Mysteriöser Turmschädel

28.07.2022 Praktikant:in

Abb.1: Kopie eines Turmschädels. Foto: Muhammed Efecan Köse, LWL

Mysteriöser Turmschädel - Der Turmschädeltrend als Folge von Migration im 4.-6. Jhr.

Wer bin ich?

Im Rahmen meines sechswöchigen Berufsfeldpraktikums für mein Lehramtsstudium an der RUB entschied ich mich für das LWL-Archäologiemuseum in Herne. Ich helfe vor allem, an der Seite vom Projektleiter Julian Lennartz, beim neuen und interessanten Projekt „Your Story Matters“ mit. In dem Projekt wird mithilfe eines bunt gemischten Beirats eine App mitentwickelt. Der Beirat formt sich aus mehreren Personen mit migrantischem Hintergrund, die ihre Stories erzählen. Darauffolgend werden die Stories in der Daueraustellung ihren Platz finden.

Ich verspürte ein großes Problem bei der Auswahl eines Lieblingsexponates aus dem Museum. Es gab einfach zu viele spannende Objekte. Mit dem Hintergrund meiner Aufgabe im „Your Story Matters“ Projekts, wählte ich den Turmschädel. Der Turmschädel kam nämlich als Folge von Migration nach Deutschland!

Abb.2: „Turmschädel der Frau von Oßmannstedt“. Foto: Hauke Arnold, URL: https://sites.tlda.de/museum-weimar/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Ossmannstedt2.jpg

Das Original im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens

Anthropologischen Untersuchungen zufolge handelt es sich um den Schädel einer jungen Frau. Der Schädel datiert ins ausgehende 5. Jh. n.Chr.. Der Turmschädel wurde wahrscheinlich nach hunnischer Sitte durch das Bandagieren des Kopfes, im Kindesalter, deformiert. Im Grab fanden Archäolog:innen goldene Ohrringe, einen goldenen Fingerring, eine goldene Gürtelschnalle mit Granateinlagen, eine goldene Kette, sowie einen zerbrochenen hunnischen Bronzespiegel. Dem Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens zufolge handelt es sich um eine ostgotische Adlige, die auf der Reise zu einem Königshof umgekommen ist.

Historischer Kontext

Um 375 n.Chr. kamen die „Hunnen“ aus Zentralasien nach Europa. Mit dem Kunstbegriff der „Hunnen“ sind kleine und große Gemeinschaften gemeint, die von Zentralasien in den Westen migriert sind. Sie veränderten somit die politische Landschaft Europas. Mit dem Reitervolk gelangen neue Kulturen, sowie neue Schönheitsideale, in den Westen. In der archäologischen Wissenschaft wird vermutet, dass der Turmschädel als neuer Modetrend adaptiert worden ist. Ebenfalls wird vermutet, dass der Turmschädel eine Familienzugehörigkeit, oder Stammeszugehörigkeit, anzeigt. Außerdem könnte der Turmschädel auch ein Standesmerkmal sein, oder eine Art Körperschmuck. Ob der Schädel wirklich durch die „Hunnen“ nach Europa gelangt ist, ist anfechtbar.

Der Turmschädel im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringen wird einer ca. 165 cm großen Frau, die vermutlich 25 Jahre alt war, zugeordnet. Jedoch wurden nicht nur weibliche Turmschädel gefunden, sondern es gibt auch Funde männlicher Turmschädel. In Mannersdorf wurde ein Turmschädel, eines um die 27 Jahre alten Mannes, gefunden. Dieser Schädel ist im Naturhistorischen Museum in Wien ausgestellt.

Wo finde ich den Turmschädel?

Damit ihr Leser:innen euch auch den Turmschädel betrachten könnt, scannt einfach diesen QR-Code mit eurem Smartphone. Durch den QR-Code gelangt ihr zu einer Bilderreihe, die den Weg zum Turmschädel veranschaulichen sollen.  Mein Lieblingsexponat befindet sich zwischen dem Römerkubus und dem Forschungslabor. Unmittelbar daneben befinden sich die Bestattungsgräber mit Pferden, als rituelle Mitgift, oder Schmuck. Der Turmschädel befindet sich in der Wand, weil die Exponate in der Wand den zeitlichen Kontext bilden. Sie verbildlichen den Blick in die Welt aus Westfalen. So können sich Museumsbesucher:innen zeitlich orientieren und geschichtliche Verbindungen knüpfen.

Wie wird eine Kopie gemacht?

Der Turmschädel im LWL-Archäologiemuseum ist eine Kopie. Warum? Als eines der wichtigsten Gründe ist, dass das Fundstück aufgrund seiner Schönheit nicht gerne verliehen wird. Eine Kopie ist auch nachhaltiger, da man das Exponat nicht transportieren muss. Die Methode des Kopierens hilft vor allem bei Fundstücken, die zerbrechlich sind und bei einem Transport beschädigt werden könnten.

Für die genaue Vorgehensweise, wie eine Kopie erstellt wird, interviewte ich den Restaurator des LWL-Archäologiemuseums in Herne. Andreas Weisgerber ist aber nicht nur für dieses Museum zuständig, sondern restauriert für alle Museen des LWLs.

Zuerst wird eine Negativform für das Fundstück erstellt. Die Form besteht meistens aus Silikonkautschuk. Dieser schrumpft nämlich nicht, wie zum Beispiel Gips, oder Naturkautschuk. Als Trennmittel wird eine dünne Silikonschicht verwendet, mit einer Schutzkapsel aus Epoxyd. Heute werden aber nicht nur mit dieser Methode Kopien gemacht, sondern man hat ebenfalls die Möglichkeit mit einem Scanner, oder einem 3D-Drucker, Kopien zu erstellen.

Fazit

Wie oben schon erwähnt, kam sowohl die Methode des Turmschädels, als auch der Schädel durch Migration nach Westen. Mit Migration beschäftigen wir uns noch heute; mit einem Phänomen, dass mit archäologischen Funden vor 280.000 Jahren zeigt, dass Migration immer ein Teil der Menschheitsgeschichte war.

Um den Blog-Artikel und mein Praktikum mit schönen Worten abklingen zu lassen hier ein Zitat aus dem Werk „Vom Wandern der Völker. Migrationserzählungen in den Altertumswissenschaften“ von Felix Wiedemann, Kerstin P. Hofmann und Hans-Joachim Gehrke: „Migrationen eignen sich ideal dazu, erzählt zu werden.“

 

Muhammed Efecan Köse

(Studentischer Praktikant)

Literaturverzeichnis

Karl, Stephan; Trinkl, Elisabeth, Studie zur Relevanz archäologischer Reproduktionen für Universitäten, Museen, Denkmalschutz und Forschungsvorhaben. URL: Aufgabenstellung (uni-graz.at), abgerufen am 21.07.2022.

Krauskopf, Christof; Kuechle, Julia, Archäologische Funde aus Brandenburg in großer Ausstellung in Berlin. Bewegte Zeiten – Archäologie in Deutschland. Ein verformter Schädel für die Schönheit? Der Turmschädel von Ketzin, in: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum, Zossen 2018.

Martin, Max, Hunnen vs. Burgunden. Rache oder Schicksal?, in: Attila und die Hunne. Begleitbuch zur Ausstellung „Attila und die Hunnen“, Stuttgart 2007, S.313-319.

Schmölzer, Astrid, Völkerwanderungszeitliche Grabfunde mit künstlicher Schädeldeformation. URL: Microsoft Word - Masterarbeit_ENDE (uni-graz.at), abgerufen am 21.07.2022.

Wetzel, Holger, Die rätselhaften Turmschädel. In: Thüringer Allgemeine, Februar 2009, S.7.

Wiedemann, Felix; Hofmann, Kerstin P.; Gehrke, Hans-Joachim, Wanderungsnarrative. Zur Verknüpfung von Raum und Identität in Migrationserzählungen. In: Felix Wiedemann, Kerstin P. Hofmann, Hans-Joachim Gehrke (Hgg.), Vom Wandern der Völker. Migrationserzählungen in den Altertumswissenschaften, Berlin Studies of the Ancient World 41 1.Aufl (Berlin 2017), S.9.

Abbildungsverzeichnis

Abb.2.: Arnold, Hauke, Turmschädel der Frau von Oßmannstedt. In: https://alt-thueringen.de/ossmannstedt2/, abgerufen am 22.07.2022.