozän, vor 60.000 Jahren durch Spuren an den Knochen nachgewiesen werden. Es finden sich allerdings schon weit früher Beweise für die Jagd auf andere Elefanten der Vorzeit. Es ist also durchaus möglich, dass Mammute auch schon früher gejagt wurden, aber durch deren dicke Haut und viel Fleisch Jagdspuren schwerer auf den Knochen zurückbleiben.
Unser deutlich älteres Objekt ist ein schönes Beispiel dafür, dass Menschen die Knochen von natürlich gestorbenen Mammuten schon früher genutzt haben. Schon in den frühsten Phasen der Steinzeit haben Menschen aus den Diaphysen, das sind die Mittelteile von Langen Knochen wie dem Oberschenkel, und den Rippen von Mammuten Werkzeuge hergestellt. Ab der Mitte der Spät-Altsteinzeit, vor ca. 20.000 Jahren, nahm die Masse und Art von Knochenwerkzeugen dann stark zu. Archäolog:innen finden Speerspitzen, Ahlen, Schaber, Schäfte, Fischhaken und vieles mehr aus dieser Zeit. In Osteuropa wurden sogar Unterkünfte die zum größten Teil aus Mammutknochen bestehen, gefunden und ausgegraben!
Woher bekamen die Menschen also Knochen zur Bearbeitung, wenn nicht von der Jagd? Besonders bevor die frühen Menschen verlässliche Methoden zur Jagd hatten war es vermutlich oft so, dass sie entweder von Raubtieren gerissene Tiere ausbeuteten oder Orte besuchten, an denen Mammute oft starben, sogenannte „Bone Beds“. Diese kann man sich in etwa so vorstellen wie Elefantenfriedhöfe, mit großen Ansammlungen an Kadavern von Mammuten. Sie befanden sich oft an Wasserstellen, wo ein Mammut schnell im Schlamm versinken konnte und entweder aus eigener Kraft nicht mehr loskam und verhungerte oder so in seiner Bewegung eingeschränkt war, dass es ein einfaches Ziel für Raubtiere und Jäger abgab.
Abb. 5: Paläolithische Knochenwerkzeuge, von links nach rechts: eine Harpune, ein Lochstab, ein Speerwerfer
Knochen als Werkzeuge?
Die erste Epoche unserer technologischen Entwicklung wird als Steinzeit angesprochen. Diese datieren wir gesichert auf etwa 2,6 Millionen Jahre vor heute bis zum Anbruch der Bronzezeit, diese begann vor ca. 5.000 – 3.000 Jahren in verschiedenen Teilen der Welt. Benannt ist diese Epoche nach dem Leitmotiv der Steinwerkzeuge, aber genauso wenig, wie in den Metallzeiten alles aus Metall hergestellt wurde, wurde Stein nicht als exklusive Ressource für den technologischen Komplex genutzt. Besonders Knochen bot sich bestens als Ersatzmaterial an. In einer Kultur, die von Jagd dominiert wurde, waren Knochen ein natürliches Nebenprodukt, welches man auch früh zu nutzen wusste. Anfangs wurden sie mithilfe von Steinwerkzeugen geöffnet um an das darin enthaltene Knochenmark, eine wichtige Ergänzung für die frühe Nahrungsversorgung, zu kommen. Doch die erfinderischen Zeitgenossen wussten noch mehr damit anzufangen. Knochen, Zähne, Geweihe und Elfenbein wurden über Jahrtausende hinweg benutzt, die frühsten Nachweise dafür sind etwa 1,5 Millionen Jahre alt. Besonders an Orten, an denen gut geeigneter Stein schwer zu finden war, konnten Knochen eine wichtige Ergänzung für das Herstellen von überlebenswichtigem Werkzeug sein.
Stein und Knochen
Der Faustkeil ist ein Kerngerät. Das bedeutet, dass zur Herstellung von einem Steinkern kontinuierlich Abschläge gemacht werden, bis er in der passenden Form für das fertige Werkzeug ist. Anschließend werden die Kanten durch feinere Abschläge bearbeitet um sie zu schärfen. Dieser Arbeitsprozess ist auch bei einem rudimentären Gerät wie dem Faustkeil ein hochkomplexer Ablauf. Auf diesen Grundlagen konnte auch ein Bearbeiten von Knochen stattfinden. Da das Material jedoch ein anderes war, mussten vor den ersten funktionalen Knochenwerkzeugen auch hier erst Techniken zur Verarbeitung entwickelt werden.
Zuerst ist es bei Knochen sehr viel wichtiger, wann man ihn verarbeitete. Ganz frische Knochen können zwar verwendet werden, sind allerdings noch sehr elastisch durch Fette und andere Produkte eines lebenden Körpers. Wartet man allerdings zulange, werden sie spröde. Am besten bearbeitet man Knochen eine kurze Zeit, nachdem sie dem Körper entnommen wurden, denn dann sind sie fest und leicht getrocknet, ohne sämtliche Flüssigkeit verloren zu haben und bei Kraftaufwendung zerfallen können.
Außerdem haben Knochen keinen Kern wie bei einem Stein, man kann also auch nicht von einem zentralen, harten Punkt Abschläge machen ohne Gefahr zu laufen, den Knochen unbrauchbar zu machen. Der Mensch musste spezielle Techniken entwickeln, um diese Knochen zu bearbeiten. Darunter fällt unter anderem das grobe Abschaben statt des Abschlagens, das Schleifen der Knochen um Kanten zu schärfen und das Polieren der Knochen. Alles sind technische Prozesse die für den Stein kaum oder gar nicht gebraucht wurden.
Anhand dessen wollen viele Forscher:innen nachvollziehen, dass schon sehr frühe Menschen und auch Neandertaler zu komplexen, technischen Innovationen und Abläufen fähig waren. Auch wenn diese Schlussfolgerung keine Einstimmigkeit in der Forschung genießt, ist es doch durchaus naheliegend.
Alleinstellungsmerkmal Knochen?
Wenn Knochen aber eine solch signifikante Rolle für den frühzeitlichen Menschen gespielt hat, wie kann es sein, dass dieser Faustkeil so eine Seltenheit ist? Einerseits sind natürlich nicht alle Knochenwerkzeuge aus Mammutknochen. Ein Großteil der Knochenwerkzeuge über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg bestand aus den Knochen kleinerer Tiere, die der Mensch sehr viel häufiger und einfacher jagen und nutzen konnte. Diese boten sich mit ihrer kleineren Größe jedoch auch schlecht für Faustkeile an. Gab es also einen tieferen Grund für die Herstellung? Möglich wäre ein Erinnerungsstück an eine Jagd oder ein rein ästhetisches Empfinden und der Faustkeil war gar nicht primär als Werkzeug gedacht.
Allerdings ist die Identifikation von Knochen als Werkzeug auch nicht so einfach wie bei Steinen. Da Stein ein wesentlich härteres Material ist, sind unabsichtliche Einwirkungen dort sehr viel seltener. Knochen können Bissspuren von Jagdtieren oder Schäden durch die Jagd durch Menschen davontragen. Viele wurden auch zum Knochenmarkkonsum präpariert und es kann nicht eindeutig unterschieden werden, ob die Veränderung rein zum Erreichen des Marks oder zur Werkzeugweiterverarbeitung vorgenommen wurden. Auch durch einfach Herumrollen in Sand oder Erde, können die Kanten eines Knochenstücks genau wie bei Steinen so abgenutzt werden, dass es unklar ist, ob eine Veränderung durch den Menschen stattgefunden hat.
Letztlich ist auch zu erwähnen, dass Knochen, wie alles organische Material im Kontakt mit Sauerstoff über die Zeit hinweg zersetzt wird und sich dadurch einfach schlechter erhält als Stein. Es ist also durchaus möglich, dass es viel mehr Objekte dieser Art gab und der Faustkeil gar nicht so selten ist.
Was uns der Faustkeil sagen kann
Zuerst einmal muss für eine Interpretation geklärt werden was ein Faustkeil ist. Nach Farizy (1988): „Ein mandelförmiges Steinwerkzeug, dessen beide Seiten mehr oder weniger vollständig bearbeitet sind.“ Es handelt sich also um ein Werkzeug aus, in der Regel, Feuerstein oder Quarzit, das beidflächig, oben und unten, bearbeitet ist und bifazial, also beidseitig, retuschierte Kanten hat. Eine Retusche ist hier eine Bearbeitung durch viele kleine Abschläge um eine scharfe Kante zu erschaffen. Die Funktion des Faustkeils ist umstritten. Klar ist, dass er einen vielseitigen, funktionalen Charakter hat. Unter die nachweisbaren Funktionen fallen das Schneiden, Kratzen, Schaben und Bohren, vermutlich vor allem im Kontext der Jagd und Beuteverarbeitung. Einige Forscher:innen sehen aber auch vor allem in der starken Standardisierung eine symbolische Komponente und den Faustkeil als Identitätsstiftend für eine frühzeitliche Kultur.
Die Keilmesser, welche mit dem Neandertaler assoziiert und in dem Kontext unseres Objektes das technologische Leitmotiv sind, sind ebenfalls beidseitig bearbeitet. Allerdings haben Keilmesser einen gröber gearbeiteten Rücken und nur eine scharfe Seite, womit sie eher als Schneidewerkzeuge gedeutet werden können.
Abb. 6: Pradnik Keilmesser (LWL – Archäologie für Westfalen/ S. Brennführer)
Die Interpretation unseres Faustkeils kann daher vielfältig ausfallen. Der Faustkeil war zu dieser Zeit schon dabei als Leitmotiv vom Keilmesser abgelöst zu werden, ca. 20.000 Jahre später sind die letzten Faustkeile zu finden, besonders bei den Neandertalern, die ihn vermutlich gefertigt haben. Außerdem wurde er aus dem Knochen eines Mammuts gefertigt und stellt somit eine noch seltenere Art von Faustkeil dar. Diese Seltenheit zeigt sich ganz besonders darin, dass es in dieser Zeit in Mitteleuropa kein vergleichbares Fundstück gibt. Doch Faustkeile aus Mammutknochen findet man vereinzelt auf der ganzen Welt verteilt. War dieser Faustkeil also eine prestigeträchtige Trophäe, fand man den Knochen als Material einfach nur schön oder ist er gar keine Seltenheit und es wurden einfach noch nicht mehr Vergleiche in Europa gefunden?
Aber wie so oft in der Archäologie haben wir wahrscheinlich kein vollständiges Bild. Es könnten Hunderter solcher Faustkeile hergestellt worden sein und wir haben sie einfach noch nicht finden können oder sie sind bereits durch die Zeit vergangen. Eine Neuinterpretationen bei ähnlichen Funden ist immer möglich.
Fazit
Abschließend kann man sagen, dass der Faustkeil aus Mammutknochen ein sehr aufschlussreiches Fundstück ist. Die Knochenwerkzeuge als Kategorie bilden ein faszinierendes Forschungsfeld der Steinzeit als zweitwichtigste Ressource des Menschen in seinen frühen Entwicklungsstufen. Das Stück ist datiert auf einen relativen späten Teil der Zeit, wo das Modell des Faustkeils immer weniger vorkommt. Hinzukommt, dass es aus einem massiven Mammutknochen besteht was die Bearbeitung wohl umso mühseliger und Vergleichsstücke noch seltener machte.
Nach dem momentanen Stand, ist der Mammutfaustkeil hier im Museum also zeitlich und räumlich ein absolutes Einzelstück und Highlight der Dauerausstellung für jeden, der sich für die Menschen der Steinzeit oder die Geschichte unserer technologischen Entwicklung interessiert.
Jonas Luderich, studentischer Praktikant
Literaturverzeichnis:
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Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1: LWL – Archäologie für Westfalen, S. Brennführer
Abb. 2: LWL – Archäologie für Westfalen, S. Brennführer
Abb. 3: Boschian, G., Saccà, D., In the elephant, everything is good: Carcass use and re-use at Castel di Guido (Italy), Quaternary International, 2014, 3
Abb. 4: Rouffignac-Höhle in ROUFFIGNAC-SAINT-CERNIN-DE-REILHAC - Lascaux Dordogne Vézère-Tal (zuletzt besucht 24.09.2026)
Abb. 5: L. Backwell - F. d’Errico, Paleolithic Bone Tools, In: C. Smith (Hrsg.), Encyclopedia of Global Archaeology (2014) 960
Abb. 6: LWL – Archäologie für Westfalen, S. Brennführer